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Musikfeuilleton | Beitrag vom 21.08.2020

Somalias KulturszeneVergrabene Musiktraditionen neu entdeckt

Von Arndt Peltner

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(deutschlandradio / Arndt Peltner)
Die Sängerin Sahra Halgan bringt Musik auf die Bühne ihres Kulturrestaurants in Hargeysa, Somaliland. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

In Hargeysa, der Hauptstadt von Somaliland, lagert ein Schatz: 3500 Musikkassetten, die vor Jahrzehnten in Kriegszeiten vergraben wurden. Sie haben ein ehemals lebendiges und kreatives Musikleben festgehalten, das nun langsam wieder erwacht.

Nur noch wenig erinnert im heutigen Somalia und in Somaliland, in den einstigen somalischen Kulturhochburgen Mogadischu und Hargeysa, an die ruhmreichen Zeiten, als Mogadischu in den 1970er Jahren, die "Perle am Indischen Ozean" genannt wurde.

Verflossener Kulturtreffpunkt

Die kulturellen und auch musikalischen Einflüsse kamen von überallher, weil das Horn von Afrika strategisch gelegen ist. Händler aus der arabischen Welt trafen hier auf Reisende aus Indien und Europa, dazu kamen die vielen afrikanischen Einflüsse aus Nord- und Ostafrika, aus dem Sudan, Ägypten, Äthiopien, Kenia und Uganda.

Und nicht zu vergessen, brachten auch die einstigen Kolonialherren Italien und Großbritannien ihre eigene Kultur mit nach Somalia. Das Nachtleben in Mogadischu wurde in den 1970er Jahren als eines der besten in der Welt gepriesen.

(deutschlandradio / Arndt Peltner)Straße in Hargeysa, Hauptstadt von Somaliland (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Hargeysa, die Hauptstadt von Somaliland, macht heute nicht gerade den Eindruck einer Kulturmetropole. Man sieht hier kein Opernhaus, keine Konzerthalle, kein Museum, keine Kinos, selbst die öffentliche Bibliothek erreicht man nur über Umwege über einen versteckten Eingang an einer staubigen Seitenstraße.

Die Stadt in der einstigen britischen Kolonie wurde 1988 von Truppen des somalischen Diktators, Siad Barre, fast vollständig zerstört.

Unabhängig, aber nicht anerkannt

Nach dem Sturz von Barre im Januar 1991 verkündete Somaliland seine Unabhängigkeit. Während Somalia mit der Hauptstadt Mogadischu in den Folgejahren in Chaos, Bürgerkrieg und Terror versank, entwickelte sich Somaliland zu einer kleinen, aber stabilen Republik, die allerdings von keinem anderen Land anerkannt wird. Die wenigen Hilfsgelder der internationalen Gemeinschaft werden denn auch in direkte Nothilfen und wichtige Infrastrukturmaßnahmen gesteckt, und nicht in die Kultur.

Doch hier in Hargeysa lagert ein wahrer Klangschatz, der auf eine große musikalische Geschichte der somalischen Gesellschaft hindeutet. Vieles von dem, was in Mogadischu verschwand, ist hier zu finden.

Der Kultur eine Chance geben

Das "Hargeysa Cultural Center" an der June Street, einer staubigen Hauptstraße stadtauswärts, beherbergt eine einzigartige Sammlung, wie der Leiter der Einrichtung Dr. Jama Musse Jama erklärt.

Er hatte die Idee, Musik-Aufnahmen auf Kassetten, die noch erhältlich und zu finden waren, zusammenzutragen. Jama ist studierter Mathematiker und Buchautor, lebte lange in Italien, doch kam zurück in seine Geburtsstadt. Das Kulturzentrum wurde ein wichtiger Ort in Hargeysa. Jährlich wird hier auch ein internationales Buchfestival organisiert, ein Kulturfest, das sich nicht nur um die somalische Literatur dreht.

Ein Mann lächelt breit in die Kamera. (deutschlandradio / Arndt Peltner)Der Leiter des Hargeysa Cultural Center, Dr. Jama Musse Jama. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Es gab nach dem Ende der Kolonialzeit und dem Zusammengehen von Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland in den Städten Somalias überall kleine Läden, in denen man sich Mix-Tapes kaufen und bestellen konnte, sagt Jama Musse Jama. Dazu nahmen viele Gruppen, Musikerinnen und Musiker ihre Auftritte auf Kassetten auf. Professionelle Aufnahmen hingegen wurden vor allem in einem Tonstudio im benachbarten Dschibuti produziert.

