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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2018

Social Start-ups in KeniaMit Laptop, Moral und Risikokapital

Von Julia Amberger

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26-Jährige Firmengründerin Catherine Mirembe in Nairobis iHub. Sie lehnt an der Wand. Dahinter grüne Design-Stühle. (Julia Amberger)
26-Jährige Firmengründerin Catherine Mirembe in Nairobis iHub. (Julia Amberger)

Neben Südafrika und Nigeria zieht Kenia das meiste ausländische Kapital für junge Tech-Firmen in Afrika an. Breitband gab es hier früh, vor zehn Jahren das erste Gründerzentrum in Nairobi und nun 500 Start-ups im "Silicon Savannah" - nicht wenige mit sozialem Anspruch.

Etwa 25 Gründerinnen und Gründer aus Ostafrika, überwiegend Frauen in Perlenstrumpfhose und Tweetrock, sind an diesem Nachmittag ins iHub gekommen. So heißt der schickste Co-Working Space der Tech-Szene von Nairobi. Sie wollen mehr über Start-up-Management lernen.

Kathryn Mirembe, 26 Jahre, eine Computeringenieurin aus Uganda, hat vor zwei Jahren die Comic-, Animations- und Spielefirma Tamithi gegründet. Während die anderen Teilnehmer Erdbeertorte schlemmen, die Nachspeise des Mittagsbuffets, zieht sie ihr Tablet aus der Tasche und führt das erste Spiel ihrer Firma vor.

"Man gewinnt Punkte, indem man für seine Oma Melonen, Äpfel und Ananas sammelt, in einer bestimmten Zeit. Nebenher lernt man auch etwas über Ernährung und Gesundheit. Man erfährt zum Beispiel, welche Vitamine in den Früchten stecken. Wir wollen nicht nur unterhalten, wir fragen uns immer: Warum erzählen wir diese Geschichte, gibt es eine Moral?"

Auf dem afrikanischen Kontinent besitzen knapp 70 Prozent aller Menschen ein Handy, in Kenia sind es über 80 Prozent. Doch bislang werden fast alle Spiele in den USA und in Europa programmiert, wo man weit weg ist von den Alltagsproblemen Afrikas. Mirembe will diese Lücke schließen. Die Musik und Schauplätze ihrer Spiele stammen aus Uganda – auch die Geschichten:

"Das Wissen unserer Vorfahren, unser kulturelles Erbe, wurde von Generation zu Generation mündlich überliefert, zum Beispiel abends, am Lagerfeuer. Aber die heutige Generation ist nicht mehr auf dieses Wissen angewiesen. Deshalb haben viele vergessen, woher wir kommen, wie einst geheiratet wurde und was unsere Vorfahren aßen. Wir wollen die Geschichten und Bräuche unserer Ahnen wiederbeleben, auf eine witzige, unterhaltsame Weise."

Kathryn Mirembes Firma Tamithi ist eines von hunderten Start-ups, die in den letzten Jahren in Afrika entstanden sind. Im iHub in Nairobi begann, was sich bald in Nigeria, Uganda und Ghana fortsetzte: Gründerteams entwickeln Apps, Internetplattformen und Services, um die drängendsten Probleme ihres Landes zu lösen: In der Landwirtschaft, dem Gesundheitssektor, dem Finanzbereich, im Online-Handel – und um Krisen zu managen. Einige von ihnen werden heute weltweit genutzt. Wer verstehen will, wie es dazu kommt, dass sich die Hauptstädte Afrikas allmählich in Technologie- und Innovationszentren verwandeln, muss die Zeit um ein paar Jahre zurückdrehen.

Ursprung des Start-up-Treffpunkts in Nairobi

"Die Tech-Community in Nairobi entstand vor zehn Jahren. Erst trafen sich die Programmierer und Webdesigner in Cafés – und dann gründeten sie das iHub."

Sagt Lincoln Njogu, Manager des Co-Working-Spaces.

Entstanden ist der Treffpunkt für junge Unternehmer als Reaktion auf die Unruhen in Kenia 2007/2008: Ende Dezember erscheinen die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl und trotz Rückstand in den vorherigen Umfragen wurde der amtierende Präsident Mwai Kibaki zum Sieger erklärt. Das brachte Oppositionsanhänger massenhaft auf die Straßen. Es gab zahlreiche Gewaltverbrechen: Mehr als 1200 Menschen starben, Hunderttausende wurden vertrieben. Verantwortliche aus beiden Lagern wurden später vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt – darunter auch der jetzige Präsident Uhuru Kenyatta.

