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Buchkritik | Beitrag vom 27.08.2020

Sorj Chalandon: "Wilde Freude"Eine lebensbejahende Revolution

Von Sigrid Brinkmann

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Buchcover Sorj Chalandon: "Wilde Freuden" (dtv / Deutschlandradio)
Aus der Erzählung "Wilde Freude" von vier solidarischen Schwestern wird im Verlauf des Buches ein handfester Krimi. (dtv / Deutschlandradio)

Als bei Jeanne ein Tumor entdeckt wird, ändert die Buchhändlerin ihr Leben rigoros. Sie verlässt ihren Mann und zieht in eine WG mit drei Frauen, die ebenfalls an Krebs erkrankt sind. Die Vier schenken einander Aufmerksamkeit, aber kein Mitleid.

"Ich bin im Krieg". Diese Worte spricht die 39-jährige Buchhändlerin Jeanne Hervineau leise, nachdem sie erfahren hat, dass ein Tumor in ihrer Brust wächst. "Wilde Freude" ist ein schonungsloses, sich keine Sentimentalitäten erlaubendes Buch über die tiefgreifende Verwandlung einer Frau, die plötzlich begreift, dass sie die Krebserkrankung nur besiegen wird, wenn sie nicht länger mit dem Rücken zur Wand lebt.

Warum sollte sie ertragen, dass das Kopfkissen voller ausgefallener Haare ihren Mann an den "Liegeplatz einer räudigen Katze" erinnert? Dass das Paar einen Sohn verloren hat und ihr Zuhause zu viel Traurigkeit atmet, kann das abwehrende Verhalten des Partners nicht länger entschuldigen.

Die "Chemofreundinnen" umsorgen sich

Jeanne zieht auf unbestimmte Zeit in eine Frauen-WG. Die lebensbejahende Revolution nimmt ihren Anfang.

Das WG-Oberhaupt ist die Küchenchefin Brigitte, die gegen ein Gebärmutterhals-Rezidiv kämpft. Sie liebt ihre Lebensgefährtin Assia über alles. Brigitte hat die junge, krebskranke Nagelpflegerin Mélody eingeladen, während der Therapiemonate bei ihr und Assia zu wohnen. Und dann auch noch Jeanne.

Mit Feingefühl, mit bewegendem Ernst und sehr viel Humor schildert Chalandon, wie die "Chemofreundinnen" einander umsorgen. Sie lassen Jeanne nicht aus den Augen, als der Friseur die Schneidemaschine in Gang setzt und "Metallzähne" beginnen, ihr Spiegelbild "anzunagen".

Die Vier schenken einander Aufmerksamkeit, aber kein Mitleid. Der 68 Jahre alte Schriftsteller schreibt wundervoll spöttische Dialoge, aber sein Sarkasmus verbeißt sich nie in den Schwächen der ungleichen Charaktere.

Brigitte saß schon mal im Gefängnis. Assia war mit einem Waffennarr und Pseudokrieger verheiratet. Lebensfurcht ist beiden fremd. Mélody sucht nach einer Möglichkeit, ihre vom Kindsvater entführte kleine Tochter aus Russland zurückzuholen. Nur eine hohe Geldsumme, behauptet sie, könne die Freigabe erwirken.

Da Banken schwerkranken Kundinnen nur beschränkte Kreditverträge anbieten und das Risikoquartett über keine höhere Rücklagen verfügt, plant es den Überfall eines Juweliergeschäftes an der Place Vendôme. Mit Bedacht wird der Raub in einer der teuersten Pariser Stadtgegenden eingefädelt und Monate später ohne Wanken durchgeführt.

Plötzlich ein Krimi

Unter der Hand ist aus der Erzählung von vier solidarischen Schwestern ein handfester Krimi geworden. Die Täterinnen bleiben unentdeckt. Das nach Russland entführte Kind kann mit dem Erlös, den das Raubgut bringt, zurückgeholt werden, doch will Mélody das wirklich? Und ist Eva tatsächlich ihre Tochter?

Wie schwer wiegt es, lebensgefährlich erkrankte Freundinnen zu täuschen? Bereuen diese ihr kriminelles Tun? Verletzt sie der Gedanke, ausgenutzt worden zu sein? Brigitte und Jeanne hat die bedrohliche Erkrankung Großzügigkeit gelehrt – und Abschied zu nehmen von hehren moralischen Ansprüchen.

Dass Sorj Chalandon und seine Ehefrau im Januar 2018 im Abstand von elf Tagen mit Krebsdiagnosen konfrontiert wurden, ist für die Lektüre letztlich unerheblich, aber es verstärkt die Überzeugung, dass man es bei diesem Romancier mit einer Person zu tun hat, die weiß, an welchen Prüfungen seine Figuren wachsen und an welchen sie scheitern.

Sorj Chalandon: "Wilde Freude"
Aus dem Französischen von Brigitte Große
dtv, München 2020
288 S., 22 Euro

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