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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.12.2014

SpanienKulturwelt unterstützt Protestpartei

Die Partei "Podemos - Wir können" erhält wachsenden Zuspruch von spanischen Künstlern

Von Gregor Ziolkowski

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Pablo Iglesias, Parteivorsitzender der Protestpartei "Podemos" in Spanien bei einer Pressekonferenz. (AFP/Gerard Julien)
Pablo Iglesias, Parteivorsitzender der Protestpartei "Podemos" in Spanien bei einer Pressekonferenz. (AFP/Gerard Julien)

In Spanien wurde im Januar eine Partei gegründet, die schon im Mai bei den Wahlen zum Europäischen Parlament auf Anhieb acht Prozent erreichte: "Podemos – Wir können". Der Frontmann der Protestpartei, Pablo Iglesias, versteht es, den Unmut vieler Spanier über die Missstände zu bündeln.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der systemerschütternden Protestbewegungen und -parteien. In Spanien heißt es "Podemos – Wir können". Die auffälligste Verkörperung dieser Partei ist ihr Frontmann, Pablo Iglesias, ein 36-jähriger Professor der Politikwissenschaften. Der Mann mit dem langen Zopf, ein schneller Denker und überaus talentierter Rhetoriker, war bis vor Kurzem ein Dauergast in etlichen Medien. Diese Präsenz hat etwas nachgelassen, seit er Mitte November auf der Konstituierenden Versammlung ganz offiziell zum Parteichef gewählt wurde. Beflügelt vom steilen Aufstieg seiner Partei, gab er sich kämpferisch.

Iglesias: "Heute ist ein historischer Tag, an dem sich eine politische Partei zu formieren beginnt, die nicht nur eine Zuschauerrolle einnehmen will. Wir sind hier, weil wir gewinnen wollen, wir sind hier, weil wir die Regierung bilden wollen, wir sind hier, um das Land zu verändern."

Kein Mangel an Kritik

Die Eckpunkte seiner politischen Vorstellungen machen deutlich, dass er tatsächlich grundlegende Veränderungen anstrebt, die zugleich die Eckpunkte des Unmuts im Lande markieren.

Iglesias: "Es gibt eine gesellschaftliche Mehrheit, die will, dass die Reichen ihre Steuern zahlen, dass der einzige Weg, um die Korruption zu beenden, über eine Demokratisierung der Wirtschaft führt, die weiß, dass das Problem der Krise darin besteht, dass wir von Schlitzohren und Dieben regiert worden sind, und wir haben das Wort "Heimat" ausgesprochen und wurden dafür kritisiert."

In der Tat hat es an Kritik nicht gemangelt. "Unrealistisch" wurden die Vorstellungen dieser Partei in der mildesten Variante genannt. Autoritär, diktatorisch, kommunistisch, bolivarianisch, rückwärtsgewandt – das sind nur einige Begriffe aus dem Arsenal der schärferen Töne. Das Gespenst hat bis hierhin funktioniert, die erschrocken und hilflos wirkenden Reaktionen praktisch aller etablierten Parteien zeigen es.

Nicht so in der Welt der Künste, im Gegenteil: Der überaus populäre Sänger Miguel Bosé hat vor wenigen Tagen ein neues Album veröffentlicht, auf dem sich der Titel "Sí se puede" findet, eine nur leichte Paraphrasierung des Parteinamens "Podemos". Und er sagt sehr klar:

Bosé: "Ich meine, wir sind in diesem Moment doch alle auf einer Wellenlänge. Und den Diskurs von Pablo Iglesias und 'Podemos' mögen sie als populistisch oder demagogisch oder sonstwas bezeichnen – aber es ist das, was wohl vierzig Millionen von den sechsundvierzig, die wir sind, denken, das ist nun mal so."

Unterstützer: Noam Chomsky, Judith Butler, Naomi Klein

Die Zahl der Vertreter aus der Kulturwelt, die Zustimmung oder Sympathie öffentlich bekunden, wächst stetig. Schriftsteller wie der diesjährige Cervantes-Preisträger Juan Goytisolo oder die Autorin Almudena Grandes sind darunter, die überaus populären Liedermacher Joaquín Sabina oder Joan Manuel Serrat gehören dazu, Schauspieler wie Alberto San Juan. Das ist noch keine konzertierte Aktion, die Belege für die steigenden Sympathiewerte sind aber eindeutig. Man findet sie in Interviews, Artikeln, Präsentationen. Durchaus pikant ist dabei ein Detail: Etliche der sich jetzt um "Podemos" scharenden Künstler und Intellektuellen – z. B. Miguel Bosé – haben sich im Jahr 2008 im Wahlkampf für die Sozialistische Partei von José Luis Rodríguez Zapatero engagiert. Als ersten Trend einer künftigen Wählerwanderung darf man das wohl verstehen. Aber auch international hat das Positionsmanifest von "Podemos" ein prominentes Echo gefunden. Z. B. beim Filmemacher Ken Loach.

Loach: "Ich bin sehr erfreut, dass ich 'Podemos' unterstützen kann. Ihr Aufstieg ist fantastisch verlaufen und gibt all denen Hoffnung, die ein Ende dieser Austeritätspolitik herbeisehnen und den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft."

Eduardo Galeano, Noam Chomsky, Judith Butler oder Naomi Klein – die Liste der bisher gut drei Dutzend internationalen Unterzeichner des Manifests enthält klangvolle Namen. Diese noch so junge Partei hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens ein geradezu gewaltiges Echo und deutlich spürbare Bewegungen in der politischen Tektonik ausgelöst. Schon bald dürfte für diese Formation das Dasein als politisches Gespenst vorbei sein. Im kommenden Jahr stehen Regional- und Kommunalwahlen an, im Herbst die Parlamentswahl. Wir werden sehen, was die Wirklichkeit bringt.

Mehr zum Thema:

Spanien - "Podemos" bringt traditionelle Parteien in Zugzwang
(Deutschlandfunk, Europa heute, 21.07.2014)

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