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Studio 9 | Beitrag vom 05.12.2018

Smog in PolenSchlechte Luft, gutes Geschäft

Von Ernst-Ludwig Aster

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Blick über die polnische Stadt Kattowitz, die am 30. November 2018 unter einer Smogdecke liegt. Im Vordergrund: die Marienkirche. (picture alliance / NurPhoto)
Blick über die polnische Stadt Kattowitz, die am 30. November 2018 unter einer Smogdecke liegt. Im Vordergrund: die Marienkirche. (picture alliance / NurPhoto)

Erst machte man sich über sie lustig, jetzt ist sie gefragte Unternehmerin: Agnieszka Liszka-Dobrowolska handelt im Netz mit Atemschutzmasken, die ein echter Verkaufsschlager in Polen sind. Wer kann, flüchtet dennoch vor dem dreckigen Dunst ans Meer.

Maske vor den Mund, Gummizüge hinter die Ohren. Fertig. Das Modell für Fortgeschrittene. Für umgerechnet 35 Euro. Wahlweise in Tarnfleck, Pink, oder mit "I love Krakow"-Aufdruck. Die ganz persönliche Luftreinhaltung. Pünktlich zum Klima-Folgegipfel in Polen. 

Für Anfänger gibt es das schlichte Modell. Perfekt für dem Kurzzeiteinsatz. Für 3,50 Euro. Liszka-Dobrowolska schiebt die Masken zusammen, atmet tief durch.

Seit gut einem Jahr lebt sie mit ihrer Familie an der Ostsee. Weil die Luft hier besser ist.

Der polnische Smog war für sie lange kein Thema. Waberte der doch vor allem in Südostpolen. Sie aber lebte in Warschau, machte Öffentlichkeitsarbeit. Erst für Premierminister Donald Tusk, später dann für eine große Versicherung, schließlich für internationale Consultingfirmen. Die schlechte Luft interessierte dort niemanden. Dann bekam Liszka-Dobrowolska Zwillinge: 

"Wir lebten in einem Außenbezirk von Warschau. Und wir hatten die kleinen Zwillinge. Mein Mann musste zu einem Geschäftstreffen nach Krakau. Und da dachten wir, wir können doch alle fahren. Und ein bisschen Spaß haben. Aber dann waren da die Smogmeldungen. Ich guckte, wie ich die Kinder schützen könnte. Aber es gab nichts."

Kein Smog-Schutz für Kinder

Es gab keinen Smog-Schutz für die Zwillinge, also fuhr ihr Mann alleine nach Krakau. Sie blieb mit den Kindern zu Hause. Und entwickelte ihre Geschäftsidee. Einen Online-Versand für trendige Schutzmasken gegen schlechte Luft. Masken-Marketing.

"Damals haben sich alle lustig über mich gemacht. Über meine Geschäftsidee mit dem Smog-Schutz. Niemand würde in Polen eine Maske tragen, hieß es. Dann kam der Winter 2016. Und die Luft in Polen wurde richtig schlecht. Über Monate hielt das an. Und zwar nicht nur im Süden des Landes, sondern auch in Warschau. Die Leute machen heute noch Witze darüber, dass der Smog in Polen erst zum Problem wurde, als er Warschau erreichte." 
 
Seitdem zumindest diskutiert Polen über die Luftbelastung. Und unzählige Apps liefern besorgten Bürgern laufend Messergebnisse. Eine junge Krakauerin, die am Nebentisch sitzt und zuhört, greift zum Mobiltelefon, öffnet ihre App.

Ein Kind bei einer Anti-Smog-Demonstration im polnischen Krakau (picture alliance / Pacific Press / Beata Zawrel)Ein Kind bei einer Anti-Smog-Demonstration im polnischen Krakau (picture alliance / Pacific Press / Beata Zawrel)
"Im Augenblick liegen wir in Krakau in Sachen Feinstaub bei mehr als 330 Prozent über der Norm," sagt sie. Manchmal sind es im Winter auch 600 Prozent. Fast die Hälfte des Jahres ist in Krakau Smogalarm. Auch Liszka-Dobrowolska sucht jetzt auf ihrem Mobiltelefon – und findet den globalen Vergleich. 

"Ein Ranking der schlechten Luft. Weltweit. Auf Platz 1: Kalkutta, dann Lahore in Pakistan. Warschau liegt aktuell auf Platz 15. Ofenheizungen, in denen im Winter alles verfeuert wird, Kohleöfen, Kohlekraftwerke – das sorgt in Polen nachhaltig für schlechte Luft. Die 45-Jährige legt das Telefon beiseite. Packt die Smogmasken wieder in die Tasche. "Atmen ist Leben" – so heißt übersetzt ihr Online-Handel. 

Tag und Nacht Masken eingepackt

"Ich dachte, ich mache den Online-Shop auf. Und dann bestellen ein paar Leute etwas. Und einmal die Woche gehe ich dann zur Post und gebe die Pakete auf. Nach einem Monat aber bekamen wir bis zu 50 Bestellungen pro Tag. Tag und Nacht haben wir Masken eingepackt. "
 
Mittlerweile übernimmt den Vertrieb ein Packcenter. Im Angebot sind jetzt auch noch Messgeräte und Innenraumreiniger. Die schlechte Luft ist gut fürs Geschäft. Die Masken-Unternehmerin nimmt einen letzten Schluck Tee, sie muss gehen. Die Zwillinge sind noch eine Stunde im Kindergarten. Und die Geschäfte warten. Immer mehr Gutverdiener suchen die Luftverbesserung: 
 
"Jeden Tag treffen wir Leute, die unter der Luftverschmutzung leiden. Und die jetzt an die Küste ziehen wollen. Für die starten wir nun einen Umzugs-Service. Den nennen wir "Wechsel das Klima - change the climate".

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