Durch den Bürgerkrieg, Flucht und Vertreibung und die turbulenten Zeiten seit Anfang der 90er Jahre gingen viele dieser Tapes verloren. Jama Musse Jama stieß dann durch Zufall auf einen wahren Schatz. Er hörte von einem Mann, der ihm zu dem Grundstock des reichen Archivs im Kulturzentrum verhalf.

Ein Container unter der Erde 

"Er erzählte mir diese faszinierende Geschichte, dass da Leute seien, die diese Musikaufnahmen geerbt hätten, aber damit nichts anfangen wollten, weil Musik von ihnen nicht geachtet wurde. Sie lagerten also alles in einem Container ein, dieses ganze Archiv, an einem Ort an der Grenze von Dschibuti zu Somaliland. Und ich sagte mir, das ist der Moment. Ich fuhr also dorthin und holte die gesamte Ladung von 3500 Kassetten, wir verhandelten hart und am Ende zahlte ich einen Dollar pro Kassette. Das war der Anfang für uns."

In einigen Schränken und Vitrinen im Kulturzentrum kann man heute einige der zum Teil bunt bemalten Tapes sehen. Der Großteil lagert jedoch noch in Kisten, die bisher nicht registriert, ausgewertet, angehört und archiviert wurden.

Ein Blick auf etliche, sorgfältig aufgestellte Hüllen der Kassetten, die alle beschriftet sind. (deutschlandradio / Arndt Peltner)Regal mit dem Schatz der ehemals vergrabenen alten Musikkassetten. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Doch allein der Blick auf das, was man hier sehen kann, lädt ein, in diesen einzigartigen Klangschatz zuzugreifen und hineinzuhören. Wie in vielen afrikanischen Ländern wurde Musik auch in Somaliland und Somalia nicht archiviert. Auch nicht das Material, das in Radiostationen lagerte, im langen Krieg zerstört oder von den Terroristen der Al-Shabaab Miliz vernichtet wurde, die Musik als "unmuslimisch" brandmarkten.

Das zu bewahren, was sonst verloren geht - für Jama Musse Jama ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Mit diesem Kassettenschatz, dessen Digitalisierung und Archivierung, versucht er zu bewahren, was ein wichtiger Teil der somalischen Kultur war und ist – es geht darum, die eigene Geschichte festzuhalten.

Schätze in Hitze und Staub

Radio Hargeysa ist der nationale Rundfunk in Somaliland, 1943 als Radio Kudu in der damaligen britischen Kolonie gegründet. Es war das erste somalisch-sprachige Hörfunkprogramm. 

Ein Besuch heute in dem Staatssender. An der Außenfassade des veralteten Gebäudes kann man noch Einschusslöcher aus den Bürgerkriegstagen sehen, im Hof steht ein alter sowjetischer Übertragungswagen und verrottet vor sich hin.

Ein alter gelber, alter, angerosteter LKW steht auf einem wilden Stück Land. Das Fahrerhaus hat keine Scheiben mehr. (deutschlandradio / Arndt Peltner)Der sowjetische Übertragungswagen, der auf dem Gelände des staatlichen Radios in Hargeysa verrottet. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Gesendet wird heute vor allem mit mp3-Files, die Studios sind gut ausgerüstet. Ganz anders hingegen wirkt das Musikarchiv des Senders. Auf etlichen Regalen sind Tonbänder wild durcheinander gestapelt, schlecht, wenn überhaupt beschriftet. Musik werde gespielt, heißt es, aber schon lange nicht mehr von Band. 

Stark gebrauchte, schmale Kartons liegen unordentlich und schmutzig in einem Regal. (deutschlandradio / Arndt Peltner)Bandkartons im Archivs des Staatlichen Rundfunks in Hargeysa, Somaliland. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Die alten "Reel to Reel"-Player stehen in einem heißen, zugigen Durchgang des Studioanbaus. Digitalisiert wurde nichts von der alten Musik, die hier auf den Bändern verstaubt.

