Seit 08:00 Uhr Nachrichten

Mittwoch, 13.11.2019
 
Seit 08:00 Uhr Nachrichten

Breitband | Beitrag vom 24.08.2019

Soziologe Armin Nassehi über Digitalisierung "Dritte Entdeckung der Gesellschaft" 

Vera Linß und Marcus Richter im Gespräch mit Armin Nassehi

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Illustration zeigt einen Mann, der von einer Mausefalle in der Form eines Smartphones gefangen ist. (imago images / Panthermedia)
Nassehi beklagt, dass die bisherige kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung zu kurz greife. (imago images / Panthermedia)

Technologie kann sich nur durchsetzen, wenn sie den Nerv der Gesellschaft trifft, lautet die These des Soziologen Armin Nassehi. Doch Technologie sei auch eine Bedrohung. Deshalb müssten wir lernen Technologie, besser zu kritisieren und einzuordnen.

Wir müssen lernen Technologie, besser zu kritisieren und einzuordnen, findet der Soziologe Armin Nassehi. Wir haben mit ihm über sein neues Buch "Muster" und seine "Theorie der digitalen Gesellschaft" gesprochen.

In seiner "Theorie der Digitalisierung" geht es Armin Nassehi darum zu erklären, warum die digitale Technologie in der Gesellschaft so erfolgreich ist. Seine These: Technologie kann sich nur durchsetzen, wenn sie den Nerv der Gesellschaft trifft. In seinen Augen sei die Gesellschaft schon im 19. Jahrhundert eine moderne digitale gewesen. Diese habe sich durch eine steigende Komplexität und Urbanisierung entwickelt, was dazu führte, dass man sich auf vorherige, analoge Wahrnehmungsformen nicht mehr verlassen konnte.

Die dritte Entdeckung der Gesellschaft

Diese Umstände sind für Nassehi der Grund, weshalb die Digitalisierung so rasend angenommen wurde: Sie stillte ein bereits vorhandenes Bedürfnis, statt ein neues zu kreieren. Diese Entwicklung nennt er "die dritte Entdeckung der Gesellschaft", weil es nun möglich sei, die Funktionsweisen unserer Gesellschaft sehr viel präziser nachzuvollziehen als davor.

Doch auch wenn dieser Erkenntnisgewinn erst einmal positiv wirkt, Nassehi sieht auch negative Seiten. So würde menschliches Verhalten mit rechnerischen Mitteln vorberechnet, was der Soziologe als Demütigung bezeichnet und ein Grund sein könnte, warum sich einige gegen die fortschreitende Digitalisierung wehren. 

Armin Nassehin ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Hier ein Portät vor der TV Talkshow "Hart aber Fair". (picture alliance / Sven Simon)Soziologe Nassehi: Digitalisierung ist ein inhärent soziologisches Thema. (picture alliance / Sven Simon)

Zwar habe es schon früher Stereotype gegeben, nach denen Menschen eingeschätzt und beurteilt wurden, doch nun würden auf einmal Dinge sichtbar werden, die vorher gar nicht in den Gedanken der Gesellschaft vorkamen. Als Beleg dafür, dass die Schubladen, in die man von Algorithmen gesteckt wird, tatsächlich funktionieren, nennt Nassehi personalisierte Werbung. Diese könne schließlich nur erfolgreich sein, wenn der Mensch tatsächlich vorhersehbaren Mustern folgen würde.

Es wird Zeit die Technik und nicht ihren Einsatz zu betrachten

Nassehi beklagt, dass die bisherige kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung  zu kurz greife. Ein Punkt, dem einer dieser Kritiker, der Literatur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski in Teilen zustimmt. Momentan sei Kritik zu sehr auf die Interessen von Medien und Unternehmen fokussiert und man müsse öfter fragen, was die eigentliche Technologie fordert und weshalb sie damit erfolgreich sei.

Für Nassehi ist ein Beispiel dafür die Datenschutzgrundverordnung. Die Idee der DSGVO sei genial, doch die Praxis unterscheide sich stark davon. Denn es seien zwar rechtliche Regulierungen geschaffen worden, die den Leuten am Smartphone zeigt, was die Apps mit ihren Daten machen. Doch das eigentliche Problem, nämlich die Technik, die es möglich macht so viele Daten zu sammeln, ist immer noch dieselbe und sammle fleißig weiter. 

Digitalisierung ist ein inhärent soziologisches Thema

Darum ist es in seinen Augen wichtig zu verstehen, dass Menschen zwar von Technologie angezogen würden, diese aber auch eine Bedrohung darstelle. Es sei naiv zu glauben, dass Warnungen zu einem veränderten Nutzungsverhalten führen würden, so Nassehi. Darum sei es wichtig, einen Diskurs zu finden, der tatsächlich zu einem anderen Verhalten führt.

Genau das sei der Grund, weshalb der Soziologe Nassehi genau sein Fach in der Verantwortung sieht. Die Digitalisierung docke schließlich an die Gesellschaft an und beeinflusse diese. Darum sei es auch Aufgabe der Soziologie sowohl im Hinblick auf die Gestaltung von, als auch der Kritik an Digitalisierungsfragen mitzuwirken und herauszufinden, was genau dort passiere.

Armin Nassehi: "Theorie der digitalen Gesellschaft"
C.H.Beck, 2019, 352 Seiten, 26 Euro


In unserer Sendung Lesart sprach auch Christian Rabhansl mit Armin Nassehi. Hören Sie hier das Gespräch:

Mehr zum Thema

Breitband Sendungsüberblick – Theorie der digitalen Gesellschaft
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 24.08.2019)

Aus den Feuilletons – Öko-Rigoristen im Sharing-Wahnsinn
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 03.08.2019)

Adornos "Studien zum autoritären Charakter" – Der Mensch als Anhängsel der Maschine
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 04.08.2019)

Breitband

RuNetWarum Russland ein eigenes Internet will
Die verschattete Silhouette eines Mannes an einem Schreibtisch, im Hintergrund eine Milchglaswand mit Code zum Teil in kyrillischen Buchstaben. (Picture Alliance / TASS / Vladimir Gerdo)

Kritiker warnen vor stärkerer Überwachung russischer Nutzer, denn der Kreml plant, ein eigenes Netz aufzubauen. Die digitale Abschottung hat auch geopolitische Gründe: In der vernetzten Welt können sogar kleine Staaten einer Großmacht gefährlich werden.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur