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Interview | Beitrag vom 22.10.2019

Soziologin Corinna OnnenKlischees über Einzelkinder - "Kein einziges stimmt!"

Moderation: Ute Welty

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Drei verschieden große Hände eines Vaters, einer Mutter und eines Kleinkindes liegen übereinander. (Eyeem / Carina König)
Über Einzelkinder halten sich hartnäckig Klischees, die meist sehr leicht zu entkräften sind. (Eyeem / Carina König)

Das Urteil der Soziologin Corinna Onnen über Einzelkinder ist klar: Charakterlich unterscheide diese und Kinder mit Geschwistern gar nichts. Die Prägung für das Gruppenverhalten erfolge bei Einzelkindern durch andere Kinder im Umfeld.

Ute Welty: "Land der Einzelkinder" – so heißt die Dokumentation über China heute bei arte. Über Jahrzehnte war es bis 2015 den meisten Chinesinnen und Chinesen verboten, mehr als ein Kind zu haben. Eine solche Vorschrift hat es in Deutschland nie gegeben, und trotzdem steigt die Zahl von Einzelkindern. Sie seien verzogen, eigensinnig und könnten weder teilen noch sich durchsetzen, so die gängigen Klischees. Glaubt man denen, dann steht eine Gesellschaft mit vielen Einzelkindern kurz vor dem Untergang. Als Professorin für allgemeine Soziologie in Vechta beschäftigt sich Corinna Onnen intensiv mit Einzelkindern. Kennen Sie denn ein Klischee über Einzelkinder, das tatsächlich stimmt?

Onnen: Das sind immer solche Fragen! Nein, ich glaube, kein einziges Klischee stimmt. Das haben Klischees, glaube ich, so an sich.

Welty: Was unterscheidet denn Einzelkinder von Kindern mit Geschwistern? Charakterlich.

Onnen: Charakterlich in der Regel zunächst erst mal gar nichts. Sie müssen sich einfach vorstellen, wenn so ein Kind in eine Familie hineingeboren wird, kennt das Kind ja niemanden, und dann sind da ein paar andere Menschen. Im Laufe der Entwicklung lernt das Kind ja die anderen Menschen kennen, und dann sind das die Eltern oder Großeltern, andere Bezugspersonen und eben auch Geschwister. Wenn die Kinder heranwachsen, und da sind Geschwister in der gleichen Familie, dann gewöhnt man sich ja dran, man hat ja keine Wahl. Insofern unterscheidet sich zunächst einmal nichts. Wenn mal alleine ist … beziehungsweise man ist ja nicht alleine, man hat ja andere Erwachsene um sich. Dann sorgen Eltern heutzutage dafür, dass es Kindertagesstätten gibt und andere Bezugsräume, wo Kinder Kinder kennenlernen.

Eltern entscheiden sich spät, Kinder zu bekommen

Welty: Das heißt, dieser Kontakt mit anderen Kindern dort in der Kita oder wo auch immer, der ersetzt die fehlenden Geschwister?

Onnen: Ja, und zwar zu 100 Prozent.

Welty: Man muss sich also keine Sorgen machen.

Onnen: Nein. Also in der Beziehung überhaupt nicht, nein.

Welty: Woran liegt es denn, dass auch in Deutschland immer mehr Einzelkinder aufwachsen? Hängt das vor allem mit der Situation von Elternteilen zusammen, die zum Beispiel alleinerziehend ein Kind wuppen können, aber mit einem zweiten an die Grenzen stoßen?

Onnen: Das würde ja bedeuten, dass man sich gleich bei der Familiengründung schon überlegt, dass man sich trennt und deswegen aus klugen Gründen nur ein Kind hätte. Das beobachten wir in der Forschung jedenfalls nicht, das könnte auch so eins von irgendwelchen Klischees sein, die aber nicht so weit verbreitet sind. Also der Grund dafür, dass es immer mehr Einzelkinder gibt oder nur Ein-Kind-Familien, ist ja, dass Eltern sich sehr spät entscheiden, Kinder zu bekommen, und das wird immer später. Das unterscheidet uns zum Beispiel von den Chinesen, auf die Sie gerade Bezug genommen haben. Da war es ja nicht … oder ist eine staatliche Verordnung gewesen: 'Man darf nur ein Kind haben.'

Hier in Deutschland oder Europa oder den sogenannten industrialisierten oder Dienstleistungsgesellschaften ist es immer stärker so, dass die Menschen mehr Wert darauf legen auf ein gut situiertes Leben, bevor man eine Familie gründet, und dann ist man ein bisschen älter, dann machen Frauen wie Männer Karriere oder wollen im Beruf durchstarten praktisch, und dann ist nicht so viel Zeit mehr für ein Kind beziehungsweise für zwei Kinder. Wobei wir ja da auch unterscheiden müssen zwischen den Familien.

Welty: Ja?

Onnen: Also im Prinzip betrifft dieses Einzelkindproblem oder -dasein sowieso nur ein Viertel aller Familien. Also nur in einem Viertel aller Familien sind Kinder alleine ohne andere Kinder als Bezug in ihrer Familie. Also es ist nur ein Viertel. Das hat sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert. Also ein Prozent. Sie hatten Mitte der 90er-Jahre 24 Prozent Einzelkindfamilien, und jetzt haben wir 25 Prozent. Also das können Sie vernachlässigen. So, und dann haben wir Zweikindfamilien, das sind die häufigsten Familien, und je höher die Eltern situiert sind, also je mehr Einkommen, je mehr Vermögen zu Hause zur Verfügung steht, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Mehrkindfamilien gibt. Also ganz andersrum als alltäglich oft behauptet wird.

