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Studio 9 | Beitrag vom 23.03.2020

Sozialarbeit in Zeiten von CoronaHilfe und Zuwendung per Smartphone

Von Luise Sammann

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Die Mitarbeitenden des Mehrgenerationenhauses Wassertor, Ralf Pierau und Vicdan Avci sitzen am Tisch und halten Smartphones in der Hand. Darüber kommunizieren sie mit Senioren, die wegen Corona nicht mehr in die Einrichtung kommen können. ( Luise Sammann / Deutschlandradio)
Wenn nicht persönlich, dann eben per Telefon: Ralf Pierau und Vicdan Avci betreuen Senioren via Smartphone. ( Luise Sammann / Deutschlandradio)

Der Berliner Kieztreff Wassertor ist für viele Senioren, Kinder und arme Familien überlebenswichtig. Corona droht dieses soziale Netz zu zerstören. Doch die Sozialarbeiter wollen weiterhin für die Menschen da sein - und sei es per Telefon.

Die Hand, mit der Nicola Meyer an diesem Morgen Klingel um Klingel im Berliner Stadtteil Kreuzberg drückt, steckt in einem dünnen weißen Handschuh. Ihr Auftrag für heute: Rausgehen, so viele Menschen wie möglich erreichen, gesund bleiben.  

"Wir haben insgesamt, glaube ich, 3500 Flyer die wir in der Nachbarschaft verteilen. Wir sind schon die Hälfte durch, ungefähr. Wir haben noch ein bisschen was zu tun", berichtet sie.

Corona isoliert die Senioren

Die 30-Jährige hält einen der eilig ausgedruckten Flyer hoch. "Sozialberatung für dringende Fälle" steht darauf. Darunter die Telefonnummer des Mehrgenerationenhauses Wassertor e.V., einem Nachbarschaftstreff mit Bildungs- und Beratungsangeboten in Kreuzberg. 

"Und das zweite Angebot, das wir haben, ist unser Telefonservice 'Offenes Ohr, wir sind für euch da!'. Und da machen wir Werbung und sagen: 'Hast du gerade wenig Kontakt zu anderen, möchtest du mit jemandem reden?' Da wollen wir insbesondere isolierte Menschen, die in Selbstisolation sind, erreichen: Dass sie uns per Handy anrufen können und einfach über ihre Ängste, über ihre Bedürfnisse reden, auch wenn sie Bedarf haben, dass jemand mit Einkaufen oder so helfen kann, können wir vielleicht vermitteln. Dass wir einfach ein offenes Ohr haben." 

Stille im Kieztreff

Bevor sie weiterziehen, kleben Nicola und ihre Kollegen noch ein DIN A4-Poster in jeden Hausflur. "Nachbarn helfen Nachbarn", heißt die Überschrift.

Zurück im Mehrgenerationenhaus ist gründliches Händewaschen angesagt. Trotz Handschuhen. Im Cafébereich sitzen die Kollegen beim Teamfrühstück, planen das neue Angebot "Offenes Ohr".

Vier Handys wurden dafür in Windeseile angeschafft. Mitarbeiterin Vicdan Avci testet die Leitung und ruft Hatice an. Eine 75-jährige Türkin, die seit Jahren fast täglich im Mehrgenerationenhaus vorbeikommt. 

"Unser Haus ist zwar geschlossen, aber wir bleiben trotzdem in Kontakt", verspricht Vicdan der alten Dame, die sofort über Langeweile klagt. Wenn sie wollte, könnten sie ab jetzt jeden Tag telefonieren. Ansonsten solle sie vor allem eins tun: Abstand halten. 

Eines der ärmsten Viertel in Berlin

Das tun die Sozialarbeiter selbst natürlich auch. Statt sich wie sonst am offenen Frühstücksbuffet zu bedienen, hat jeder seinen eigenen Teller vor sich, der nächste Kollege sitzt mindestens eineinhalb Meter entfernt. Thomas Brockwitz, stellvertretender Leiter der Einrichtung, guckt sich nachdenklich um. 

