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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.10.2010

Soziologe fordert mehr Transparenz für deutsche Stiftungen

Für Stiftungsforscher Adloff wären verpflichtende Jahresberichte erster Schritt

Frank Adloff im Gespräch mit Liane von Billerbeck

In den USA können Bürger sogar in die Steuererklärung von Stiftungen Einsicht nehmen. Für Frank Adloff wäre das auch hier wünschenswert. (AP)
In den USA können Bürger sogar in die Steuererklärung von Stiftungen Einsicht nehmen. Für Frank Adloff wäre das auch hier wünschenswert. (AP)

Der Soziologe Frank Adloff kritisiert die Intransparenz des deutschen Stiftungswesens. Wie sehr die Stiftungen dem Allgemeinwohl dienten, sei in Deutschland derzeit unklar, "weil wir entsprechende Informationen ja gar nicht haben", sagte er.

Liane von Billerbeck: Stiftungen haben ein überwiegend positives Image. Man erinnert sich an Millionärserben, die das ihnen zugeflogene Geld der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, indem sie Kindern aus bildungsfernen Schichten helfen oder ökologische und kulturelle Projekte unterstützen. Ohne Stiftungsgelder würde vieles in Wissenschaft, Kultur oder Bildung nicht möglich sein, weil das öffentliche Geld dafür manchmal fehlt.

Wie es steht um das deutsche Stiftungswesen, auch im internationalen Vergleich, das wird bei einer Tagung diskutiert, die die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften heute und morgen veranstaltet. Der Soziologe Professor Frank Adloff von der Universität Erlangen-Nürnberg ist dabei. Er hat das Stifterwesen in den USA und in Deutschland erforscht und sagt, es wäre in Deutschland schlicht intransparent. Schönen guten Tag, Professor Adloff!

Frank Adloff: Guten Tag!

von Billerbeck: Was liegt denn im Dunkeln bei deutschen Stiftungen?

Adloff: Im Dunkeln liegt noch relativ vieles, weil deutsche Stiftungen bisher nicht verpflichtet sind, Rechenschaft der Öffentlichkeit abzugeben. Es werden beispielsweise nicht unbedingt Jahresberichte publiziert.

von Billerbeck: Nun könnte man ja sagen, das ist privates Geld, das wird gestiftet, da soll doch derjenige, der es gestiftet hat, darüber entscheiden und nicht die Öffentlichkeit.

Adloff: Das ist ja auch so, dass der Stifter, die Personen, die gestiftet haben, darüber primär entscheiden, allerdings möchte die Öffentlichkeit natürlich gerne wissen, was mit dem Geld passiert, für welche Zwecke es ausgegeben wird, wie viel Geld überhaupt vorhanden ist, weil die Öffentlichkeit gewährt den Stiftungen ja auch steuerliche Vorteile.

von Billerbeck: Warum interessiert sich die Öffentlichkeit denn nicht dafür, hinter die Fassade der Stiftungen zu kommen?

Adloff: Bisher haben Stiftungen einfach ein positives Image, sie haben einen Nimbus, könnte man sagen, und die allgemeine Meinung ist ja, dass Stiftungen durch diesen Gemeinwohlbezug einfach Gutes tun.

von Billerbeck: Und das ist nicht so?

Adloff: Das ist in weiten Teilen so, aber wir wissen es natürlich nicht genau, weil wir entsprechende Informationen zum Teil gar nicht haben.

von Billerbeck: Sie haben verglichen das Stifterwesen in Deutschland und in den USA – was unterscheidet diese beiden Stiftungswesen, was machen die US-Amerikaner besser?

Adloff: Um auf diesen Punkt der Transparenz zurückzukommen, das machen die Amerikaner sicherlich besser. Seit 1969 gibt es dort ein Gesetz, das vorschreibt, dass Stiftungen tatsächlich alles offenlegen, jeder Bürger kann beispielsweise in die Steuererklärung der Stiftung Einsicht nehmen. Dann gibt es eine stärkere Rückbindung der Stiftungen an die Gesellschaft, es gibt einen Diskurs, einen lebhaften Diskurs über die Frage, woher kommen die Gelder, wohin fließen die Gelder. Und das ist sicherlich erst mal vorbildhaft.

von Billerbeck: Das muss ja auch in den USA einen Prozess bis dahin gegeben haben, denn es war im 19. Jahrhundert, so habe ich in einem Text von Ihnen gelesen, in den USA und in Deutschland weitgehend ähnlich, das Stiftungswesen, es gab aber einen Bruch dann nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation in Deutschland, als einfach die Mittelschicht verunsichert war und weniger gestiftet wurde, um es mal so kurz zusammenzufassen. In den USA, sagen Sie, hat es in den 60er-Jahren eine Veränderung gegeben – das muss ja eine Vorgeschichte haben, was ist da geschehen?

