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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.11.2010

Späte Ehrenrettung eines Komikerduos

Sven Hanuscheck: "Laurel und Hardy. Eine Revision", Zsolnay Verlag, Wien 2010, 219 Seiten

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Die Komiker Stan Laurel & Oliver Hardy, auch bekannt als Dick & Doof, im Jahr 1936. (AP Archiv)
Die Komiker Stan Laurel & Oliver Hardy, auch bekannt als Dick & Doof, im Jahr 1936. (AP Archiv)

Zu Unrecht wurden Stan Laurel und Oliver Hardy als Torten schmeißende Slapstick-Comedians abgetan, sagt der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek. Und zeigt, wie die beiden eine eigene Filmsprache erfunden haben und ihre Gags auf perfektem Zeitgefühl und den dramaturgischen Ideen Stan Laurels fußten.

Sie gehören für viele zum höchst vergnüglichen Teil der Kindheitserinnerungen: "Dick und Doof", wie sie in Deutschland in blöder Verkennung und Vereinfachung heißen, waren der Inbegriff populärer Komikdarbietung. Man verbindet mit ihnen Tortenschlachten und die Aneinanderreihung von Missgeschicken. Buster Keaton und Charlie Chaplin gelten in der Filmgeschichtsschreibung längst als große Künstler, Stan Laurel und Oliver Hardy dagegen als Produzenten lustiger Massenware. Zu Unrecht, wie der Münchner Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek in seiner ebenso klugen wie leidenschaftlichen Analyse der "Stan & Ollie"-Filme beweist.

Hanuscheck betrachtet das Kinoschaffen der beiden Komiker als Gesamtkunstwerk. Nicht umsonst trägt diese filmhistorische Würdigung, die nicht zuletzt eine Liebeserklärung ist, den Untertitel "Eine Revision": "Laurel und Hardy sollen vom Kanon des nur Populären hin zur Kunst verschoben werden."

Die beiden haben, wie Hanuscheck zeigt, eine eigene Filmsprache erfunden, deswegen gehören sie in die Reihe der großen innovativen Jahrhundertkünstler. Dass sie meist anders wahrgenommen und filmhistorisch eingeordnet werden, liegt nicht zuletzt an den unendlich wiederholten Fernsehausstrahlungen, für die Filme, die nicht zusammengehörten, aneinandergereiht oder Langfilme zu kurzen Episodenfilme auseinander geschnitten wurden.

Der Name allerdings ist den Fernsehleuten nicht vorzuwerfen. Schon in den 1920er und 1930er-Jahren kam das Duo – Brite der eine, Amerikaner der andere – unter diesem Signet ins deutsche Kino. Den ersten gemeinsamen Film drehten sie 1922 für die Roach-Studios.

Stan Laurel (1890-1965), der im Gegensatz zu seiner naiv-kindlichen Filmfigur der eher Intellektuelle der beiden war, der über Theater- und Regieerfahrungen verfügte, antwortete auf die Frage, wie er denn mit Oliver Hardy zusammengekommen sei: Das sei ganz natürlich geschehen. Beide waren nicht besonders auskunftsfreudig, wenn es um ihre Biografie und ihre Arbeit ging. Oliver Hardy (1892-1957) resümierte sein Leben einmal kurz und knapp: Er habe eine Menge Gags vor der Kamera gemacht und den Rest der Zeit Golf gespielt.

Beide hatten bereits Solokarrieren hinter sich, bevor sie zum idealen Komiker-Paar wurden, dessen Rollenverteilung nicht zuletzt auf den dramaturgischen Ideen und dem perfekten Zeitgefühl von Stan Laurel fußte. Er war in vielen Filmen der Regisseur hinter dem Regisseur, der uneitel auf Namensnennung im Abspann verzichtete, dafür aber auf absoluter Professionalität am Set bestand.

Inzwischen gibt es umfangreiche DVD-Ausgaben der restaurierten "Stan & Ollie"-Filme. Dass die Neuansicht, die Revision dieser Filme lohnt, dass man dabei eine über die Zeit wirkende kluge Komikerkunst entdecken kann, das weist der Autor in diesem spannenden und materialreichen Buch nach. Man kann "homerisches Gelächter" hier als Motiv ebenso finden wie über den "Alltagssurrealismus" staunen und nicht zuletzt "die Lächerlichkeit der ganzen Welt in zwei Personen" finden. Nicht umsonst sah Samuel Beckett in Laurel und Hardy die Idealbesetzung für "Warten auf Godot".

Besprochen von Manuela Reichart

Sven Hanuscheck: Laurel und Hardy. Eine Revision
Zsolnay Verlag, Wien 2010
219 Seiten, 19,90

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