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Im Gespräch | Beitrag vom 24.03.2021

Sozialarbeiter und Tourmanager Andreas Müller"Man muss nicht etwas machen, bis man tot ist"

Moderation: Katrin Heise

Portrait von Andreas Müller, im Hintergrund eine Freilichtbühne mit Publikum  (Steffen Thalemann)
Hat einige Karrieren hinter sich: Andreas Müller (Steffen Thalemann)

Andreas Müller ist Sozialarbeiter und Tourmanager der Beatsteaks. Sich um andere zu kümmern, das kann er gut. Doch um seinen Sohn nicht. Erst kurz vor dessen Tod lernt er ihn kennen. Heute unterstützt Andreas Müller unbegleitete Geflüchtete.

Andreas Müller hatte viele Jobs in seinem Leben. Zu DDR-Zeiten lernt er Kellner, war ein so genannter Klubleiter, arbeitet später als Sozialarbeiter, bis heute ist er Tourmanager der Berliner Band "Beatsteaks".

Wann ist etwas zu Ende?

Die Liste ließe sich problemlos fortsetzten. Vieles, so erzählt Andreas Müller, hat er nicht zu Ende gebracht. Jahrelang sieht er darin einen Makel. Schon in der Kindheit und Schule sagt man ihm nach: "Du fängst immer Sachen an, bringst sie aber nie zu Ende."

Doch woher wollen Außenstehende wissen, wann eine Sache zu Ende ist? Ein Gedanke, der ihm erst nach einem Bewerbungsgespräch bei einer großen Firma kommt.

Andreas Müller bekommt den Job nicht. Ihm schien klar, das müsse an seiner Berufsbiografie liegen. Stimmte aber nicht. Im Bewerbungsgespräch hieß es, dass man seinen Lebenslauf für "stringent" hält. Seither hat Andreas Müller eine andere Sicht auf die Dinge: "Ich habe drei Berufe. Man muss ja nicht etwas machen, bis man tot ist."

Heimliche Plakataktion

Andere unterstützen, organisieren, einfach anpacken, das konnte Andreas Müller im beruflichen Umfeld schon immer gut. In den 1980er-Jahren studierte er in Meißen, "das, was man heute Veranstaltungsmanagement nennt".

Andreas Müller organisierte erste Konzerte. Heimlich plakatierte er Züge, die durch die ganze Republik fuhren und Werbung für seine Konzerte und Veranstaltungen machten.

"Dort haben wir wirklich Kunst und Kultur aller Couleur gemacht. Also wirklich von Malerei bis Punk."

Der heutige Tourmanager spielte damals selber in einer Band, coverte Songs von Rio Reiser. "Das waren nicht unbedingt regimekonforme Geschichten."

"Mein Vater war ein Urkommunist"

Andreas Müller betont das ganz bewusst, denn sein Vater war "ein richtiger Urkommunist. Er war Gründungsmitglied der KPD, den haben die Nazis gleich 1933 weggesperrt. Er war so einer, der für seine Überzeugung eingestanden ist."

Noch zu DDR-Zeiten freundete sich Andreas Müller mit dem späteren Schlagzeuger der "Beatsteaks" an. "Obwohl er aus der Nähe von Reutlingen kommt. Er war dort in einem Jugendzentrum. Und die sind immer in die ehemaligen Ostblockstaaten gefahren", erinnert sich der gebürtige Mecklenburger.

Die Freundschaft der beiden hielt, auch nach der Friedlichen Revolution. Und so wurde in den 1990er-Jahren aus dem ehemaligen Klubleiter, der Tourmanager der "Beatsteaks".

Vom Konzertveranstalter zum Sozialarbeiter

Hauptberuflich kümmerte sich Andreas Müller zunächst um seine Konzertagentur, die gründete er nach dem Mauerfall. Sie lief gut, "bis der Techno kam. Ich habe ja Bands vertreten, die handgemachte Musik gemacht haben. Und zu der Zeit wollte eigentlich keiner mehr Gitarre hören".

Nach der Pleite arbeitete Andreas Müller viele Jahre als Sozialarbeiter in einer Behinderteneinrichtung, studierte noch einmal in diesem Bereich. Heute kümmert er sich um unbegleitete Geflüchtete.

"Der große Unterschied zur Arbeit mit behinderten Menschen ist, dass man selber sich auch, das ist eine ganze Egoistische Sichtweise, Erfolgserlebnisse organisiert. Indem man den Leuten wirklich hilft. Man merkt einfach, wenn das gelingt, ist das für alle Seiten ein Riesenglück."

"Ich war nicht bereit, Vater zu werden"

Sich engagieren, anpacken, das treibt Andreas Müller bis heute an. Doch im Privaten blieb er viele Jahre eher passiv. 1990 wird sein Sohn Paul geboren. "Ich war nicht bereit Vater zu werden, das ist ganz klar. Irgendwie war ich viel zu jung, viel zu unreif."

Das Paar trennt sich bald, später bricht der Kontakt zu Paul ganz ab. Erst viele Jahre später, Paul ist 23 Jahre alt, kommt es zu einem Wiedersehen. Paul ist zu diesem Zeitpunkt sterbenskrank, er leidet an ALS, einer schweren Erkrankung des motorischen Nervensystems.

"Er konnte schon nicht mehr laufen, nicht mehr alleine essen, nicht mehr alleine atmen. Aber er war noch in der Lage zu kommunizieren, über einen Computer", erzählt Andreas Müller. Für Vater und Sohn ist das eine besondere Zeit.

"Paul lebt weiter"

"Wir haben schnell festgestellt, wir mögen dieselbe Musik, dieselben Filme. Wir konnten das genießen. Weil Paul auch einen ganz positiv, optimistischer Mensch war. Da bin ich auch extrem dankbar für, dass mir die Zeit noch einmal gegeben wurde."

Bis heute hält Andreas Müller Kontakt zu den ehemaligen Freunden von Paul. "Wir sehen uns in größeren Abständen, oder schreiben uns. Da lebt Paul auch irgendwie weiter."

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