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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.03.2019

Soziolinguistin Diana MarossekMit offenen Ohren durch die Stadt

Moderation: Ulrike Timm

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Die Soziolinguistin und Autorin Diana Marossek. (Anja Schwenke)
Hört auf Volkes Sprache: die Soziolinguistin und Autorin Diana Marossek. (Anja Schwenke)

Die Soziolinguistin Diana Marossek hat dem Volk aufs Maul geschaut – und dabei "Kurzdeutsch" entdeckt. "Kommst Du Bahnhof oder hast Du Auto?" heißt denn auch ihr Buch zum Thema. Dafür hat sie mehr als 6000 Probanden gelauscht.

Wenn eine Achtklässlerin ihren Freunden "Ich geh Spielplatz" zuruft und ihr Kumpel antwortet: "muss Training!", dann ist das ein Fall für Diana Marossek. In ihrer Doktorarbeit untersuchte die Soziolinguistin die jüngsten Entwicklungen der gesprochenen Sprache und stieß dabei auf einen Trend zur verkürzten Ausdrucksweise. "Kurzdeutsch" nannte sie fortan diese Sprechvariante.

"Es gab für diese Art zu sprechen bei Google keinen Begriff und auch in der Fachliteratur gab es keinen Begriff. Es geisterten so Sachen rum wie ‚Dönerdeutsch‘ oder ‚Kiez-Deutsch‘ oder ‚Assi-Sprech‘. Das fand ich alles überhaupt nicht passend. Und wenn man jemandem sagt: Ich erforsche einen ‚Ethno-Dialekt‘ oder einen ‚sozial geprägten Ethnolekt‘, dann gucken einen alle an. Also musste ich ein Wort erfinden, das den Sinn der Sprache wiedergibt, das verkürzt und von jedem verstanden wird", erläutert Marossek.

Sprachforschung in der Berliner S-Bahn

Schon als Kind entwickelte die gebürtige Ostberlinerin feine Antennen für unterschiedliche Sprechkulturen. Nach einem BWL-Studium schloss sie deshalb einen Master in Soziolinguistik an. 2016 erschien ihr Buch "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?", für das sie die Sprechweise von gut 6000 Menschen analysierte. Nur – wie macht man das am geschicktesten, ohne etwa die Authentizität zu verfälschen?

"Man kann ja nicht zu den Leuten hingehen und sagen: Hallo, mein Name ist Diana und ich würde gerne mal hören, wie scheiße du sprichst."

Diana Marossek entschied sich für die heimliche Variante: Sie fuhr stundenlang mit offenen Ohren in der Berliner Ringbahn und lauschte ihren Mitreisenden. Außerdem setzte sie sich als Referendarin getarnt hinten in die Klassenzimmer und sammelte dort die Sprachgewohnheiten von Schülerinnen und Schülern.

Viele könnten durchaus auch "Langdeutsch" sprechen, es gehe bei der Art sich auszutauschen oft um eine Zugehörigkeit, die je nach Kontext geändert werden könne.

Für Außenstehende ist das nicht unbedingt leicht zu erkennen. In manchen Fällen, sagt die Mittdreißigerin, könnten etwa Beschimpfungen durchaus freundschaftlich gemeint sein.

"Die rituelle Beschimpfung ist ein Phänomen, bei dem man sich gegenseitig als ‚Opfer‘ oder als ‚Missgeburt‘ oder als ‚Tussi‘ bezeichnet und eigentlich sagen möchte: Du gehörst zu meiner sozialen Gruppe."

Dabei sei Kurzdeutsch nicht ausschließlich auf eine bestimmte Lebensphase beschränkt. "Früher war Jugendsprache etwas, was Jugendliche gesprochen haben. Heute ist Jugendsprache etwas, was bis ins Erwachsenenalter gesprochen wird."

"Das Gehirn merkt: Das funktioniert!"

Diese Entwicklung erklärt sie sich auch mit den sich ändernden Kommunikationsformen durch Messenger-Dienste, denen eine verknappte Sprache oft entgegenkommt.

"Früher musste man für die SMS ja bezahlen. Deshalb hat man sich so kurz gefasst wie möglich und auch Artikel weggelassen. Und wenn das Gehirn merkt, das funktioniert und man wird verstanden, warum sollte man es lassen?"

Für ihre Entdeckung wurde Diana Marossek mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Heute präsentiert sie ihre Forschungsergebnisse aber nicht in den Hörsälen von Universitäten, sondern auf Science-Slams. Neben ihrer Leidenschaft für Sprache und Sprechen interessiert sie sich aber auch für Bildliches: In Berlin leitet sie eine Agentur für Street Art.

(era)

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