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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.09.2017

Sophie Divry: "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam"Gesellschaftskritik über eine arme Poetin mit eBay-Account

Von Caroline Fischer

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Buchcover: "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" (Ullstein/picture alliance/dpa/Foto: Ina Fassbender)
Buchcover: "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" (Ullstein/picture alliance/dpa/Foto: Ina Fassbender)

Sophie hat kein Geld, aber Schulden und so sitzt sie wie bei Spitzweg in ihrer kleinen Bude und fängt an zu schreiben, zum Beispiel, wie man auf eBay einen Toaster verhökert. Sophie Divrys "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam" ist eine Gesellschaftskritik voller Sprachwitz.

Mit Schlafrock und Mütze sitzt Spitzwegs armer Poet am helllichten Tage im Bett, genauer auf der Matratze in seiner ärmlichen Dachkammer, ganz offensichtlich um der winterlichen Kälte zu trotzen. Etwas besser ergeht es Sophie, der Protagonistin von Sophie Divrys Roman, der von den existenziellen Problemen einer 40-Jährigen handelt, die ihr Leben dem Schreiben gewidmet hat: Sie besitzt einen Elektro-Radiator, der ihr über den strengen Winter geholfen hat, doch beschert ihr dieses zweifelhafte Glück im Frühling eine Stromrechnung, die fast die gesamte Sozialhilfe auffrisst, so dass ihr 17,70 Euro bis zum Monatsende bleiben. Diese finanzielle Misere, die sich nicht allein auf die materielle Ebene ihrer Existenz auswirkt, ist für sich genommen kaum der Stoff für einen Bestseller, doch gelingt Divry, wie schon Spitzweg, dank Ironie ein Kunstwerk, das eher Schmunzeln als Mitleid hervorruft.

Jenseits der Klischees

Auch Sophie lebt kärglich in einer kleinen Bude, mit Büchern als kostbarster Habe, die sie allerdings partiell verhökert, und ihre konsequente Entscheidung für die Literatur nötigt umso mehr Respekt ab, als sie weder die Mutter noch ihre zahlreichen Brüder um Hilfe bittet oder auch nur ihre Schwierigkeiten erwähnt. Interessant ist das Buch aber vor allem deshalb, weil es sich jenseits der Klischees radikal in unsere Zeit einschreibt; es stellt den absurden Kampf gegen die Auswüchse der Verwaltung und den Versuch, einen Toaster auf ebay zu verhökern, neben Hunger oder den partiellen Ausschluss aus der Gesellschaft mangels Geld.

Diese Originalität auf der inhaltlichen Ebene wird aber bei weitem durch die zahlreichen formellen Spiele übertroffen, die das Elend beinahe vergessen lassen. Es beginnt mit den Motti, die jedem der drei Teile des Romans vorangestellt und ganz offensichtlich von der Literatur des Barock inspiriert sind. Ein ähnlich amüsanter sprachlicher Kontrast findet sich in einem Internet-Chat, in dem Sophie auf die banalen, mitunter vulgären mails von "Miez 1118" mit hochliterarischen Zitaten antworte, so auf die Anfrage "Hi, jemand da?", mit "Oh Kaiserin der sternbeblümten Zinnen".

Bildgedicht und Poesie

Wir finden Listen, zum Beispiel der erforderlichen Unterlagen, um eine Beihilfe zu den Wasserkosten zu beantragen, und Aufzählungen verschiedenster Art, etwa der zahlreichen Konzerte an einem Samstagabend in Lyon, die Sophie sich allesamt nicht leisten kann, der Typen von Männern, die sie nicht will, oder der Metaphern, die sie unpassend findet. Das ist voller Sprachwitz, aber manchmal doch etwas lang. Mehr Abwechslung bringen die verschiedensten Formen graphischer Gestaltung, die von kleine Ikons (Herzchen, Blümchen, ausgestreckte Zeigefinger u.a.m.) bis hin zu einer Doppelseite in der Tradition des Bildgedichts und der Konkreten Poesie reichen.

All dies gewaltige Herausforderungen für Setzerin und Übersetzerin, denen Annika Preyhs und Patricia Klobusiczky vollauf gerecht geworden sind, so dass diese in jeder Hinsicht originelle Version des Schriftstellerromans auch für das deutsche Publikum ein uneingeschränktes Lesevergnügen bietet.

Sophie Divry: "Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang"
Übersetzung von Patricia Klobusiczky
Ullstein, Berlin, 2017
274 Seiten 21,00 Euro

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