Ein Archivfoto vom 7. Mai 2013 zeigt den kenianischen Präsidenten Uhuru Kenyatta (l), wie er ein Hotel im Zentrum von London verlässt. (afp / Andrew Cowie)Der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta im Jahr 2013 in London. (afp / Andrew Cowie)

Die Ankläger nutzten auch die Geo-Mapping-Plattform "Ushahidi" - eine Landkarte, die alle Gewalttaten gegen Oppositionelle im Internet sichtbar dokumentierte. Entwickelt hatte sie ein Team aus Bloggern, Programmierern und Anwälten. Schnell wurde die Plattform landesweit bekannt und 2010 kamen die ersten Sponsoren.

"Mit dem Geld eröffnete 'Ushahidi' ein Büro, das iHub. Sie wollten die Tech-Community im Land langfristig vernetzen: Alle konnten kommen und dort arbeiten. Ein Jahr später wurde die Weltbank aufmerksam und erklärte sich bereit, einen neuen Ableger zu finanzieren: das M-Lab."

Im M-Lab, ein Stockwerk unter dem iHub, werden Hackathons und Ideenwettbewerbe ausgerichtet. Programmierer, Designer und sonstige Kreative versuchen hier in wenigen Tagen technologische Lösungen für Probleme der Gesellschaft zu entwickeln. Als Gewinn winken oft Geld, ein Arbeitsplatz und Mentoren, um die Produkte zur Marktreife zu bringen. International tätige Telekommunikations- und IT-Firmen wie Vodafone, Safaricom und Merck investieren – und bald auch die kenianische Diaspora. Innerhalb von nur drei Jahren wächst so um das iHub herum ein Start-up-Cluster. Und die Gründer schwärmen aus in die Nachbarländer, um sie beim Aufbau von eigenen Hubs zu beraten.

Kenia auf Platz drei in Afrika

Mit dieser Strategie liegt Kenia inzwischen auf Platz drei unter 55 afrikanischen Ländern. Rund 100 Millionen US-Dollar konnte das Land 2016 an ausländischem Risikokapital in diesem Bereich anlocken. Mehr schafften nur Südafrika und Nigeria, heißt es in einem Report der Risikokapitalfirma Partech Ventures. Sogar in Kenias Provinz gibt es inzwischen Technologie-Gründer, erklärt Lincoln Njogu vom iHub:

"Das liegt vor allem daran, dass die Regierung gute Bedingungen für Tech-Start-ups geschaffen hat und sie fördert. Und zweitens: Unser Bezahlsystem M-Pesa. Damit kann man seit 2007 in Kenia und und inzwischen in vielen anderen Ländern weltweit per Mobiltelefon bargeldlos bezahlen. Das ist eine riesige Erfolgsgeschichte, die neue Start-ups ermutigt. Und der dritte Grund für unseren Tech-Boom, sind die vielen jungen, gut ausgebildeten Leute von den Universitäten mit den guten Noten, die aufgrund der schlechten Arbeitsmarkt-Situation nicht wissen, wo sie hin sollen. Warum nicht gleich selbst was gründen mit ihren Fähigkeiten."

Start-up entstand aus einem Schicksalsschlag

Felix Kimaru ist so ein gut ausgebildeter Uni-Abgänger. 29, kräftiger Typ, mit herzlichem Lachen. Er beugt sich über einen Schreibtisch im iBiz Africa, einem Hub im Dachgeschoss der Eliteschule Strathmore Business School. Wie alle anderen Spanholz-Tische ist auch seiner mit einem Sichtschutz umstellt. Damit es ruhig ist, im Großraum-Büro mit rund 80 Arbeitsplätzen.

Drei Männer und eine Frau hier arbeiten für Felix Kimaru und "Totohealth" – auf Deutsch: "Kindergesundheit" - ein Start-up, das aus einem Schicksalsschlag entstand.

"Im Dezember 2013 starb meine Tante. Sie war schwanger, aber wusste nicht, dass sie Zwillinge hatte. Bei uns gebären Frauen traditionell zu Hause, mit Hilfe aus dem Dorf. Aber Zwillinge können nur Hebammen entbinden. Deshalb haben wir meine Tante verloren, und die Babys."

