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Tonart | Beitrag vom 06.10.2015

"Sound of the Cities": StockholmDie heimliche Pop-Hauptstadt der Welt

Von Ole Löding

Blick von Södermalm auf die Stockholmer Altstadt Gamla Stan aufgenommen am 07.09.2011 in Stockholm. Gamla Stan gehört zu den größten und besterhaltenen historischen Stadtkernen Europas. Hier wurde die Stadt im Jahre 1252 gegründet. (picture-alliance / dpa / Britta Pedersen)
Die Altstadt von Stockholm (picture-alliance / dpa / Britta Pedersen)

Seit den Erfolgen von ABBA in den 1970er-Jahren ist Schweden ein Fixpunkt im Pop-Universum. In der schwedischen Hauptstadt Stockholm wird auch heute noch ein großer Teil der im Westen erfolgreichen Popmusik produziert, von Elektro- bis Indiepop.

Es ist nicht übertrieben, Stockholm als heimliche Pop-Hauptstadt der Welt zu bezeichnen. Ein großer Teil der im Westen erfolgreichsten Popmusik wird in Stockholm komponiert und produziert.

Stockholmer Produzenten wie Red One und Max Martin schreiben die Hits für Stars wie Madonna, Britney Spears, Pink oder Lady Gaga. Max Martin beispielsweise gehört mit 21 US-Nummer-eins-Hits mittlerweile zu den erfolgreichsten Komponisten aller Zeiten.

Und auch im Elektropop spielen die Schweden ganz vorne mit: DJs wie Avicii und Axwell und Musikerinnen wie Robyn gehören zu den weltweit erfolgreichsten Künstlern des Genres.

Aber auch ruhigere Töne kommen aus der Stadt, die auf mehreren Inseln in der Ostsee liegt: Bands wie Peter Bjorn & John oder The Caesars treiben seit Anfang des Jahrtausends den Indiepop voran. Außergewöhnliche Songwriterinnen wie die Geschwister First Aid Kit, Ane Brun und Anna Ternheim reüssieren im Folk.

Abba setzen Schweden auf die Weltkarte der Popmusik

Die Mitglieder der schwedischen Popgruppe "Abba" (von links nach rechts): Benny Andersson, Annafrid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus beim Grand Prix d'Eurovision de la Chanson 1974 im südenglischen Brighton Die Mitglieder der schwedischen Popgruppe "Abba" (von links nach rechts): Benny Andersson, Annafrid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus beim Grand Prix d'Eurovision de la Chanson 1974 im südenglischen Brighton

Erfolgreiche Popmusik kommt allerdings nicht in einem steten Strom, sondern eher in Wellen aus Schweden. Die erste Welle beginnt 1974, als ABBA mit ihrem Song "Waterloo" den Grand Prix gewinnen.

Der Mix aus zeitgemäßen Discosounds, extravaganten Outfits und Liebesgeschichten für die Boulevardmagazine macht ABBA zur dritterfolgreichsten Band aller Zeiten. Ihr Erfolg ist der Wendepunkt, der Schweden auf die Weltkarte der Popmusik setzt. Daniel Johansson und Joakim Sveningsson von der Stockholmer Band Friska Viljor erklären:

"Vor ihnen hatten wir nichts international Erfolgreiches. Dann kamen ABBA und jeder sah: Wir können das also auch. Wir können international durchstarten, statt nur in diesem kleinen Teil der Welt mit neun Millionen Menschen wahrgenommen zu werden. Und dann kam Europe, dann Roxette, dann Ace of Base, dann Max Martin. Erfolg füttert Erfolg füttert Erfolg."

Neugieriger popmusikalischer Zeitgeist

Schon Mitte der 80er-Jahre beginnt die zweite große Welle schwedischer Popmusik zu rollen. Auch Roxette, Europe und Ace of Base erobern weltweit die Charts. Technische Neuerungen wie der Heimcomputer und Sampling werden in Stockholm besonders früh entdeckt. Diesen Vorsprung nutzen findige Produzenten, um sich an die Spitze der internationalen Elektro-Musik zu setzen. Die Army of Lovers oder Dr. Alban prägen den Euro-Dance.

Schwedische Künstler sind in Musikschulen hervorragend ausgebildet, international vernetzt und durch den Erfolg ihrer Vorgänger selbstbewusst. Aber auch die spezielle geografische Lage des Landes spielt für die Erfolgsgeschichte der Skandinavier eine Rolle.

Zak Tell: "Natürlich ist das ein bisschen klischeehaft, aber ein Körnchen Wahrheit ist dabei: Wir haben hier das halbe Jahr lang Winter. Es ist dunkel und schrecklich kalt."

Erklärt Zak Tell, Kopf der Crossover-Band Clawfinger in einer Stockholmer Kneipe.

Zak Tell: "Also hat man nur wenige Möglichkeiten: Entweder man wird ein guter Sportler oder ein guter Musiker. Und wenn man in nichts gut ist, dann wird man ein guter Trinker. Diese fünf Monate Winter sind sehr deprimierend, aber du hast eine Menge Zeit, das zu erlernen, was du richtig gut können möchtest."

Neben den Weltstars existiert in der schwedischen Hauptstadt eine Vielfalt von ungewöhnlichen Musikern. Bands von Friska Viljor bis The Grand Opening ist innovative Musik wichtiger als der große Charterfolg.

Genau das macht Stockholm zur Pop-Hauptstadt der letzten Jahre: In Schwedens Metropole trifft der maximale kommerzielle Erfolg auf subkulturelle Musik, vermischt sich musikalisches Selbstbewusstsein mit einer Neugier auf den popmusikalischen Zeitgeist. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Weltstar aus Stockholm die Charts erobern wird.

Punk wurde im London der Siebzigerjahre geboren, House und Techno haben ihre Wurzeln in Detroit, und der wütende Sound des Grunge stammt aus Seattle: Viele Sounds der populären Musik sind untrennbar mit bestimmten Städten verbunden. Andere Orte haben ebenso ihren Beitrag zur Popmusikgeschichte geleistet, ohne dass sie dafür berühmt wurden: Wie klingt die Musik von Antwerpen, wie das popmusikalische Stockholm, was ist der Sound von Köln? Philipp Krohn und Ole Löding portraitieren in unserer Reihe "Sound Of The Cities" zehn bekannte und weniger bekannte Musik-Städte. Sie lassen Musiker, Plattenhändler, Club-Betreiber und Journalisten Musik-Geschichten und Musik-Geschichte erzählen, auf der Suche nach dem Klang der Städte, von Antwerpen bis Austin, von Glasgow bis Wien.

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