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Buchkritik | Beitrag vom 31.07.2019

Smolderen und Bramanti: "McCay"Eine Biografie zwischen Fakten und Fiktion

Von Eva Hepper

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Buchcover zu "McCay" von Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti (Carlsen)
"McCay" erzählt die Geschichte des Comicschöpfers von "Little Nemo". (Carlsen)

Das Autorenduo Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti schickt seine Leser auf die Spuren des Comiczeichners Winsor McCay. Der hatte eine Vorliebe für surreale Geschichten – und so liest sich auch die Graphic Novel über ihn.

Keine Frage: Sigmund Freud wäre begeistert gewesen von Winsor McCay und den Traumwelten, die er Anfang des 20. Jahrhunderts schuf. In seinen Zeitungsstrips schickte der Pionier des Comics seine heute weltberühmte Figur des "Little Nemo" in ein gigantisches, surrealistisch anmutendes Schlummerland. In einer anderen Serie purzelte ein Käsetoastesser von einem Alptraum in den nächsten.

Doch so naheliegend der Bezug scheint, Sigmund Freud ist der 1869 in Michigan geborene Illustrator nie begegnet, und es ist auch umstritten, ob er seine Schriften kannte. Aber Charles Howard Hinton, den exzentrischen Mathematiker, der sich der vierten Dimension widmete und dabei stets nach visuellen Darstellungsmöglichkeiten suchte, den hätte McCay durchaus treffen können. Aber tat er es auch?

Mit Fakten verschränkte Fiktion

Eine ungewöhnliche Graphic Novel behauptet nun: Ja! Tatsächlich haben sich Thierry Smolderen und Jean-Philippe Bramanti zum 150. Geburtstag ihres Idols etwas Besonderes ausgedacht. Sie erzählen die – reale – Biografie des genialen Künstlers und verschlingen sie mit einer fiktiven Abenteuergeschichte, in deren Zentrum Fantasie und Vorstellungskraft stehen. Was für eine Idee!

Bereits auf den ersten Seiten stellen die Autoren das den Plot bestimmende Trio vor: McCay, Hinton und Silas. Letzterer ist ein zwielichtiger Typ, dessen Name nicht zufällig an ein Pseudonym des Comiczeichners erinnert; die Serie des Käsetoastessers hatte er so signiert.

Im Folgenden passieren die (echten) Lebensstationen McCays Revue: von seinen Anfängen als Plakatmaler in der Welt der Varietés und Freakshows, über die Karriere als Zeitungsillustrator beim Hearst-Imperium, bis hin zu den berühmten Zeichentrickfilmen mit "Little Nemo" und "Gertie, the Dinosaur". Die mit den gesicherten Fakten verschränkte Fiktion erzählt eine komplexe Verfolgungsgeschichte und spielt größtenteils in der vierten Dimension, dem Reich der Fantasie. Hier begegnet McCay seinen eigenen Zeichenfiguren, hier muss er Gefahren meistern, und bald weiß er und mit ihm der Leser, die reale Welt und die der Vorstellung kaum noch zu trennen.

Die Geschichte entgleist

Thierry Smolderens Idee, sich McCays Können über eine fiktive Begegnung mit Charles Hinton und dessen Forschung zu nähern, ist bestechend. Auch weiß sie Jean-Philippe Bramanti in überzeugenden, sepiafarbenen Bildern umzusetzen. Leider aber entgleist die zunehmend absurde Geschichte, in der es schließlich nur noch um eine obskure Mordserie geht.

So werden die Autoren ihrem großen Idol letztlich nicht gerecht. Was dem Buch fehlt, ist zudem ein Lebensabriss seines Protagonisten. Da Smolderen und Bramanti auf jegliche Einordnung verzichten, sind ihre Anspielungen und Wendungen nur für Eingeweihte zu verstehen. Etwa wenn McCay sich seine Einblicke in die vierte Dimension einmal mit dem spätabendlichen Verzehr eines Käsefondues erklärt, und damit an seine berühmteste Serie erinnert wird. Das ist ein echtes Manko, und so geht das originelle Konzept, Biografie und Fiktion zu vermischen, am Ende nicht ganz auf.

Thierry Smolderen (Text) und Jean-Philippe Bramanti: "McCay"
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Carlsen Verlag 2019, 224 Seiten, 36 Euro

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