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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.05.2005

"Skinhead Attitude"

Dokumentarfilm über die Skinhead-Bewegung

Von Bernd Sobolla

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Nicht alle Skinheads sind rechtsradikale Schläger (AP)
Nicht alle Skinheads sind rechtsradikale Schläger (AP)

Das ZDF startet heute eine vierteilige Dokumentarfilmreihe über Jugendkulturen. Im ersten Teil rollt Daniel Schweizer die Geschichte der Skinheads auf. Der Film "Skinhead Attitude" zeigt die Geschichte dieser Jugendbewegung, die vor fast 40 Jahren entstand, und die von den Medien fast ausschließlich als Brutstätte für Rassismus, Gewalt und Nazismus wahrgenommen wird. Dabei ist das Phänomen der glatzköpfigen Männer vielschichtig.

"Um Skinhead zu sein, musst du zunächst deine Doc Marten’s Stiefel lieben, du musst Ska-Musik lieben, du musst die richtige Einstellung haben, vom Herzen her und vom Kopf, du musst Fußball lieben, du musst härter als alle anderen tanzen, und vor allem musst du Antirassist sein. "

Wie war das? Skinheads sind Antirassisten? Sehen und hören wir nicht alle seit Jahren, dass, wo immer Skinheads auftauchen, Gewalt und rassistische Ausschreitungen an der Tagesordnung sind? Der Filmemacher Daniel Schweizer hat sich aufgemacht, die Geschichte der Skinhead-Bewegung im Rahmen eines musikalischen Road Movies zu erforschen. Dazu hat er England, Frankreich, Skandinavien, Polen, Deutschland und die USA bereist, um dort mit den Ikonen der verschiedenen Skinheadgruppen zu sprechen. Und davon gibt es eine Menge.

Die Ursprünge der Bewegung liegen in den 60er Jahren. Damals mischen sich in London schwarze jamaikanische Musiker, so genannte "Rude Boys", mit Jugendlichen der englischen Arbeiterklasse. Diese Verbindung erhält rasch Zulauf und wird musikalisch durch die Verquickung von Ska- und Reggae-Musik mit New Wave und Punk unterstrichen. Bands wie "Bad Manners", "Sham 69" oder "Madness" stehen dafür. Aber allmählich tauchen auch immer mehr unzufriedene Straßenkinder auf, denen das ausgelassene Tanzen auf Konzerten zu wenig ist. Mit "Skrewdriver", einer ehemaligen Punkgruppe, kommt es 1977 zum Bruch. Ihr Sänger Ian Stewart, ein radikalter Nationalist, spaltet die Bewegung.

"Ich bin stolz darauf in Deutschland zu sein, ich bin stolz, vor Deutschen zu sprechen, und ich möchte euch die nächste Nummer widmen. Denn ohne euch gäbe es Skrewdriver nicht, ohne Deutschland, ohne die deutsche Idee, ohne Nationalsozialismus wäre Skrewdriver nicht vorhanden. "

Faschistische Zeichen tauchen auf, schwarze Bomberjacken, kahl geschorene Schädel, Hakenkreuze, Brutalität und exzessive Gewalt. Die Nazi-Skinheads sind geboren. Sie werden zum Teil von rechten Parteien wie der Britischen National Front instrumentalisiert und verbreiten sich über ganz Europa.

Aber auch die linken Skinheads formieren sich: Unter dem Label "SHARP - Skinheads gegen rassistische Vorurteile" beziehen sie Stellung. Schlägereien zwischen den Gruppen sind an der Tagesordnung. Mit dem Aufkommen des Internets vernetzen sich die verschiedenen Organisationen und auch Todeslisten tauchen auf. In den USA zum Beispiel gehen rechte Skins und Ku-Klux-Klan eine unheilvolle Allianz ein. Nie zuvor hat es im Fernsehen einen derart fundierten historischen Abriss der Skinheadbewegung gegeben. Daniel Schweizer hat dafür jahrelang recherchiert. Der Film stellt die wohl radikalste heutige Jugendbewegung vor, wobei auffällt, dass die meisten Gesprächspartner schon deutlich über 30 Jahre sind. Der Film klärt auf und beängstigt gleichermaßen. Er zeigt für Außenstehende viele völlig neue Aspekte, wird von einem exzellenten Spannungsbogen getragen und wirft Fragen auf, die manchmal selbst Insider nicht beantworten können.

" Es gibt natürlich in Deutschland die zwei Szenen, die gegeneinander arbeiten. Aber zu sagen, welche Seite größer ist, ist eigentlich schwer, weil man bewegt sich ja nur in der einen Szene. Also ich könnte nicht sagen, wie viele faschistische Skinheads es in Deutschland gibt. "

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