Felix Kimaru ist einer der hoffnungsvollen Start-up-Unternehmer Kenias. Er sitzt am Laptop in einem Großraumbüro und lächelt. (Julia Amberger)Felix Kimaru ist einer der hoffnungsvollen Start-up-Unternehmer Kenias. (Julia Amberger)

Kimaru will verhindern, dass es anderen Frauen ähnlich ergeht. Noch stirbt in Kenia bei jeder 200. Geburt die Mutter. Ein Durchschnittswert, die der Staat und internationale Entwicklungsorganisationen seit den 90ern versuchen zu senken, – mit mäßigem Erfolg. Deshalb beschloss Kimaru, selbst nach einer Lösung zu suchen:

"Ich habe überlegt: Wie kann ich meine Fähigkeiten als Programmierer nutzen, um Schwangere dazu zu bewegen, in die Klinik zu gehen. Mit minimalen Kosten."

Er besuchte Krankenhäuser und Geburtsstationen. Dort informierte er sich über Vorsorgeuntersuchungen und die Entwicklungsstadien von Babys.

"Dort hängen Plakate an der Wand. Darauf steht zum Beispiel, was ein Kind mit einem Monat können sollte. Oder mit zwei Monaten und so weiter. Ich habe diese Plakate fotografiert und daraus SMS-Nachrichten entwickelt."

Mit SMS-Service Müttern und Schwangeren helfen

2014 schrieb Kimaru einen Algorithmus, der ausgehend vom Datum der letzten Periode die Nutzerinnen per SMS informiert, wann ihre nächsten Arzt- und Impftermine sind. Dafür bekam er Fördergelder, stellte eine Ärztin und drei Mitarbeiter ein, hing Werbeplakate in Krankenhäusern aus, bekam eine Anschubfinanzierung über 10.000 US-Dollar, bestand den Test des Gesundheitsministeriums, und setzte sich Ziele:

"Wir wollen sicherstellen, dass alle Frauen im Krankenhaus gebären. Im ganzen Land tun das insgesamt nur 62 Prozent. Von unseren Nutzerinnen bei 'Totohealth' gehen dagegen 92 Prozent zur Geburt in die Klinik. 77 Prozent lassen ihre Kinder impfen. Da ist zwar noch Luft nach oben. Aber wir sind erfolgreicher als jede andere Organisation oder jeder andere Service im ganzen Land."

"Totohealth" informiert seine Abonnentinnen auch darüber, wann ihr Kind anfangen sollte, zu sitzen oder zu sprechen. So hilft der SMS-Service auch dabei, Fehlentwicklungen wie zum Beispiel Klumpfüße frühzeitig zu erkennen – und Behinderungen zu verhindern.

"Eine Abonnentin bemerkte aufgrund unserer Nachrichten, dass ihr Kind längst laufen können sollte. Weil es das aber nicht tat, ging sie ins Krankenhaus. Dort wurde die Knochenerkrankung Rachitis diagnostiziert. Zum Glück sehr früh, so dass ihr Kind mit Vitamin-D-Zugabe geheilt wurde. Diese Geschichte haben wir nur zufällig erfahren, bei einer unserer Befragungen. Es gibt so viele Erfolgsgeschichten, von denen wir gar nichts wissen."

Heute sind 145.000 Mütter bei "Totohealth" registriert, in Kenia und Tansania. Dreimal pro Woche erhalten sie Nachrichten. Per SMS informiert Totohealth seine Nutzer auch über Epidemien wie Choleraausbrüche. Doch bald sind die Fördergelder und Spenden aufgebraucht und das Start-up muss auf eigenen Beinen stehen.

"Wir sind keine NGO, davon gibt es viele in Kenia. Die überleben nur solange ihre Förderung reicht. Aber wir wollen uns selbst tragen. Deshalb bezahlen registrierte Eltern künftig umgerechnet zwei Dollar pro Jahr, um 'Totohealth' zu nutzen."

Zwei US-Dollar pro Jahr sollten auch für die ärmsten Familien mit dem Handy bezahlbar sein. Wer dennoch Probleme hat, kann den Preis auch in Raten bezahlen.

Aus dem größten Slum Kenias zur Software-Trainerin

Das Tunapanda Institute, ein Hub in einem zweistöckigen Haus mitten in Kibera, dem größten Slum Kenias. Im Obergeschoss schneiden Jugendliche an verstaubten Bildschirmen gerade ein Video. Unten stellen an die 30 Jugendliche die Ergebnisse ihres Drei-Monats-Kurses vor. Dicht aneinandergedrängt, auf durchgesessenen Sofas und Plastikstühlen, lauschen sie dem Vortrag einer Gruppe. Die hat sich mit Big Data beschäftigt.