Adloff: Ja, interessanterweise sind Stiftungen in den USA eher von konservativer Seite angegriffen worden in den 50er-, 60er-Jahren. Man hat sie eher als Ausdruck des liberalen, sozialdemokratischen Establishments gesehen und hat vor allem die Verflechtung mit Unternehmen kritisiert. Und aus diesem Diskurs …

von Billerbeck: Klingt eher nach einer linken Position.

Adloff: Ja, aber das kam eher von konservativer Seite, und das lief dann auf dieses Gesetz hinaus, im Jahre 69, wo dann beispielsweise auch festgelegt wurde, dass eine Stiftung nur noch 20 Prozent an den Anteilen eines Unternehmens halten darf – eine Regelung, die wir in Deutschland hier beispielsweise nicht haben. Aber man kann auch sagen, dass schon gleich zu Beginn, als so ab 1910 die ganz großen Stiftungen wie Rockefeller und Carnegie gegründet wurden, dass es zumindest einen lebhaften Diskurs darüber gab, was die Sinnhaftigkeit ist. Es gab beispielsweise auch schon damals den Vorwurf, dass Vermögende wie Rockefeller einfach nur das Geld reinwaschen wollen durch diese Stiftungsgründung und den Gemeinwohlbezug.

von Billerbeck: Ich habe einen interessanten Satz bei Ihnen gelesen, der lautete: Eliten kreieren nicht nur Stiftungen, Stiftungen kreieren auch Eliten. Und das, müsste man hinzufügen, hat ja dann auch Auswirkungen auf das Gemeinwesen. Es müsste sich also alles in Deutschland, die Öffentlichkeit dafür interessieren, was passiert da eigentlich, was wollen Eliten mit ihren Stiftungen erreichen, denn Stiftungen überleben ja den Stifter.

Adloff: Ja, der Satz, den ich verstehe ich so, dass eigentlich eine schon existierende Elite, eine wirtschaftliche Elite, also Personen, die ein entsprechendes Einkommen, ein entsprechendes Vermögen haben, mit der Gründung einer Stiftung in der Lage sind, in ganz andere gesellschaftliche Bereiche vorzustoßen, also beispielsweise in den Bereich der Kunst, Kultur, Wissenschaft und so weiter. Und Stiftungen kreieren Eliten meint, dass eine Wirtschaftselite auch eine ganz andere Form von Elitenposition einnehmen kann, so eine Art Wertelite. Durch diese Orientierung am Gemeinwohl, durch das Kreieren einer gemeinnützigen Stiftung schafft man es, aus dem Wirtschaftsbereich hinauszutreten in andere gesellschaftliche Bereiche und sozusagen auch einen Führungsanspruch damit zu demonstrieren.

von Billerbeck: Das heißt, ein Konzern wie Bertelsmann, wenn er sich in der Kunst engagiert, entscheidet auch darüber, welche Kunst gefördert wird und welche Kunst möglicherweise auch besteht?

Adloff: Auch das geht damit einher, dass natürlich mit einer gemeinnützigen Stiftung oder auch mit größeren Summen, die man spendet, eine Möglichkeit besteht, auf bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, kulturelle Entwicklungen Einfluss zu nehmen, das ist klar.

von Billerbeck: Professor Frank Adloff ist mein Gast im Gespräch über die problematischen Seiten des deutschen Stiftungswesens. Die Tagung, die die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften heute und morgen veranstaltet, die befasst sich ja insbesondere mit der Rolle von Stiftungen in der Wissenschaftsförderung. Was ist daran problematisch? Also ich denke zum Beispiel, es gab jetzt neue Nachrichten aus der Stammzellforschung, angenommen, jemand hat eine sehr konservative Auffassung und möchte aber Wissenschaft fördern, der würde dann vermutlich keine Stammzellforschung fördern?

Adloff: Das ist richtig. Also wenn beispielsweise in einem ganz direkten Sinne Wissenschaft gefördert wird, beispielsweise durch das Stiften von Professuren, dann wird man sicherlich immer nach einer thematischen Ausrichtung Ausschau halten, die den eigenen Werthaltungen, den eigenen Präferenzen entspricht. Wobei ja nicht prinzipiell etwas daran problematisch ist, aber es muss offen diskutiert werden. Und interessant ist auch, dass da die Öffentlichkeit meines Erachtens doch auch recht sensibel reagiert, wenn beispielsweise ein Unternehmen, ein Pharmaunternehmen entsprechende Lehrstühle stiftet, die ganz nah am Zweck des Unternehmens orientiert sind.

von Billerbeck: Ist denn der Einfluss privater Interessen auf den Wissenschaftsbereich durch das Stiftungswesen gefährlich?

