Seit 18:30 Uhr Weltzeit
Dienstag, 13.04.2021
 
Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2020

Sorj Chalandon: "Wilde Freude"Eine lebensbejahende Revolution

Von Sigrid Brinkmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Buchcover Sorj Chalandon: "Wilde Freuden" (dtv / Deutschlandradio)
Aus der Erzählung "Wilde Freude" von vier solidarischen Schwestern wird im Verlauf des Buches ein handfester Krimi. (dtv / Deutschlandradio)

Als bei Jeanne ein Tumor entdeckt wird, ändert die Buchhändlerin ihr Leben rigoros. Sie verlässt ihren Mann und zieht in eine WG mit drei Frauen, die ebenfalls an Krebs erkrankt sind. Die Vier schenken einander Aufmerksamkeit, aber kein Mitleid.

"Ich bin im Krieg". Diese Worte spricht die 39-jährige Buchhändlerin Jeanne Hervineau leise, nachdem sie erfahren hat, dass ein Tumor in ihrer Brust wächst. "Wilde Freude" ist ein schonungsloses, sich keine Sentimentalitäten erlaubendes Buch über die tiefgreifende Verwandlung einer Frau, die plötzlich begreift, dass sie die Krebserkrankung nur besiegen wird, wenn sie nicht länger mit dem Rücken zur Wand lebt.

Warum sollte sie ertragen, dass das Kopfkissen voller ausgefallener Haare ihren Mann an den "Liegeplatz einer räudigen Katze" erinnert? Dass das Paar einen Sohn verloren hat und ihr Zuhause zu viel Traurigkeit atmet, kann das abwehrende Verhalten des Partners nicht länger entschuldigen.

Die "Chemofreundinnen" umsorgen sich

Jeanne zieht auf unbestimmte Zeit in eine Frauen-WG. Die lebensbejahende Revolution nimmt ihren Anfang.

Das WG-Oberhaupt ist die Küchenchefin Brigitte, die gegen ein Gebärmutterhals-Rezidiv kämpft. Sie liebt ihre Lebensgefährtin Assia über alles. Brigitte hat die junge, krebskranke Nagelpflegerin Mélody eingeladen, während der Therapiemonate bei ihr und Assia zu wohnen. Und dann auch noch Jeanne.

Mit Feingefühl, mit bewegendem Ernst und sehr viel Humor schildert Chalandon, wie die "Chemofreundinnen" einander umsorgen. Sie lassen Jeanne nicht aus den Augen, als der Friseur die Schneidemaschine in Gang setzt und "Metallzähne" beginnen, ihr Spiegelbild "anzunagen".

Die Vier schenken einander Aufmerksamkeit, aber kein Mitleid. Der 68 Jahre alte Schriftsteller schreibt wundervoll spöttische Dialoge, aber sein Sarkasmus verbeißt sich nie in den Schwächen der ungleichen Charaktere.

Brigitte saß schon mal im Gefängnis. Assia war mit einem Waffennarr und Pseudokrieger verheiratet. Lebensfurcht ist beiden fremd. Mélody sucht nach einer Möglichkeit, ihre vom Kindsvater entführte kleine Tochter aus Russland zurückzuholen. Nur eine hohe Geldsumme, behauptet sie, könne die Freigabe erwirken.

Da Banken schwerkranken Kundinnen nur beschränkte Kreditverträge anbieten und das Risikoquartett über keine höhere Rücklagen verfügt, plant es den Überfall eines Juweliergeschäftes an der Place Vendôme. Mit Bedacht wird der Raub in einer der teuersten Pariser Stadtgegenden eingefädelt und Monate später ohne Wanken durchgeführt.

Plötzlich ein Krimi

Unter der Hand ist aus der Erzählung von vier solidarischen Schwestern ein handfester Krimi geworden. Die Täterinnen bleiben unentdeckt. Das nach Russland entführte Kind kann mit dem Erlös, den das Raubgut bringt, zurückgeholt werden, doch will Mélody das wirklich? Und ist Eva tatsächlich ihre Tochter?

Wie schwer wiegt es, lebensgefährlich erkrankte Freundinnen zu täuschen? Bereuen diese ihr kriminelles Tun? Verletzt sie der Gedanke, ausgenutzt worden zu sein? Brigitte und Jeanne hat die bedrohliche Erkrankung Großzügigkeit gelehrt – und Abschied zu nehmen von hehren moralischen Ansprüchen.

Dass Sorj Chalandon und seine Ehefrau im Januar 2018 im Abstand von elf Tagen mit Krebsdiagnosen konfrontiert wurden, ist für die Lektüre letztlich unerheblich, aber es verstärkt die Überzeugung, dass man es bei diesem Romancier mit einer Person zu tun hat, die weiß, an welchen Prüfungen seine Figuren wachsen und an welchen sie scheitern.

Sorj Chalandon: "Wilde Freude"
Aus dem Französischen von Brigitte Große
dtv, München 2020
288 S., 22 Euro

Mehr zum Thema

Neue Literatur aus den Randgebieten Frankreichs - Orte, von denen die Jugend entflieht
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 12.07.2019)

Sorj Chalandon: "Am Tag davor" - Tief verschüttete Wahrheit kommt ans Licht
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 04.05.2019)

Sorj Chalandon: "Mein fremder Vater" - Wenn der Vater zur Hölle wird
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 11.08.2017)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Patrice Nganang: "Spur der Krabbe"Das Schweigen brechen
Auf orangefarbenem Pastelluntergrund ist das Cover des Buches "Spur der Krabbe" zu sehen.  (Deutschlandradio / Peter Hammer Verlag)

Ein ehemaliger Untergrundkämpfer erzählt von der Zeit nach der Unabhängigkeit Kameruns. Damals gab es einen Genozid an den Bamileke, der bis heute kaum bekannt ist. Es ist der letzte Band einer Trilogie über das Heimatland des Autors Patrice Nganang.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur