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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.07.2015

SommerromanEin Kühlschrank und eine verrückte Liebe

Von Elke Schlinsog

Ein Herz im Himmel ( imago/Xinhua)
Flugschau auf dem "International Airport" in Bukarest, Hauptstadt Rumänien, 21. 2012 ( imago/Xinhua)

In Alain Monniers Roman "Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe" löst ein defektes Haushaltsgerät eine Kettenreaktion in ganz Europa aus. Eine verrückte Geschichte über die Tücken der modernen Kommunikation - in Alltagsdingen wie in der Liebe.

Wenn Ingenieure so einen Erzählzauber entfalten können, dann mehr Bücher dieser Sorte, bitte schön! Auf Deutsch erschien von Alain Monnier bisher nur sein Roman "Unser zweites Leben", nun können wir den Ingenieur, der vor allem auf dem Spezialgebiet Solarenergie und anderen neuen Technologien tüftelt, wieder lesen. Das Buch, das Staunen, das Wundern über Technik und Liebe und vor allem die Gelassenheit darin, all das ist ein herrlicher Spaß. Der kurios lange und mäandernde Titel ist Programm; "Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe" erinnert doch ungemein an "Die fabelhafte Welt der Amélie" - und so zauberhaft entfaltet sich auch diese Geschichte.

Ein Kühlschrank, ein Thermostat und eine verkorkste Liebe reichen dem französischen Autor Alain Monnier, um den Spannungsbogen über knapp 160 Seiten zu halten: Der 30-jährigen, charmant eigenwilligen Marie wird in Toulouse ein neuer Kühlschrank geliefert - und der ist defekt. So weit, so normal. Doch ein fehlendes Thermostat aus Indonesien lässt auf sich warten. Erst ordert der nette Mann von der Hotline einen Handwerker, dann springen ihr Liebhaber und ein guter Freund, ein erfolgloser Schriftsteller, mit ein. Irgendwann ist halb Europa unterwegs, um Marie zu helfen. Erst stehen drei, vier, fünf Kühlschränke in der Küche, in Wohn- und Schlafzimmer und verstopften den Flur, am Ende sind es 17 Kühlschränke, die wie stolze Megalithen ihre Wohnung füllen.

Das Fernsehen kommt und internationalen Medien berichten über die junge Frau, die angeblich mit einer Kühlschrankinstallation in ihrer Wohnung zum Ausdruck bringen will, dass unsere Gesellschaft Privates und Öffentliches nicht mehr voneinander trennen kann. Es wird immer grotesker. Das Verrückte: Diese 17 Kühlschränke in der Wohnung, dazu die Scheinwerfer und Techniker, der Regisseur und Kameramann – all das lässt Marie ziemlich kalt. Vielmehr entdeckt sie, dass der Schriftsteller mehr ist als nur ein guter Freund.

Leichtigkeit, Heiterkeit und überraschende Wortspielereien

Eine verrückte Geschichte über die Tücken der modernen Kommunikation - in Alltagsdingen wie in der Liebe. So erleben wir die Heldin als eine Frau, die immer nur Angst hat, sich zu täuschen. Die Anrufe der Hotline versteht sie falsch, auch die vielen versteckten Avancen des Schriftstellers versteht sie als simple Scherze. So laufen die beiden hundert Seiten lang wie "Behinderte" umher, wie der Erzähler sie nennt, um am Ende sich doch endlich diese Liebe zu trauen.

Apropos Erzähler: Vielleicht ist er der eigentliche Held und Zauberer der Geschichte; allwissend thront er über allem, selbstbeflissen klärt er uns über das schwierige Verhältnis der Liebenden auf, das er als unerschöpfliches Thema immer wieder auf den Tisch bringt – um so immer wieder geschickt zur eigentlichen Geschichte, den kaputten Kühlschränken, Thermostaten und Handwerkern zurückzukommen. Der Erzähler beschreibt all das so herzerwärmend komisch, dass mangels Kühlung nicht nur in Toulouse die Temperaturen steigen.

Diese nur 160 Seiten lange Geschichte lebt von seiner Leichtigkeit, der Heiterkeit und den überraschenden Wortspielereien. Dass am Ende über den Kühlschrank natürlich nicht alles gesagt ist, kann sich Alain Monnier nicht verkneifen. Dafür erfahren wir auf schöne Weise, dass Kommunikation gar nicht so einfach ist. Nie weiß man, wie das Gesagte ankommt und ob es der andere auch wirklich verstanden hat. In Zeiten von Smartphone, Facebook und Co. um so schwieriger. Was dabei passiert, wenn man das mal so richtig auf die Spitze treibt, zeigt Alain Monnier in seiner hinreißend komischen, ja verrückt fabelhaften Geschichte.

Alain Monnier: "Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe"
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Arche Verlag, Zürich 2015
159 Seiten, 16,99 Euro

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