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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.10.2007

So soll Theater sein!

Lessings "Minna von Barnhelm" im Schauspielhaus Hamburg

Von Elske Brault

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Wenn Staatstheater ihre Kasse füllen wollen, setzen sie "Minna von Barnhelm" auf den Spielplan. Lessings Komödie bietet dank ihrer geschliffenen Dialoge 240 Jahre nach der Uraufführung immer noch beste Unterhaltung: Die Komik des Stücks ist nicht kaputt zu kriegen. Doch Karin Henkel versucht diesbezüglich ihr Möglichstes, obwohl das Deutsche Schauspielhaus, indem die regulären Vorstellungen fast immer vor halb leeren Rängen gespielt werden, einen Erfolg bitter nötig hat. Und vielleicht wird es gerade deshalb, weil Henkel das Tragische in "Minna" entdeckt, ein rauschender Erfolg: Todtraurig und zum Brüllen komisch.

Der siebenjährige Krieg hat hier alle zerstört: Tellheims Diener Just schiebt sich auf einem Rollwägelchen hockend über die Bühne wie ein Minenopfer, dem die Detonation die Beine weggesprengt hat. Tellheims Freund Paul Werner trägt eine Nackenstütze, was das steife Auftreten des Hauptmanns noch steifer macht: Über diesem Schraubstock ist die eine Gesichtshälfte zerfressen wie nach einem Brand oder Giftgasangriff. Minna ist zwar äußerlich unversehrt, hat aber eine Essstörung: mit einem Schaumstoffbalg zur grotesk dicken Dame aufgepolstert, stopft sie ständig Kekse in sich hinein. Und Tellheim? Tellheim ist eine Frau.

Karatekämpferin Jana Schulz, bisher als Romeos "Julia" oder Othellos "Desdemona" feminin und zerbrechlich, gibt in einer dreckigen, ausgeleierten Männerunterhose und ebenso schmutzigem Leibchen, mit breiten Schultern und kräftigen nackten Oberschenkeln das Mannweib. Gleich zu Beginn hat sie uns mit dem Hamlet-Monolog "Sein oder Nichtsein" darauf eingestimmt, dass diese Inszenierung existentielle Fragen stellen wird. Ständig zwischen Mann und Frau changierend, erzwingt Jana Schulz unser Mitleid, wenn sie in den Liebesszenen mit Minna jammerlappig ihr Elend beklagt. Beschwört sie hingegen in der Zweisamkeit mit Diener Just oder Paul Werner den unwandelbaren Wert der Männerfreundschaft, dann hat das einerseits eine homosexuelle Note, vermittelt andererseits den Eindruck, Tellheim sei nun da angekommen, wo er/sie viel mehr hingehört als an Minnas Seite. Auf dem Damenklo kotzt dieser Tellheim sich aus, vom Herrenklo holt er sich die Kostümierung, die ihn für die Begegnung mit Minna zum "richtigen Mann" machen soll: Erst eine scheppernde Ritterrüstung, später einen Cowboyanzug.

Die Toilettentüren sind der Ausgang auf der vordersten Ebene der dreifachen Guckkastenbühne: Hinter den ersten breiten Goldrahmen mit Glitzervorhang hat Bühnenbildner Stephan Mayer einen zweiten und dann noch einen gebaut: Hinter diesem letzten, kleinsten, bringt ein Lastenaufzug Neuankömmlinge herbei oder verändert die Szenerie. Die mehrfach ineinander geschachtelte Bühne ist Sinnbild für das Spiel im Spiel, um das es Karin Henkel am Ende geht.

Minna von Barnhelm nämlich spielt mit Tellheims Gefühlen, um ihn für sich zu gewinnen: Sie spiegelt ihm vor, enterbt, arm, schutzbedürftig zu sein, damit er seiner Männerrolle entsprechend agieren und sie "retten", sie heiraten kann. Bei Lessing ging das glatt, aber hier treffen zwei Charaktere mit Identitätsstörungen aufeinander, und das bedeutet: Es knallt.

In der ersten Version erschießt Tellheim sich, bläst sich das Hirn raus, weil Minnas Ränkespiel zu verwirrend, das Hin- und Her um vertauschte Verlobungsringe zuviel und überhaupt die ganze Welt – Sein oder Nichtsein – ein Jammertal ist. Der Vorhang der hintersten Bühne schließt sich. Doch Minna schlüpft darunter hervor und ruft "Wir müssen doch weiterspielen!" Und so erscheint auch Tellheim erneut mit aus dem Kopf quellenden Hirn.

Zweite Version: Tellheim hört endlich auf mit dem Hamletschen Gejammer und benimmt sich wie ein Mann. Auch diesmal überfordern Minnas Spielstrategien ihn komplett, aber er – Jana Schulz – reagiert wie ein ganzer Kerl: Er schlägt Minnas Kopf solange gegen die Wand, bis sie tot ist.

Erst danach reichen Minna und Tellheim einander die Hand für den dritten, den Original-Lessing-Schluss. Bloß kann sich über die Hochzeit dieser beiden Blut überströmten, ramponierten Geschlechterkriegsopfer niemand mehr freuen.

Warum das trotzdem alles zugleich sehr komisch ist und an diesem beinharten dreieinhalbstündigen Abend viel gelacht wurde? Weil es vor Karin Henkels absurd überzeichneten und doch so lebensecht verzweifelten Comicfiguren nur eine Rettung gibt: Über sie zu lachen. Weil die Horrorbilder der Inszenierung dem wunderbaren Lessingschen Wortwitz noch eine politisch unkorrekte Note hinzufügen: "Auf einem Bein kann man nicht stehen" sagt der Wirt zu Diener Just, als er ihm einen zweiten Schnaps reicht. Aber Just hat hier ja bekanntlich gar keine Beine.

Selbst die rührenden Momente des Stücks werden ironisch kommentiert von den amerikanischen Popsongs, die Angelika Richter live darbietet, sich auf dem Flügel am Bühnenrand räkelnd: Wenn Tellheim seinen treuen Just wegschicken will, weil er ihn nicht mehr bezahlen kann, und Herr und Diener sich nach einer längeren Auseinandersetzung in die Arme fallen, singt Richter dazu "I need your love".

Vor allem aber: die Tragik erhöht hier nur die Komik, so wie der Hunger das Essen besonders gut schmecken lässt. Diese "Minna von Barnhelm" ist, als ob ein Todgeweihter auf dem Sterbebett Witze erzählt: Man wird sie nicht vergessen können. Tosender, anhaltender Applaus für ein grandios spielendes Ensemble und danach im Foyer Rätselraten und Diskussionen: Wie war wohl dieser oder jener Regieeinfall gemeint? So soll Theater sein.

Minna von Barnhelm
Von Gotthold Ephraim Lessing
Premiere Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 27.10.07
Regie: Karin Henkel
Mit: Marie Leuenberger (Minna), Jana Schulz (Tellheim), Marco Albrecht (Wirt), Julia Nachtmann (Franziska), Tim Grobe (Just), Thorsten Ranft (Paul Werner), Angelika Richter (Gesang und Nebenrollen)

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