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Buchkritik | Beitrag vom 08.02.2019

Sophie Wennerscheid: "Sex machina"Kussmaschinen und Sexroboter

Von Vera Linß

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Cover von Sophie Wennerscheids Buch "Sex Machina". Im Hintergrund posiert der Matt McMullen, der CEU von Realbotix mit dem Sex-Roboter "Harmony". (Matthes & Seitz / imago  stock&people)
Matt McMullen, der CEU von Realbotix, legt seinen Arm um den Sex-Roboter "Harmony". (Matthes & Seitz / imago stock&people)

Besserer Sex dank Elektrochip? Verliebt in einen Sex-Roboter? In ihrem Buch fragt sich Sophie Wennerscheid, wie neue Technologien unser Begehren verändern und erzählt, wie es war, als sie das erste Mal VR-Sex hatte.

Schon immer haben Apparate die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung, dass Mensch und Maschine zu etwas völlig Neuem verschmelzen, ist jedoch nicht mehr nur ein Thema für Kybernetiker, Philosophen und Science-Fiction-Autoren. Inzwischen erweitern Magneten, Elektrochips, Sensoren oder Exo-Skelette ganz real menschliche Muskeln und Gehirne. Und machen für jeden greifbar, was man alles noch mit seinem Körper anstellen kann, wenn Hardware und Künstliche Intelligenz erst einmal soweit sind.

Neue Formen der Sexualität

Wie aber beeinflusst die Maschine ganz konkret auf das Sexleben? Sexpuppen und Sexroboter, Teledildos, die sich von der Ferne steuern lassen oder Virtual-Reality-Sex: All das mache es dringend nötig, für eine neue Logik des Begehrens einzutreten, sagt die Kulturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid. Sie sieht in den maschinellen Sexpartnern die Chance, etablierte Sexualitätsmodelle um neue Muster sexueller Aktivität zu erweitern. Mit ihrem Buch will sie deshalb für eine Offenheit gegenüber solchen Praktiken werben, auch wenn sie einem "eigenartig, vielleicht sogar pervers vorkommen". 

Das erste Mal VR-Sex

Sich diese einmal anzuschauen lohnt, denn die Bandbreite des realen oder imaginierten "Sex Machina" ist überraschend groß. Wennerscheid zeigt dies anhand von zahlreichen Beispielen aus Filmen, Literatur und Bildender Kunst, ganz gelegentlich recherchiert sie auch an der Quelle. Diese seltenen Momente sind die spannendsten, etwa wenn sie beim Berliner Start-up "me.mento", das an einer interaktiven VR-Erotik-Plattform arbeitet, ihren ersten VR-Sex hat. Deutlich wird, wie sehr die Branche noch in den Kinderschuhen steckt. Auch eine Kussmaschine und Sexroboter können sie wenig überzeugen. 

Mensch-Maschine-Beziehung

Umso mehr beschäftigt die Kulturwissenschaftlerin, welche neue (sinnliche) Qualität "Sex Machina" dem Menschen perspektivisch einmal bringen könnte. Ihre Auseinandersetzung mit dieser speziellen Mensch-Maschine-Beziehung und das Werben für deren Einzigartigkeit nehmen den größten Teil des Buches ein. Zitate aus wissenschaftlichen Diskussionen und literarischen Texten ergänzt sie dabei mit eigenen Überlegungen. Etwa dazu, ob es ethisch vertretbar ist, sich Maschinen verfügbar zu machen oder wie perfekt sie konstruiert sein sollten, um dem Menschen ein ebenbürtiges Gegenüber zu sein. Auch spekuliert sie darüber, wie eigentlich emotionale Nähe in dieser Beziehung entstehen kann. 

"Posthumanistisches Zeitalter"

Vieles reißt sie an, versucht aber nicht, Antworten zu erarbeiten, die über den Stand existierender Debatten hinausführen. Das ist ärgerlich und verwirrt, zumal Wennerscheid die Maschine immer wieder mystifiziert. So imaginiert sie etwa ein "posthumanistischen Zeitalter", in dem der Mensch nicht mehr das Maß aller Dinge ist, sondern quasi gleichberechtigt mit Natur und Maschine zusammenlebt. Die Maschine sei das "starke andere", mit dem es zu einem emotional interessanten, das Sein erweiternde Miteinander kommen werde. Wie sich das vollziehen soll und wie sich diese "eigenständige Entität" definiert, lässt sie aber völlig offen. Und lässt einen damit einfach nur ratlos zurück.

Sophie Wennerscheid, Sex Machina. Zur Zukunft des Begehrens
Matthes & Seitz, Berlin 2019
240 Seiten, 24 Euro

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