"Normalerweise sind hier Jubel, Trubel, Heiterkeit. Sprich, hier ist immer Bewegung, Kinder die reinkommen und jubeln, dass sie ihre Schultasche in die Ecke werfen und sich mit anderen Dingen beschäftigen können. Dass Senioren sich hier hinsetzen, Tee trinken, Kaffee trinken, mit ihrer besten Freundin oder Nachbarin sich unterhalten, die Gruppen sich dann auch teilweise mischen und austauschen. All diese Gespräche, diese schönen Momente, die entfallen jetzt", sagt er bedauernd. 

Der Sozialarbeiter Thomas Brockwitz steht vor der Sozialeinrichtung Mehrgenerationenhaus Wassertor in Berlin-Kreuzberg. (Luise Sammann / Deutschlandradio)Fast alles steht auch im Kieztreff Wassertor still: Sozialarbeiter Thomas Brockwitz will die Menschen trotzdem weiter betreuen. (Luise Sammann / Deutschlandradio)
Der Wassertor-Kiez gehört mit seinen 12.000 Anwohnern zu den sozial schwächsten Gegenden der Hauptstadt. Für viele Nachbarn sind die kostenlosen Angebote im Mehrgenerationenhaus überlebenswichtig. Einige kommen vor allem wegen der Lebensmittelspenden, einige um gemeinsam Anträge auszufüllen, wieder andere einfach um in Kontakt zu kommen. 

"Wir sind so ein kleines zweites Wohnzimmer geworden für viele Senioren, viele haben keine Angehörigen, sprich sie sind alleine. Und wir verstehen uns als Kontakter, das heißt, man kann einfach zu uns kommen und kreativ sein, auf andere Gedanken kommen... Wenn man einsam ist, kommen halt noch weitere Krankheiten dazu. Sprich Depressionen. Und wenn man im Gespräch ist, wenn man mit uns im Gespräch ist oder mit anderen Menschen hier aus dem Kiez, fühlt man sich gleich viel wohler." 

Kreative Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen

Damit das trotz Corona möglich bleibt, ist nun Kreativität gefragt. Ein Stockwerk höher sitzen Ralf Pierau und Vicdan Avci in einem kleinen Tonstudio mit mehreren Handys in der Hand.

Wie jeden Mittwochnachmittag stehen Kaffee und Kekse für das wöchentliche Erzählcafé auf dem Tisch. Doch die Senioren, die sich sonst daran bedienen, kommen heute nicht. Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte des Treffs sollen sie sich am Telefon unterhalten. Pierau zuckt mit den Schultern. 

"Das Erzählcafé ist so ein fester Punkt im Terminkalender von Senioren und Seniorinnen. Einmal in der Woche trifft man die anderen, man tauscht sich aus, man kann über das eigene Leben miteinander erzählen. Und das ist so ein kleines Highlight in der wöchentlichen Terminplanung unserer Senioren und das muss einfach weitergehen." 

Ralf Pierau plaudert fröhlich drauf los. Als Radiomoderator ist die Situation für ihn nicht ungewohnt. Christa, Lilo, Heidi und Gundolf – allesamt über 70 –müssen sich erst an die neue Situation gewöhnen. 

"Wir lassen uns davon nicht unterkriegen. Wir haben noch einen Musikwunsch offen. Wenn ihr noch ein Lied hören wollt?"

"Mach mal 'Blau, Blau blüht der Enzian'!"

"Wir erleben jetzt überall Panik. Wo wir versuchen woanders noch Unterstützungsangebote zu bekommen, die alle die Hände heben und sagen, sorry, wir können nichts mehr machen, wir haben geschlossen, keiner ist da", sagt Pierau. "Also, wenn das jetzt wirklich jeder tut, was passiert dann hier mit unseren Nachbarn? Dass wir wenigstens so ein kleines Licht noch am Horizont sind. Wenn wir’s nicht tun – wer dann?"

"Das war heute Premiere, Erzählcafé am Telefon und ich würde sagen, wir machen das einfach weiter, oder?"

"Ja, ist eine ganz fantastische Idee!" 

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