Prägung durch ständigen Kontakt und Überwachung

Welty: Wie sehr wirkt sich denn die Erwartungshaltung von Erwachsenen auf das Einzelkind aus, das womöglich ständig beobachtet, beschenkt und betüdelt wird?

Onnen: Ja, das ist ein grundsätzliches Phänomen in der heutigen Gesellschaft, dass Kinder etwas Besonderes sind, weil man sehr lange praktisch darauf hingearbeitet hat beziehungsweise lange gewartet hat und im höheren Lebensalter von meistens Mitte bis Ende 30 durchschnittlich Kinder bekommt, und dann hat man ganz, ganz viele Jahre vorher gar keine Kinder gehabt, und dann kann man sich drauf fokussieren auf diese Kinder. Das hat eine Änderung in den Erziehungsstilen nach sich gezogen. Das Kind steht im Fokus, im Mittelpunkt, und wenn natürlich ein Kind da ist, ist der Brennpunkt etwas schärfer als wenn zwei Kinder da wären. Dann hätte man ja zwei Foki. Also insofern liegt auf jedem Kind, das geboren wird, ein spezifischer Fokus, der viel, viel stärker ist als sie es noch vor 50 Jahren hatten. Insofern müssen die Kinder heutzutage eine ganze Menge aushalten.

Welty: Und das hängt vor allem mit dem Alter der Eltern zusammen.

Onnen: Ja, die Ursache ist das Alter, das fortgeschrittene Alter. Wenn die mit Anfang 30 Kinder kriegen, ist das ein Unterschied als noch vor 100 Jahren beispielsweise, als man so mit gerade Anfang 20 eine Familie gründete. Dann ist man natürlich, wenn man zehn Jahre älter ist, etwas stärker im Erwachsenenleben, sage ich mal, etabliert und hat andere Vorstellungen. Unsere Erziehungsvorstellungen haben sich mit verändert. Kinder wachsen nicht einfach mehr nur so auf oder wie man früher sagte: Sie laufen mit oder sie gehen in die Nachbarschaft, sie gehen auf die Straße und lernen eine ganze Menge von anderen Familien, von anderen Kindern, müssen sich in irgendeiner Weise durch den Tag durchspielen. Das haben Kinder ja heute nicht mehr. Heute sind Kinder behütet in den Wohnungen, in den Familien mit einem oder zwei Geschwistern oder gehen in die Kita, sie werden dort hingebracht, sie werden den ganzen Tag überwacht. Seit wir Mobiltelefone haben, sind die Kinder in Komplettüberwachung. Da liegt natürlich ein Fokus dann drauf, der sich auf eine ganz spezifische Weise verändert hat im Laufe der letzten Jahre, und das ist ein viel größeres Problem, als wenn ein Einzelkind zu Hause ist und nur mit den Eltern zu tun hat oder mit Geschwistern und Eltern, also diese Dauerüberwachung durch Erwachsene.

Welty: Wenn wir das noch mal global denken, Auslöser für die chinesische Ein-Kind-Politik war ja die berechtigte Befürchtung, die vielen Menschen nicht mehr versorgen zu können, und das war ja auch zeitweise so, und noch heute kann sich nicht jedes Kind jeden Tag sattessen. Müssen wir angesichts einer drohenden Überbevölkerung nicht tatsächlich noch mal anders denken?

Onnen: Sie meinen weltweit beispielsweise nur ein Kind vorschlagen oder irgendwie sowas?

Welty: Ja.

Onnen: Ja, das ist ein ketzerischer Aufruf, das ist diese chinesische Methode, die übrigens in China – und das werden wir hoffentlich heute Abend sehen – ja auch nicht flächendeckend für ganz China gegolten hat.

Welty: Nein, es gab immer Ausnahmeregelungen für bestimmte Volksgruppen und so weiter.

Onnen: Ganz genau, für bestimmte Volksgruppen und für Regionenunterschiede und Ähnliches. Das wäre ja dasselbe, wenn wir das machen würden, wir würden jetzt bei uns ein Kind vorschreiben, dann müsste man alle Eltern daran hindern, Familien zu gründen, und das ist ein Eingriff, glaube ich, in persönliche und private Entscheidungen. Da kommen wir, glaube ich, keinen Schritt weiter. Dann gibt es ja unterschiedliche Vorstellungen in Gesellschaften und Kulturen, warum Kinder besonders wichtig sind. Bei uns jetzt in unserer Gesellschaft würde theoretisch – da gebe ich Ihnen recht –  eigentlich ein Kind reichen, und das finden wir in den Forschungen auch. Man braucht ja, wenn man spät Kinder bekommt, eigentlich nur ein Kind, damit man was nachwachsen sieht, man sieht, die eigene Geschichte geht weiter, die Familie geht weiter, und so erzählen uns das auch Eltern in unseren Studien. Also im Prinzip braucht man ein Kind zum betüddeln, um zu gucken, was nachkommt. Da reicht eigentlich eins. Das sind sogenannte psychologische Gründe. Wenn ich in eine Gesellschaftsform gehe, wo ich Kinder dringend brauche, damit ich im Alter selber überleben kann als Mutter, als Vater, als Familienangehörige, Großeltern, je nachdem, dann ist das ziemlich riskant, nur ein Kind zu haben.

Welty: Dem kann ja auch was passieren.

Onnen: Ja, ganz genau. Wenn mit diesem Kind was passiert, dann verhungert unter Umständen die gesamte Familie. Also wo Kinder oder die Familie eine Art Altersversicherung ist, da kann man sich nicht auf das Risiko von einem Kind einlassen, und somit wäre - wäre ja eh nicht umsetzbar - so eine weltweite Lösung 'Alle kriegen nur ein Kind!' eine absurde Vorstellung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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