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Fazit | Beitrag vom 21.09.2019

Solidaritätslesung für HongkongJeder ist die Revolution

Von Tomas Fitzel

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Die Künstlerin Alice Kahei Yu aus Hongkong sitzt hinter einem Blumenstrauß auf dem Pflaster, sie trägt eine Sonnenbrille und auf ihrem Pullover steht "Steht Hongkong bei" (Tomas Fitzel)
Die Künstlerin Alice Kahei Yu aus Hongkong bei der Solidaritätslesung des P.E.N.-Zentrums auf dem Bebelplatz (Tomas Fitzel)

Die Proteste in Hongkong gegen den wachsenden Einfluss der chinesischen Regierung finden weltweite Aufmerksamkeit und Unterstützung. In Berlin organisierte die deutsche Sektion der Schriftstellervereinigung P.E.N. eine spontane Solidaritätslesung.

Berlin, Bebelplatz. Straßenmusiker sind im Hintergrund zu hören, Touristen schlendern bei sonnigem Wetter über den Platz. In der Mitte leuchte ein knallroter Apostroph, das Signet des internationalen Literaturfestivals, das zusammen mit dem internationalen Autorenverband P.E.N. eine spontane Lesung organisiert hat.

"Wir wollen unsere Solidarität zeigen mit den Menschen in Hongkong, die ja für die Pressefreiheit, für Versammlungsfreiheit, für Meinungsfreiheit demonstrieren", sagt Regula Venske, die Präsidentin der deutschen Sektion des P.E.N. und fährt fort: "Ich werde gleich aus einem Gedicht des P.E.N.-Präsidenten von Hongkong lesen, das mit der Zeile endet: at this moment everybody is a revolution, jeder ist die Revolution in diesem Moment."

Protestieren für Hongkong und die eigene Freiheit

Nach und nach finden sich einige Menschen ein, die zum Zuhören oder Lesen gekommen sind, darunter die Schriftstellerin Thea Dorn und Roswitha Quadflieg, aber auch die stets unermüdliche Aktivistin Eva Quistorp. Denn auch wenn Hongkong für die meisten sehr weit weg ist, geht es bei diesen Demonstrationen auch um unsere eigene Freiheit.

Zuhörer der Solidaritätslesung für Hongkong stehen auf dem Bebelplatz in Berlin (Tomas Fitzel)Zuhörer bei der Solidaritätslesung für Hongkong, darunter die Präsidentin des PEN-Zentrums Deuschland, Regula Venske (Mitte, mit Sonnenbrille) und Grünen-Mitbegründerin Eva Quistorp (links daneben). (Tomas Fitzel)

"Letztlich geht es auch uns in Europa an, einerseits der lange Arm der chinesischen Regierung, der auch bis nach Europa reicht, wenn Sie daran denken, dass Anfang dieser Woche die chinesische Regierung in Schweden bei größeren Tageszeitungen und Medien protestiert hat gegen die Artikel eines bestimmten Journalisten. Die Chinesen haben allen Ernstes in Schweden gemeint, den Zeitungen vorschreiben zu können, welche Journalisten sie beschäftigen sollen", so Venske.

Dann setzt sich Ulrich Schreiber, der Leiter des internationalen Literaturfestivals, vor das Mikrof on und liest ein Gedicht von Liao Yiwu, von dem man gehofft hatte, dass er selbst kommen und lesen werde: "Heute durchschlägt eine Kugel das Auge einer jungen Frau, morgen durchschlägt eine andere den Kopf eines jungen Mannes …".

Erinnerung an den Platz des himmlischen Friedens

In fast allen Texten schwingt die Erinnerung an das Massaker vom Juni 1989 auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens mit. Der Schauspieler Yu Fang studierte zu der Zeit gerade in Berlin. Für ihn war dann klar, dass er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann, um dort, wie es sein Traum war, ein Theater zu gründen. 

"Als ich diese Videos gesehen habe, wie brutal diese Polizisten zuschlagen, ich heule, ich sehe es mit Tränen in den Augen, wie die Leute verletzt werden, manche sogar getötet werden. Das ist furchtbar das ist die Wiederholung von Massaker in Peking", berichtet Fang.

Die Künstlerin Alice Yu Kahei aus Hongkong beschreibt die derzeitige Stimmung dort so: "Am Anfang war die Menschen sehr wütend, zornig und deprimiert und jetzt sind sie nur noch deprimiert, denn nachdem das Gesetz zur Auslieferung zurückgezogen wurde befürchten wir nun, dass die internationale Aufmerksamkeit nachlässt. Und so nimmt inzwischen auch die Brutalität der Polizei von Tag zu Tag zu und womöglich uns bleibt nur noch eines: auf das Ende warten."

Auch in Berlin lauert die Furcht vor der chinesischen Polizei

Am Rande spreche ich mit einem chinesischen Arzt, er will aber nicht aufgenommen werden, denn er fürchtet, er könne dann nicht mehr unbehelligt zurück nach Peking reisen. Aber er ist sehr wütend über die mangelnden Haltung der europäischen Politik, die sich nicht eindeutig und klar hinter die Demokratiebewegung stellt.

Schauspieler Fang Yu spricht auf dem Bebelplatz über die "inoffizielle Nationalhymne von Hongkong":  "Verzweiflung und Wahn und singen – imagine all the people singen imagine all the people vermummt die Hymne singen, das Lied Vermummten." Beifall brandet auf.

Dieses Lied, "Glory to Hongkong" ist innerhalb von wenigen Tagen zu einem Hit geworden, das hunderte Menschen als "flashmob" in einer Shopping-Mall singen oder für Youtube theatralisch mit großem Orchester und Chor inszenieren.

Eine Frau spricht Fang Yu an: "Ich hab die Übersetzung auf deutsch, die Hymne, ja die, die jetzt immer singen, eine Freundin aus Hongkong hat die mir geschickt, ich weiß nicht ob Du das lesen willst?"

Warum bleibt die Angst bestehen?

Yu Fang überfliegt schnell die deutsche Übersetzung auf dem Smartphone und setzt sich gleich nochmals ans Mikrophon: "Warum weint dieses Land, warum sind wir von Wut und Hass erfüllt, Kopf hoch, lass uns nicht schweigen, sondern unsere Stimme erheben, wir hoffen dass die Freiheit zurückkehrt.Warum bleibt die Angst bestehen, warum weichen wir für unsere Überzeugung nicht zurück, warum bluten wir und marschieren trotzdem weiter, lasst uns ein freies und ehrenvolles Hongkong aufbauen. Hilflos schauen wir zu, wie der Stern in der dunklen Nacht fällt, doch im Nebel ertönt das Horn aus der Ferne. Lasst uns die Freiheit verteidigen, uns hier versammeln und mit aller Kraft kämpfen!"

Yu Fang hat nur zufällig von dieser Lesung erfahren, fuhr dann aber sofort spontan los, um etwas vorzutragen. "Ja, das hat mir gut getan. Ich hoffe, auch das könnte etwas dazu beitragen für die Protestbewegung", sagt der Schauspieler.

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