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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.09.2018

Sophie Rois in "Cry Baby" in BerlinRené Polleschs euphorischer Befreiungsschlag

Von André Mumot

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Sophie Rois und Bernd Moss in einer Szene aus "Cry Baby" in Text und Regie von René Pollesch (Arno Declair)
Sophie Rois und Bernd Moss in "Cry Baby" von René Pollesch am Deutschen Theater Berlin (Arno Declair)

Zum ersten Mal hat René Pollesch am Deutschen Theater inszeniert. Und das mit Sophie Rois, die seit dieser Spielzeit festes Mitglied des Ensembles ist. Ob sein Pop-Diskurs-Theater auch an diesem Haus funktioniert, zeigt nun seine Performance-Komödie "Cry Baby".

Dass dies ein Neunanfang ist, ein echter, und zwar für alle Beteiligten, wird schnell klar. Die alte Berliner Volksbühne gibt es nicht mehr, und nun hat auch René Pollesch eine neue Heimat in der Hauptstadt gefunden. Ausgerechnet das altehrwürdige Deutsche Theater, das bisher niemand mit ihm in Verbindung gebracht hätte, das ihm nun aber einen idealen Reibungshintergrund zu liefern scheint – und hervorragende Akteure. Eine ganze Spielzeit hat er ausgesetzt, hat nicht sofort weiter geschrieben und inszeniert und serviert jetzt "Cry Baby" als munteren, geradezu euphorischen Befreiungsschlag.

Regisseur René Pollesch, aufgenommen 2013 (picture alliance / dpa / APA / Georg Hochmuth)Regisseur René Pollesch (picture alliance / dpa / APA / Georg Hochmuth)

Melancholisch, müde und geradezu trostlos waren seine letzten Abende an der Castorf-Volksbühne, umweht von traurigen Cannabis-Nebeln und getragen vom knurrig bärbeißigen Martin Wuttke. Jetzt ist die Luft wieder rein, der Bühnenhimmel hoch und die Pyjamas, die das Ensemble trägt, aus knallbunter, glänzender Seide.

Sophie Rois darf sich nach Herzenslust austoben

Und es ist wieder Sophie Rois, die in einem sehr wendigen, motorisierten Bett über die Bühne kurvt, jede Larmoyanz wegfegt mit Charme und Wildheit und sich in ihrer einzigartigen Cholerikerinnen-Raserei nach Herzenslust austoben darf. Unterstützt und einvernehmlich ergänzt von einer stilleren, aber scharf artikulierenden Judith Hofmann, von Pollesch-Veteranin Christine Groß und einem herrlichen Bernd Moss, der zwischendurch den empörten Zuschauer gibt, der "ordentliches Theater" einfordert.

"Cry Baby" bietet, wie die vielleicht besten Pollesch-Abende der Vergangenheit, ein Spiel im Spiel, ist Selbstgespräch der Theaterkünstlerinnen zwischen Vorhängen, Fecht-Duellen und den virtuosen Eingriffen des Mädchenchores, der sich aus Schauspielschülerinnen zusammensetzt und hypermodernes Leistungsteam wie Erschießungskommando zugleich ist. Pollesch mixt Buñuel und Kleists Friedrich von Homburg zur rasanten Pyjama-Party der Metatexte, lässt seine Performer übers Scheitern und über Genies sprechen, über Karrieristen und Udo Lindenberg.

Pollesch als unbeschwerter Gedankenzauberer

Auch das Publikum reagiert hingerissen. Sophie Rois ist jetzt Teil des Ensembles und in ihrer renitenten Einzigartigkeit ein ungeheurer Gewinn. Das demonstriert sie knapp 80 Minuten lang im spielerischen Dauerfeuer, nicht zuletzt, wenn sie in grandioser Selbstironie einen klassischen Monolog in bis zur Parodie gesteigerten Deklamationsintensität aufführt, nur um anschließend wieder im weißen Nachthemd patzig herumzugranteln und die Sinn- und Zwecklosigkeit der Kunst einzufordern, die sich keinem Leistungsdruck unterwerfen muss.

"Cry Baby", das ist die beste Nachricht, zeigt Pollesch endlich wieder als Meister seiner ganz eigenen Performance-Komödienform, als lässigen, geradezu unbeschwerten Gedanken- und Gestenzauberer, der seine neue Spielstätte mit unerwarteter Wärme, zugleich aber angenehm respektlos und spöttisch umarmt. Ein Spielzeitauftakt, der erfrischender, schwung- und hoffnungsvoller kaum ausfallen könnte. Kein Grund zu weinen, ganz gewiss.

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