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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.07.2011

Späte Wiedergutmachung

Wie sich ein jüdischer Flüchtling mit Deutschland versöhnt

Von Margarete Wohlan

Nach der Kristallnacht vom 9. November 1938 ist nichts mehr wie vorher.  (AP)
Nach der Kristallnacht vom 9. November 1938 ist nichts mehr wie vorher. (AP)

Leslie Baruch Brent flieht im Dezember 1938 mit dem ersten Kindertransport aus Nazi-Deutschland nach Großbritannien – für ihn ein Neubeginn. Erst 2001 wagt der angesehene Immunologe sich zum ersten Mal in das Land, in dem seine deutsch-jüdische Familie ermordet wurde.

Leslie Baruch Brent sieht aus wie ein englischer Lord, so wie er da sitzt, im Innenhof des ehemaligen Waisenhauses in Berlin-Pankow: im weißen Anzug und Sommerhut, schlank, leicht ergraut, britisch charmant. Der 86-Jährige erinnert sich:

"Also dieser Hof war etwas anders, da haben wir nicht solche Geräte gehabt, aber wir hatten eine Turnhalle hier, und die besteht nicht mehr – das war hier, wo wir gerade sitzen."

Im Dezember 1936 kommt Leslie Baruch Brent von Köslin in Pommern nach Berlin. Seine Eltern wollen ihn den antisemitischen Schikanen in der Schule nicht länger aussetzen. Sie schicken den 11-Jährigen ins jüdische Waisenhaus nach Berlin-Pankow, das ein Bekannter von ihnen leitet.

"Für einen Jungen, der ein Familienleben gehabt hat, ein intimes Familienleben, war das ein großer Schock. Dieses große Gebäude mit ungefähr 100 anderen Jungen, viele von denen sehr arm, ziemlich schreckliches Leben, die waren wirklich Waisen. Das war schon ganz schwer, in so einer großen Masse plötzlich zu leben."

Doch er lebt sich ein: geht zur Schule, gewinnt Freunde, spielt Tischtennis. Es scheint, als könne der Direktor des Waisenhauses Kurt Crohn die Kinder vor dem staatlichen Antisemitismus abschirmen – ja, mehr noch:

"Der Direktor hat mich einmal zu einem wunderbaren Konzert, von dem jüdischen Kulturbund organisiert, das war eine Aufführung von 'Elias', das wunderbare Stück von Mendelssohn – und er hat mich dort hingenommen. Und das war eine sehr aufregende Sache für mich, sehr eindrucksvoll. Das war eine ganz wunderbare Erfahrung für mich."

Bis heute liebt Leslie Baruch Brent Mendelssohn Bartholdy. Nach 1945 bleibt die Musik für viele Jahrzehnte seine einzige Verbindung zu Deutschland.

Im Spätsommer 1938 kann auch der mittlerweile 13-jährige Leslie nicht mehr ignorieren, was um ihn herum geschieht.

"Ungefähr drei Monate vor Kristallnacht gab es eine sogenannte Probe in Pankow: Da ist das Waisenhaus erstürmt worden von einem Mob von Männern. Aber ein Lehrer hat diesen Mob auf der Treppe getroffen mit einem kleinen Jungen im Arm und sie ganz ruhig angesprochen und gesagt: Ich möchte Sie erinnern, dass dieses Haus ein Waisenhaus ist, ich möchte sie auffordern, das Haus sofort zu verlassen. Das haben die getan."

Doch spätestens nach der Kristallnacht vom 9. November 1938 ist nichts mehr wie vorher. Für Leslie Baruch Brent sind die Kindertransporte nach Großbritannien die Rettung. Sie ermöglichen über 10.000 Kindern die Flucht aus Nazi-Deutschland.

"Durch den Direktor von dem Waisenhaus, Dr. Kurt Crohn, bin ich auf den ersten Kindertransport nach England geschickt worden. Das war am 1. Dezember 1938."

Einen Tag vor der Abreise trifft der 13-jährige seine Eltern, die mittlerweile im Berliner Untergrund leben, um sich zu verabschieden. Sie werden im Oktober 1942 in den Wäldern bei Riga erschossen.

Er habe Glück gehabt, erzählt Leslie Baruch Brent rückblickend: Bald nach der Ankunft kommt er auf ein Internat in Bunce Court, studiert nach dem Krieg Zoologie und wird zu einem angesehenen Immunologen auf dem Gebiet der Gewebe- und Organtransplantation. Peter Medawar holt ihn in seine Forschungsgruppe, die das Phänomen der "Immunologischen Toleranz" nachweisen kann. Dafür gibt es 1960 den Nobelpreis für Medizin.

"Für mich war das eine ganz ungeheure Möglichkeit, zusammen mit diesem sehr charismatischen Mann zu arbeiten. Er war ein ausgezeichneter Lehrer, ein ausgezeichneter Wissenschaftler, ein wunderbarer Mann, den ich sehr verehrte."

Auch privat sei es nicht schlecht gelaufen, meint der heute 86-Jährige verschmitzt lächelnd. Zwei Ehen, drei Kinder, neun Enkelkinder. Aber nicht einmal verspürt er in dieser Zeit den Wunsch, Deutschland zu besuchen.

"Ich habe immer ein Grauen vor Berlin gehabt als die Stadt, von der meine ganze Familie zum Tod geschickt worden sind. Das habe ich jetzt abgelegt, und jetzt kann ich sehen, dass Berlin eine wunderbare, schöne und interessante Stadt ist, sehr lebendig in jeder Beziehung."

2001 kommt er zum ersten Mal wieder nach Deutschland – auf Einladung der Cajewitz-Stiftung, die das jüdische Waisenhaus gekauft hat, es sanieren ließ – und die Waisen von damals nach Berlin einlud. Seit dem kommen sie jedes Jahr einmal.

Immer begrüßt mit einem Festakt im ehemaligen Betsaal des jüdischen Waisenhauses.

"Ich habe durch den Verein viele nicht-jüdische, aber auch jüdische deutsche Freunde bekommen, und ich verstehe die neue deutsche Mentalität viel besser. Ja, für mich ist das eine Wiedergutmachung, ja, kann man sagen eigentlich."

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