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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.03.2014

Social MediaKomponieren mit Twitter

Premiere der Tweetfonie am Anhaltischen Theater Dessau

Von Christoph Richter

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Das Anhaltische Theater Dessau ist am 19.02.2014 in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) beleuchtet. (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
Das Anhaltische Theater Dessau in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)

Es klingt verrückt. Per Twitter eine Sinfonie komponieren? Beim Kurt Weill Fest wurde es ausprobiert. Damit geht die Anhaltische Philharmonie Dessau neue Wege: In der Tradition des Komponisten, der bereits vor 100 Jahren mit modernen Medien experimentierte.

Antony Hermus, der holländische Generalmusikdirektor des Anhaltischen Theaters Dessau ist völlig begeistert. Mit ruhigen Gesten - ganz in schwarz gekleidet und mit einer Helmkamera auf dem Kopf - dirigiert er eine Tweetfonie, eine per Twitter komponierte Sinfonie.

"Was mich vor allen Dingen daran begeistert, ist, dass man zeigt, dass die Kommunikation einfach so weit fortgeschritten ist, dass man Leute quasi aus Estland mit Leuten aus Amerika verbinden kann, um eine Komposition zu machen, die in Dessau gespielt wird."

Noten aus Zahlencodes

Jeder war eingeladen mitzumachen, das heißt mit zu komponieren. Dazu musste man am gestrigen Sonntag auf eine eigens konzipierte Webseite gehen. Und konnte sich dort über eine virtuelle Klaviertastatur eine kurze 90-sekündige Melodie ausdenken, die anschließend über den Kurznachrichtendienst Twitter ans Theater geschickt wurde. Das heißt: Aus Tönen wurden Zahlencodes, die vom Theater dann wieder zu Noten entschlüsselt wurden.

"Mathematische Komponiererei!"

Anschließend hat man das Material – etwa 150 Mini-Kompositionen – an 50 internationale Komponisten geschickt, die es innerhalb von zwölf Stunden zu vollständigen - etwa acht Minuten langen - Orchester Kompositionen arrangiert haben.

"Gene Bridget ist dabei. Hans Rotmann ist dabei der Intendant von Impuls. Ja Maddie Alice Evans aus England ist dabei. Von überall. Alle sind sofort begeistert und sagen ja ich mach mit. Die kriegen alle nix dafür, ist alles unentgeltlich. Aber die unterstützen uns gerne, weil es so ein verrücktes Projekt ist, dass sie sagen, dass sie auch dabei sein wollen."

"Auch das Real-Time-Komponieren fasziniert mich wahnsinnig. Dass man am Sonntag tweetet, und am Montag wird eine Komposition auf Basis dieses Tweets gespielt. So schnell kann’s gehen."

Romantisches und Experimentelles

Entstanden ist ein vollmundiges und expressives Orchesterwerk. Eine Tweetfonie, und eben keine Sinfonie: Eine amüsante Ansammlung musikalischer Miniaturen mit so wundervollen Namen wie "Ich Träum von Dir" oder "Neo-Baroque a L'Anhaltienne", die Leute aus der ganzen Welt – unter anderem aus Venezuela, Japan oder Russland – nach Dessau geschickt haben.

Erzählt nicht ohne Stolz, Ko-Repetitor Boris Cepeda:

"Ich hatte mir das angehört im Vorfeld, was die Leute getwittert haben. Da ist schon viel Romantisches dabei, es gibt auch ein paar experimentelle Sachen. Es ist sehr spannend. Die Bandbreite ist sehr groß. Auch Menschen, die sich damit vorher gar nicht auseinandergesetzt haben, haben das auch gemacht."

Es gehe nicht um Klamauk oder einen profanen Karnevalsscherz, unterstreicht Michael Kaufmann, der Intendant des Kurt Weill Festivals. Und vermutet, dass Kurt Weill - der große Sohn der Stadt Dessau - wohl seine wahre Freude an dieser Idee gehabt hätte. War er es doch, der mit seinen Kompositionen neue Wege ging, die Musik aus seinen starren Formen riss, indem er den Jazz, die Geräusche der Straße, die Musik aus den Kneipen und Boulevards in seine Kompositionen mit aufnahm.

"Wenn man nicht nur klingendes Museum spielen will, wenn man nicht nur nach hinten gucken will, sondern auch überlegen will, was unser heutiger Umgang mit den Medien ist; wie aufgeweckt, aufgeklärt wir damit umgehen, dann muss man sich mit dem Medium Internet beschäftigen. Und fragen, ob wir alles, was wir so als Revolution empfinden, auch eine ist. Oder nicht nur ein müder Abklatsch dessen. Und jetzt die Tweetfonie zu machen, ist zumindest eine Möglichkeit, sich damit zu beschäftigen.

Junges Publikum als Zielgruppe

Ziel sei es auch – also neben dem Spaß - ein neues, eben junges Publikum durch moderne Kommunikationsmittel zu erreichen, sie für sinfonische Musik zu begeistern. Die Tweetfonie sei damit ein Education-Programm im besten Sinne, unterstreicht Dirigent Antony Hermus:

"Wir wollen Leute begeistern für klassische Musik, sie über eine gewisse Hemmschwelle ziehen. Facebook und Twitter sind so populär heutzutage. Dass man Leute schnell über eine Hemmschwelle ziehen kann, um einfach mal schnell was auszuprobieren. Und jeder der denkt, ich kann nicht komponieren, kann dann plötzlich doch komponieren. Und so versuchen wir einfach klassische Musik an den Mann zu bringen, das ist eine der Aufgaben.

Die Idee der Tweetfonie stammt von der Düsseldorfer Werbeagentur Havas Worldwide und war 2012 ursprünglich als Rettungskampagne für das Metropol Orkester Amsterdam gedacht, um auf deren prekäre Situation aufmerksam zu machen.

"Die haben eine Kürzung von drei Millionen Euro bekommen und waren in der Existenz komplett bedroht."

Ähnlich sieht es derzeit am Anhaltischen Theater Dessau aus, eines der ältesten Vierspartenhäuser Deutschlands, das demnächst möglicherweise auf zwei Sparten verzichten muss. Weil das Land Sachsen-Anhalt die Landeszuschüsse um drei Millionen Euro kürzt.

Dennoch will man die Tweetfonie in Dessau keinesfalls als Requiem oder Trauerspiel verstehen, sondern bestenfalls als sinfonischen Überlebenskampf.

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