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Studio 9 | Beitrag vom 06.11.2015

Smartphone-AppDie sprechenden Parkbänke von Paris

Von Kerstin Gallmeyer

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Ein älterer Mann sitzt im Juni 2011 auf einer Bank im Jardin du Luxembourg im französischen Paris und liest. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
Ein älterer Mann auf einer Bank im Pariser Jardin du Luxembourg (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Wer gerne Gesprächen fremder Menschen in seiner Umgebung lauscht, der sollte sich in Pariser Parks begeben. Denn dort erzählen die Bänke jetzt Geschichten aus der Feder junger französischer Autoren.

Die Blätter leuchten in Gelb und Orange, während der Rasen noch sattgrün ist. Es ist Herbst im Pariser Park Monceau. Und Mittagszeit. Lauf-Begeisterte nutzen ihre Pause für eine Joggingrunde, Kinder kommen aus der Schule. Tollen um die vielen Bänke herum, die hier am Wegesrand stehen. Auf einer der Bänke direkt am Ententeich hat es sich Auriane mit ihrem Mittagessen und einem Buch gemütlich gemacht. Was die Studentin noch nicht weiß – die Bank auf der sie sitzt, erzählt eine Geschichte.

Aurianes Parkbank ist eine von 15 sprechenden Parkbänken in Paris. Um sie dazu zu bringen, ihre Geschichte zu erzählen, braucht man ein Smartphone, Kopfhörer und die entsprechende App. Per QR-Code wird dann die Geschichte aktiviert.

"Setzen Sie sich, hören Sie zu",

wispern einem Stimmen ins Ohr. Und schon ist der Hörer drin, mitten in einer Szene - einem Dialog, zwischen Menschen, die sich ganz in der Nähe zu befinden scheinen. Auch Auriane lauscht inzwischen gebannt der Geschichte, die ihre Parkbank erzählt:

"Es geht anscheinend um einen Typen, der hinter einen jungen Frau her ist. Aber er ist nicht in der richtigen geistigen Verfassung, um sie anzusprechen. Er versucht, sich mit Rauchen oder Yoga in Stimmung zu bringen. Das ist ziemlich lustig."

Für jede Parkbank eine eigene Geschichte

Thomas Baumgartner, der für den Radiosender France Culture arbeitet, hatte die Idee zu den sprechenden Parkbänken.

"Parks sind ein Ort, der ausgeklammert ist von der urbanen Umgebung und unserem täglichen Aktivsein. Hier hat man vielleicht ein bisschen Zeit. Man hört eine kleine Geschichte von drei, vier, fünf Minuten, die die Illusion erzeugen, dass die Personen genau neben uns sind, das gleiche erleben, wie wir gerade. So vermischen sich Fiktion und Wirklichkeit."

Die kurzen Episoden wurden von einem Dutzend junger französischer Romanautoren geschrieben, extra für jede der Parkbänke. So sieht der Hörer genau die gleiche Umgebung, wie die Figuren in den Geschichten. Auch die Geräusche wurden genau hier aufgenommen. Die App leitet den Hörer per Stadtplan und GPS zu den sprechenden Bänken durch ganz Paris. Sie stehen in vier verschiedenen Parks. Unter anderem im zentral gelegenen Jardin du Luxembourg und im Parc Monceau, der für wie dafür gemacht ist, findet Thomas Baumgartner:

"Der Parc Monceau kommt in Romanen vor, in Comics. Es ist an sich schon ein fiktionaler Ort. Hier gibt es bestaunenswerte Statuen, die nachgebildeten Ruinen aus der griechisch-römischen Antike. In einer Ecke steht eine Pyramide. Es gibt hier etwas Mysteriöses, das das Gefühl erzeugt, dass hier etwas passieren kann."

Bei Studentin Auriane auf der Parkbank am Ententeich hat das besondere Hörerlebnis auf jeden Fall gewirkt:

"Ich werde mir die App herunterladen, weil ich das echt spannend finde. Es ist lustig, weil es den Park lebendig macht."

Kerstin Gallmeyer, Paris.

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(Deutschlandradio Kultur, Sonntagmorgen, 27.09.2015)

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