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Signale / Archiv | Beitrag vom 02.09.2007

Soll Gott Allah heißen?

Von Eberhard Straub

Steinernes Kreuz vor der Kulisse des Mangfall-Gebirges (AP)
Steinernes Kreuz vor der Kulisse des Mangfall-Gebirges (AP)

"Die Götter sind sich untereinander nicht unbekannt, / auch wenn sie in fernen Häusern verweilen", heißt es bei Homer in der Odyssee. Weil sie alle Anteil haben an ein und der gleichen göttlichen Kraft, lag es für die Griechen nahe, dass sich in ihnen auf verschiedene Weise der eine, größte und unfassliche Gott zu erkennen gibt, den Aristoteles als den unbewegten Beweger umschreibt.

Die frühen Christen mochten darin Vorahnungen auf den Gott des Alten Bundes erkennen, der sich erst vollständig durch Christus als der Dreieinige Gott im Neuen Bunde offenbarte. Sie achteten aber von vorneherein darauf, den Gott der Philosophen nicht mit ihrem Gott, dem wahren Gott zu verwechseln. Im zweiten Gebot waren sie dazu angehalten, den Namen Gottes in Ehren zu halten und keinen Missbrauch mit ihm zu treiben. Sie waren davon überzeugt, dass es Gott gar nicht gleichgültig ist, wie er angerufen, wie er genannt sein will. Der Bischof von Breda in Holland meinte hingegen unlängst: "Gott ist es egal, wie wir ihn nennen". Also könnten die Christen sich jederzeit an ihn als Allah wenden, da schließlich Juden, Christen und Mohammedaner den gleichen Gott verehrten. Das entspricht den Anschauungen Goethes: " Wenn Islam Gott ergeben heißt, / In Islam leben und sterben wir alle". In Wilhelm Meisters Wanderjahre variierte der "heitere Friedrich" dieses Bekenntnis: "Daß der Mensch ins Unvermeidliche sich füge, darauf dringen alle Religionen, jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden."

Allerdings handelt es sich bei Goethe – zumindest vorerst noch nicht - um keinen Kirchenvater. Bislang legt die Kirche Wert darauf, in der fortschreitenden Bemühung, die Geheimnisse des Glaubens zu durchdringen und in wechselnden Zeiten zu verkündigen, nicht in Widerspruch zu den Vätern und damit zu sich selbst geraten. Christen, Juden und Muslims verehren nicht ein und den gleichen Gott. Die Christen nennen sich nach Jesus Christus, den sie bekennen. Die Quintessenz ihres Glaubens lautete knapp: Jesus ist der Christus. Das meint, er ist der menschgewordene Gott, einig mit dem Vater und dem Heiligen Geist, Herr der Welt als Geschichte, in die er einging, um die in ihr befangenen Menschen von Irrtum und Not zu befreien. Darin äußert sich für fromme Juden und Mohammedaner eine häretische Anmaßung. Beide kennen keinen Dreieinigen Gott. Allerdings haben die Christen zunehmend Schwierigkeiten mit Christus. Er entschwindet ihnen, je undeutlicher die historische Gestalt des Jesus von Nazareth wird, fast verborgen hinter dem Staub, den kritische Theologie und ihr verwandte Disziplinen vor ihm aufwirbeln. Da der verkündigte Jesus kaum mehr von einem Sozialarbeiter oder Orientierungshelfer in Stresssituationen unterschieden werden kann, richten sich die enttäuschten Erwartungen auf das Göttliche, den Gott, den unbekannten Gott.

Den meisten sogenannten Christen ist ihr Gott fremd geworden, weil die meisten Priester und Bischöfe gar nicht mehr den Mut haben, sie mit Christus, dem wahren Gott und wahren Menschen, bekannt zu machen. Sie fürchten, sich lächerlich zu machen. Aber nichts anderes war ihnen von Jesus als dem Christus verheißen worden, wenn sie ihn bezeugen und bekennen bis ans Ende der Welt als Geschichte. So raunen sie von "dem Gott", wie Hölderlin, Rilke oder Heidegger, sofern sie, ermattet von veralteten Textsorten wie den Evangelien, überhaupt noch neugierig sind auf weitere unaktuelle Antiquitäten. Dieser Gott lässt sich Jupiter, Wotan oder Maximin - wie Stefan George hoffte - als Hüter des Seins preisen. Warum nicht auch Allah? Schließlich leben viele, die an ihn glauben, auch in Holland und in Europa. Wenn man von "dem Gott" ohnehin nicht viel weiß, ist es unerheblich, wie er benannt wird, meint der Bischof in kosmopolitischer Gesinnung. Darin äußert sich eine sehr liberale Ungezogenheit gegenüber denen, die den Namen ihres Gottes Allah in Ehren halten wollen und ein Recht darauf haben, in diesem Bestreben geachtet zu werden.

Zugleich ist es eine Ungezogenheit gegenüber Christen. Ein Lamm Gottes, das hinweg nimmt alle Schuld in der Welt als Geschichte, kann beim besten Willen nicht als Lamm Allahs verstanden werden. Und das "Vater Unser" lässt sich nicht als "Allah unser" beten. Nur ein Christ darf Gott als Vater anreden, weil er Bruder des in die Geschichte und in die Menschheit eingegangenen Gottessohns ist.

Der Bischof von Breda, der es gut meint, schließlich ist er ein Humanist, denkt an die Menschen und den Menschen. "Der Mensch", die liberale Fiktion, verdunkelt das Majestätsrecht des Ebenbildes Gottes: Person zu sein, in der sich mannigfaches zu einer proprietas, zu einer unterscheidbaren Eigentümlichkeit zusammenschließt. Dazu gehört auch sein Glauben mit den von ihm jeweils geprägten Menschenbildern. Jesus Christus forderte seine Jünger dazu auf, einander ertragen zu lernen und im Anderen gerade wegen seines Andersseins dennoch den Nächsten zu erkennen. Das heißt, ihn so zu verstehen, wie er sich begreift und die ursprüngliche Fremdheit nicht zu leugnen, sondern die Geister zu unterscheiden, um darüber zu einem besseren Verständnis zu gelangen. Daraus ergeben sich überhaupt erst die Möglichkeiten, die jedes Ich dazu befähigen, in der Gemeinschaft mit anderen geordnet und friedlich zu leben.

Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin.
Buchveröffentlichungen u. a. "Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", "Albert Ballin" und "Eine kleine Geschichte Preußens" sowie zuletzt "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit".

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