Adloff: Das kann man bisher mit Sicherheit nicht so sehen, dazu ist der Einfluss auch noch viel zu gering. Nur auch hier gilt es, einfach die Augen aufzuhalten und vor allem auch die potenziellen Stifter, die Spender in einen Diskurs hineinzuziehen und zu sagen, es ist richtig und legitim, eigene Interessen und Werthaltungen einzubringen, aber die müssen abgeglichen werden natürlich auch – mit den Bedürfnissen der Wissenschaft, mit anderen gesellschaftlichen Bedürfnissen –, sodass nicht einfach nur idiosynkratische Vorstellungen von Stiftern zum Tragen kommen, dass – was weiß ich – nicht beispielsweise ganz merkwürdige, abseitige wissenschaftliche Projekte mit riesigen Summen gefördert werden, wo vielleicht der Bedarf an wissenschaftlicher Forschung in ganz anderen Bereichen liegt.

von Billerbeck: Welche Möglichkeiten gibt es denn, das Stiftungsrecht zu reformieren, damit man diese Ziele erreichen kann und die Öffentlichkeit eben hinter die Fassade von Stiftungen blicken kann?

Adloff: Wichtig wäre meines Erachtens, zunächst mal dafür zu sorgen, gesetzlich auch durchzusetzen, dass das Stiftungswesen transparenter wird, dass es eine Pflicht gibt, Jahresberichte zu publizieren. Das andere ist: Ich würde darauf drängen, dass beispielsweise die Stiftungen sich in einen demokratischeren Prozess hineinbegeben würden und beispielsweise bei der Gremienbesetzung in den Stiftungen darüber nachdenken, diejenigen, die betroffen sind von den Handlungen der Stiftungen, von den Förderentscheidungen mit hineinzunehmen in die eigenen Gremien, sodass im Grunde dort schon ein Gespräch stattfinden kann und verschiedene Interessen und Perspektiven schon abgeglichen werden können.

von Billerbeck: Wie meinen Sie, wie weit ist dieser Prozess gediehen in Deutschland, bis es dahin kommt?

Adloff: Das ist sicherlich sehr unterschiedlich. Da gibt es einige vorbildliche Stiftungen und andere, die aber …

von Billerbeck: Nennen Sie doch mal ein paar!

Adloff: Schöne Stiftungsarbeit beispielsweise auch in dieser Hinsicht leisten mit Sicherheit die Körber-Stiftung, die Bosch-Stiftung und andere Stiftungen. Da würde man sicherlich eher das Gefühl haben, dass sie sich mehr sagen wir mal in ein horizontales Verhältnis begeben sollten mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und dort mehr das Gespräch suchen sollten, als jetzt so top-down zu entscheiden, was sie fördern wollen und in welche Richtung bestimmte Entwicklungen laufen sollen.

von Billerbeck: Und wer ist so das Schwarze Schaf, wo man sagen könnte, da müssen wir wirklich aufpassen als Öffentlichkeit?

Adloff: Na ja, im Moment ist es ja relativ beliebt, über die Bertelsmann-Stiftung zu sprechen, aber es ist möglicherweise auch wirklich ein problematischer Fall, weil die Bertelsmann-Stiftung über großen politischen Einfluss verfügt hat in den letzten Jahren, und Gegenspieler fehlen. Dass die bisher noch nicht aufgetreten sind, wie beispielsweise in den USA, wo wir ja auch solche Stiftungen haben – Think Tanks nennt man ja meistens diese politisch aktiven Organisationen –, aber da gibt es dann eine ganze Vielzahl von verschiedenen Stiftungen und Think Tanks, die miteinander konkurrieren, und die politisch interessierte Öffentlichkeit, die weiß auch, wofür die verschiedenen Organisationen stehen, während die Bertelsmann-Stiftung tatsächlich bisher so auftrat, als würde sie einfach nur das Gemeinwohl in einem ganz allgemeinen Sinne repräsentieren. Aber dass dahinter natürlich auch immer ganz bestimme politische Haltungen stehen, ist darüber meines Erachtens ein wenig in Vergessenheit geraten.

von Billerbeck: Über Fehlentwicklungen im deutschen Stiftungswesen sprach ich mit Professor Frank Adloff von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Danke für das Gespräch!

Adloff: Ich danke auch!

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