Maureen Mora, 26 Jahre alt, eine selbstbewusste Frau mit strahlendem Lächeln, hört aufmerksam zu. Ihr Trenchcoat, der dunkle Lidschatten sowie ihre rot angestrichenen Lippen heben sie von den anderen ab. Vor drei Jahren war sie selbst noch Teilnehmerin, da wurde das Tunapanda Institut gerade von zwei Brüdern aus den USA eröffnet. Jetzt unterrichtet sie. 

"Bei den technischen Fähigkeiten, geht es vor allem darum, ob man Probleme lösen kann. Wir sind im digitalen Zeitalter. Wir müssen die technischen Möglichkeiten zumindest kennen und einigermaßen mit ihnen umgehen können."

Lehrerin Moreen Moral vom kenianischen Tunapanda Institute. Sie sitzt auf einer Couch mit ihrem Laptop und schaut einer Präsentation zu. (Julia Amberger)Lehrerin Moreen Moral vom kenianischen Tunapanda Institute. (Julia Amberger)

Mora wuchs hier in Kibera auf. Das "Tunapanda Institut" gibt auch Schulabgängern aus Slums die Möglichkeit, Programmiersprachen, Grafik Design und Arbeiten im Team zu lernen. Die Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse sind kostenlos, das Institut finanziert sich über Aufträge und Spenden. Jeden Mittag wird gekocht. Mora häuft den Teilnehmern Reis mit roten Bohnen und Kohl auf die Teller, während sie erzählt, wie alles begann.

"Mein Vater ist ein Software Entwickler. Ich hing oft mit ihm ab, hab auf seinen Laptops rumgespielt und ein Interesse für Computer entwickelt."

Moras Eltern investierten in ihre Bildung, auch wenn zu Hause das Geld knapp war. Das Studium der Medizintechnik schloss sie mit Bestnoten ab, aber sie fand keinen Job. Da öffnete das Tunapanda Institut, gleich nebenan. Mora bewarb sich. Sie wurde aufgenommen – in den Grund- und den weiterführenden Kurs.

"Erst fand ich Computer einfach nur cool. Jetzt weiß ich, wie ich Computer nutzen kann, um etwas für mich, meine Familie und meine Community zu tun."

Jugendliche in den ärmsten Regionen sollen programmieren

Mora hat nun einen Job – und eine Mission: Sie will auch Jugendlichen in den ärmsten Regionen des Landes Programmieren beibringen, insbesondere Frauen. Deshalb hat sie in Turkana, an der Grenze zum Südsudan, ein weiteres Tunapanda-Hub eröffnet, unterstützt von einer Initiative aus Deutschland. Eine der Teilnehmerinnen, flog vorher von der Uni, weil sie schwanger wurde, erzählt Mora. Mit Auftritten als Sängerin hielt sie sich über Wasser. Als das Tunapanda Institute öffnete, meldete sie sich an – gegen den Willen von Eltern und Gemeinde.

"Wie soll sie sichergehen, dass ihr Sohn überlebt, wenn sie Computerkurse nimmt, haben die Leute gesagt. Aber sie ließ sich nicht abbringen, sie übergab ihren Sohn einfach ihrer Cousine und kam zum Unterricht. Manchmal war ihr Sohn krank, dann musste sie auch noch Geld für Medikamente auftreiben. Aber sie machte einfach weiter. Und jetzt ist sie selbst Trainerin."

Mora glaubt an eine bessere Zukunft durch das Internet, an eine, die sie mitgestalten kann – wie Mirembe mit ihrer Spiele- und Animationsfirma und Kimaru mit dem SMS-Service für Schwangere und Mütter. Auch wenn sie in Kenias größtem Slum aufgewachsen ist. Im Vergleich zum iHub in Nairobi wirkt das Tunapanda Institute mit seinen langsamen Rechnern wie ein Fiat neben einem Ferrari. Doch wer glaubt, vom Tech-Boom in Kenia profitierten nur die Kinder reicher Eltern, der irrt, sagt Mora:

"Wer keinen Platz bei Tunapanda bekommt, braucht nur selbst die Initiative zu ergreifen. Im Internet gibt es zahlreiche kostenlose Angebote. 'Coursera' oder die 'Codecademy'. Einfach online gehen und sich das Programmieren selbst beibringen."

Die Recherche-Reise nach Kenia wurde unterstützt von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.

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