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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.08.2014

SongtextXavier Naidoo auf Österreichisch

Der Mannheimer Sänger und seine Version von "Amoi seg ma uns wieder"

Von Florian Werner

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Der Musiker Xavier Naidoo bei einem Auftritt in Mannheim in der SAP-Arena (picture alliance / dpa)
Der Musiker Xavier Naidoo bei einem Auftritt in Mannheim in der SAP-Arena (picture alliance / dpa)

Warum nur ist ein Lied in österreichischer Mundart so populär? Xavier Naidoo und der Schlagersänger Andreas Gabalier sind beide mit "Amoi seg ma uns wieder" in den deutschen Charts. Florian Werner hat sich ein Herz gefasst und genau hingehört.

"Uns oin is' die Zeit zu gehen bestimmt / Wie a Blattl trogn vom Wind / geht's zum Ursprung z'ruck als Kind."

Wer Dialekt spricht, meint es ehrlich: Mundartdichtung mag nicht jedermanns Sache sein, aber sie signalisiert zumindest, dass der Sprecher, Dichter, Sänger authentisch ist. Er ist ganz nah an den ‚einfachen Leuten', an den ‚wahren Gefühlen' − an den Dingen, auf die es wirklich ankommt.

"Wenn des Bluat in deine Adern gfriert / Wie dei Herz aufhört zum schlogn und du aufi zu die Engerl fliagst."

Blut steht Versagen des kardiovaskulären Systems

Die existentielle Erfahrung, um die es hier geht, ist der Tod eines geliebten Menschen − oder zumindest die Furcht davor: Das Blut, das in den Adern gefriert, symbolisiert normalerweise Angst − hier steht es aber auch für das Versagen des Herzens und damit des kardiovaskulären Systems.

"Dann hob ka Angst und loss di anfoch trogn / Weil es gibt was nach dem Lebm, du wirst scho segn."

Es ist eine klassische christliche Jenseitsvorstellung, die hier beschworen wird: Der Körper ist nur eine temporäre Hülle − wenn er stirbt, flattert die Seele zum Himmel. Diese Verheißung steht allerdings in bemerkenswertem Kontrast zu den ersten Versen des Lieds, wo es heißt, der Tod sei eine Rückkehr zum "Ursprung" − zur Zeit als Kind oder gar vor der Geburt.

Parallelen zum nihilistischen Diktum Schopenhauers

Diese Aussage erinnert eher an das nihilistische Diktum des Philosophen Arthur Schopenhauer: „Denn es ist unumstößlich gewiß, daß das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerter."

"Amoi seg ma uns wieder / Amoi schau i a von obm zua / Auf meine oitn Tag leg i mi dankend nieder / Und moch für olle Zeitn meine Augen zua."

Lichtsinn als zentrales Metaphernfeld

Dennoch hofft der Sänger auf ein Wiedersehen mit den Verstorbenen nach dem eigenen Tod − ein Motiv, das eine lange popmusikalische Ahnenreihe hat, von afroamerikanischen Spirituals bis zu Vera Lynns Weltkriegsklassiker "We'll Meet Again". Das zentrale Metaphernfeld in Andreas Gabaliers Text ist dabei der Lichtsinn: Der Tote schließt die Augen – er schaut den Lebenden von oben zu – er sieht die anderen wieder:

"Dann soll die Hoffnung auf a Wiedersehn / Mir die Kroft in mein Herzschlog legn, um weiter zu lebm."

Allerdings verbirgt sich hier ein weiterer Widerspruch: Um die Verstorbenen wiederzusehen, müsste der Sänger sterben – doch der Gedanke an das Wiedersehen nach dem Tod gibt ihm die Kraft zum Weiterleben. Offenbar kann das finale Niederlegen, Augenschließen, Wiederschau'n doch noch ein bisschen warten.

Vielleicht ist sich der Sänger, was das Leben nach dem Tod betrifft, doch nicht ganz sicher. Vielleicht meint er, obwohl er so schön Dialekt spricht, es doch nicht ganz ernst und ehrlich.

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