Retten, was zu retten ist

Das Kulturzentrum in Hargeysa ist gefüllt mit Tausenden von Tapes. Noch, denn die Spuren der Zeit, das heiße Klima, die nicht gerade fachgerechte Lagerung, lassen Zweifel aufkommen, ob die Sammlung dieses reichen Klangschatzes langfristig gerettet und damit bewahrt werden kann. Auch ob die Digitalisierung gelingt, ist mehr als fraglich, denn überspielt werden die Tapes mit billigen Kassettenrekordern aus chinesischer Produktion, die man früher in Kinderzimmern finden konnte.

Ein einfacher Kassettenrekorder steht betriebsbereit auf einem Arbeitstisch. (deutschlandradio / Arndt Peltner)Mithilfe solcher einfacher Kassettenrekorder wird die Digitalisierung der Tapes im Cultural Center Hargeysa durchgeführt. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Und auch die hergestellten mp3-Files sind eher niedriger Qualität. Was fehlt, ist ein professioneller Ansatz und die dazu erforderliche Technik. Hier kämpft man mit einfachen Mitteln und ohne große finanzielle Unterstützung gegen die Zeit. 

Singen, um zu erinnern

Die Sängerin Sahra Halgan wurde 1972 in Hargeysa geboren. Sie wuchs mit Musik auf, erlebte die Bombardierung ihrer Heimatstadt, schloss sich als Krankenschwester der SNM, der Somali National Movement an, die mit Unterstützung Äthiopiens für die Unabhängigkeit von Somaliland und gegen den somalischen Diktator Siad Barre kämpfte.

Anfang der 1990er Jahre ging sie nach Frankreich, wo sie als politischer Flüchtling anerkannt wurde. Dort fand sie ihre Stimme als Musikerin, mit ihren Liedern wollte sie die Menschen erreichen. 2015 kehrte die Musikerin voller Hoffnung und Sehnsucht zurück nach Hargeysa.

Eine Frau in traditioneller Kleidung steht auf der Bühne, begleitet von 3 Bandmitgliedern: ein Schlagzeuger und zwei Musiker mit Gitarren-ähnlichen Instrumenten. (deutschlandradio / Arndt Peltner)Sahra Halgan auf der Bühne. (deutschlandradio / Arndt Peltner)

Sie wollte sich einbringen in diese junge, friedliche, doch international übersehene Republik. Wie viele in der somalischen Diaspora wollte auch sie ihrem Land etwas zurück geben. Sahra Halgan eröffnete ein Kulturrestaurant am Rande der Stadt. 

"Hiddo Dhawr" ist wie ein traditionelles somalisches Dorf aufgebaut. Kleinere Hütten aus Lehm und Stroh im Außenbereich, der von einer hohen Mauer mit Stacheldraht obenauf gesichert ist. Am Eingang von "Hiddo Dhwar" steht ein bewaffneter Sicherheitsmann, ganz normal in Hargeysa.

Das eigentliche Restaurant ist ein großer Gemeinschaftssaal mit Strohdach, an den Wänden farbenfrohe Stoffe, Bilder und Tierszenen aus Somalia. Eine Bühne ist mit dicken Teppichen belegt. An jedem Donnerstagabend gibt es hier Live-Musik, am heutigen Abend tritt Sahra Halgan auf, daneben eine Tanzgruppe.

Das Publikum beteiligen

Anschließend findet eine Art "Open-Mic" statt. Jeder der will, kann ein Lied singen, dabei geht der Moderator des Abends mit einem Mikrofon durch den Saal, spricht das zumeist jüngere Publikum an, das begeistert dabei ist. Es sind somalische Songs, die hier angestimmt werden.

Treffpunkt und Freiraum 

Sahra Halgan bringt die Menschen zusammen. Orte wie diese gibt es wenige in Hargeysa. Rückkehrer der Diaspora aus Europa, den USA, Kanada und auch von der arabischen Halbinsel versuchen zwar, neue Angebote zu schaffen, sie wollen investieren, aber das wird nicht immer wohlwollend aufgenommen.

Somaliland ist ein streng muslimisches Land. Das "Hiddo Dhawr" ist zu einem Freiraum geworden, aber es ist auch viel mehr: ein wichtiger Platz, um das zu feiern, was diese Region am Horn von Afrika einst groß gemacht hat - ein Treffpunkt von Menschen aus aller Welt, die hier ihre kulturellen und musikalischen Wurzeln zusammenführten.

"Die Recherche zur Sendung wurde durch das Grenzgänger-Programm der Robert Bosch Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin gefördert."

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