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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.08.2011

Sommerglück und Abenteuer

Polly Horvath: „Unser Haus am Meer“, Bloomsbury Verlag, Berlin 2011, 249 Seiten

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Spaziergang am Strand (AP)
Spaziergang am Strand (AP)

Sommergeschichten für Kinder und Jugendliche haben ihren eigenen Charme. Sie erzählen von einer Zeit der Freiheit, von Reisen, von neuen Erfahrungen im ureigentsten Sinn des Wortes. Viele Sommergeschichten spielen am Meer, so auch der neue Roman der vielfach preisgekrönten amerikanischen Jugendbuch-Autorin Polly Horvath.

Zwei endlos scheinende Sommermonate liegen vor Jane. In rasantem Tempo werden sie vorübergehen und am Schluss hat sich vieles verändert. Jane ist zwölf Jahre alt und steckt mitten in der Pubertät, ihre Seele "zuckt und zappelt" in ihrem Körper. Mit ihrer Mutter, einer Künstlerin, und ihren drei jüngeren Geschwistern lebt sie an der amerikanischen Ostküste in einem romantischen, etwas schäbigen Haus am Meer. Die fünf führen ein idyllisches und intensives Familienleben. Was Jane sich sehnlich für den Sommer wünscht: ein paar Abenteuer, die die Zeit schneller vergehen lassen.

Janes Wunsch geht in Erfüllung: Sie kommt überraschend zu einer Ballonfahrt und zu einer ungeplanten Reise Richtung San Francisco, gerät an eine Wahrsagerin und muss eine unerzogene Kinderhorde sitten. Schließlich tauchen einige sehr skurrile Typen auf: eine verrückte Pastorin, ein verkannter Literat, außerdem diverse frühere Geliebte der Mutter. Was spannend ist und für Spannungen sorgt.

Polly Horvath hat eine fröhliche, verrückte, liebenswürdige Sommergeschichte voller witziger Szenen, merkwürdiger Ereignisse, seltsamer Charaktere und wunderbarer Sommerstunden am Strand geschrieben. Doch die Idylle ist kein Bullerbü, sie hat Brüche. Das Leben in dem einsamen Haus ist nicht nur verwunschen, es hat auch seinen Preis: Die Kinder sind Außenseiter in der Stadt, haben wenig Freunde und die unkonventionelle Mutter kann keinen Mann halten. Außerdem bricht eine schwierige Realität immer wieder in die Sommeridylle ein. Jane wird erpresst, eine alte Dame stirbt, am Schluss muss die Familie sogar das geliebte Haus verlassen. Aber Polly Horvath hält die Balance zwischen Lustigem und Traurigem, Fröhlichkeit und Ernst. Die gibt dem Buch etwas Schwebendes, Leichtes – es wirkt wie ein heller Sommertag nach einem Gewitter.

Jane erzählt ihre Geschichte selbst, und da sie ein aufgewecktes Mädchen ist, erzählt sie auf intelligente, lebendige, frische Art. Mit einem trockenen Humor und beherzten Sprüchen. Sie besitzt eine erstaunliche Beobachtungsgabe, sagt zum Beispiel über ihre frisch verliebte Mutter, die benehme sich, als "hätte sie lauter Kohlensäure in sich". Janes Blick auf die Welt ist respektlos und zugleich liebevoll, frisch und positiv, und – altersgemäß – voller Selbstzweifel. Auch im Ton halten sich Ironie und Melancholie die Waage.

Vom Verlag für Jugendliche ab zehn empfohlen, eignet sich dieses vielschichtige Sommerbuch auch für jüngere (wenn man es ihnen vorliest) wie für ältere Leser. Beim Vorlesen werden auch Erwachsene ihren Spaß haben, weil es auf sehr verschiedenen Ebenen zu verstehen ist. Unter anderem durch die Satire auf religiöse Scheinheiligkeit und durch eine sehr erwachsen wirkende Besinnlichkeit – beides Haltungen, die dadurch glaubhaft sind, dass Jane ihre Geschichte im Rückblick erzählt. In einer schönen, bilderreichen, fast poetischen Sprache, die diesen letzten Sommer am Meer zum Leuchten bringt.

Besprochen von Sylvia Schwab

Polly Horvath: Unser Haus am Meer
Aus dem Amerikanischen von Christiane Buchner
Bloomsbury Verlag, Berlin 2011
249 Seiten, 14,90 Euro, ab 10 Jahren

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