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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.03.2014

Skandinavien"Alte Konflikte brechen wieder auf"

Dänischer Schriftsteller schreibt über seine Heimat Grönland

Kim Leine im Gespräch mit Ulrike Timm

Der dänisch-norwegische Schriftsteller Kim Leine Rasmussen liest am 16.03.2014 in Köln im Rahmen des internationalen Literaturfestival lit. Cologne.  (picture alliance / dpa / Foto: Horst Galuschka)
Der dänisch-norwegische Schriftsteller Kim Leine in Köln im Rahmen des internationalen Literaturfestival lit. Cologne. (picture alliance / dpa / Foto: Horst Galuschka)

Der ehemalige Krankenpfleger Kim Leine erzählt in seinem Buch "Ewigkeitsfjord" von der skrupellosen dänischen Kolonialisierung Grönlands, nachdem auf der Insel Öl und andere Bodenschätze gefunden worden waren - eine Erzählung mit aktuellem Bezug. Denn Grönland will wieder autonom werden.

Ulrike Timm: Ein junger Kopenhagener Pastor macht sich Ende des 18. Jahrhunderts auf, den Grönländern das Christentum zu bringen. Er wird fulminant scheitern, die zehn Gebote selbst brechen und dabei viel über Grönland und auch über sich selber lernen. "Ewigkeitsfjord“, so heißt der mit dem hoch anerkannten Buchpreis des Nordischen Rates ausgezeichnete Roman des dänischen Schriftstellers Kim Leine. Das Buch führt uns ans unwirkliche, ans eisige Ende der Welt, um auf gut 600 Seiten vom Clash der Kulturen zu erzählen, von den Kolonialherren und den unterdrückten Einwohnern Grönlands. Kim Leine ist jetzt bei uns. Herzlich Willkommen!

Kim Leine: Danke!

Timm: Herr Leine, die Geschichte spielt vor realem, historischem Hintergrund. Grönland 1790 – warum hatten die Dänen dort überhaupt eine Kolonie im ewigen Eis? Da gab es nichts zu holen, Erdöl hat 1790 noch niemanden interessiert, und die Seereise dorthin war lebensgefährlich. Was wollten die Dänen da?

Leine: Also eigentlich fing das ja 1721 an. Ein dänischer Pastor, Hans Egre, wollte das Christentum exportieren und den alten Wikingern weiterreichen, weil er fest davon überzeugt war, dass Grönland, das ja 500 Jahre von Europa abgetrennt war, dass da noch die Wikinger lebten. Er fand nur keine Wikinger, die gab es gar nicht, er konnte sie also gar nicht zum Christentum konvertieren. Allerdings fand er eben die Einwohner, die dort lebten, die Inuit, und hat dann seine Mission des Christentums eben an den Inuiten ausgelassen.

Timm: Das wirft ja schon einen Blick auf die Zeit: Einfach nur, um das Christentum zu exportieren, kolonialisiert man ein gottverlassenes, eiskaltes Land. Die müssen ein unendliches Sendungsbewusstsein gehabt haben. Und in dem Buch heißt es auch von den Grönländern, Gott muss schrecklich wütend auf euch sein, weil natürlich die Kolonialisierung eine gewaltvolle Tat ist.

"Diese Mission ging natürlich unglaublich schief"

Leine: Es war ja nicht nur, dass sie das Christentum exportieren wollten, sie wollten ja auch die Kultur des Christentums und auch die dänische Kultur exportieren, sie brachten also alles aus Dänemark mit, ihr Essen, ihre Angewohnheiten, ihre Kleidung, und haben eben überhaupt nicht bedacht, dass Grönland beispielsweise ein Land war, in dem es 20 Grad kälter war als in Dänemark. Es herrschte dort ein ganz anderes Klima, und diese ganze Mission ging natürlich unglaublich schief.

Und die Dänen, die nach Grönland kamen, sind eben von den Einwohnern dort, von den Inuit, doch sehr schief angesehen worden und waren nicht besonders populär. Das ist aber ein Fehler, der immer und immer wieder begangen wird. Man versucht, sein eigenes System zu exportieren, ohne es in irgendeiner Form anzupassen. Man hofft einfach, dass es funktioniert. Wenn man aber dieses Christentum nicht neu definiert und nicht anpasst, dann funktioniert das nicht. Und es gibt ja hier im Buch zwei Figuren, zwei Charaktere, Habakuk und Maria Magdalena, die praktisch zu Propheten werden, weil es ihnen eben gelingt, so eine Art neue Definition des Christentums auszuarbeiten.

Timm: Damit haben Sie zwei Figuren in Ihrem Buch angesprochen. Das ist so eine Art, ich sage mal, den Dänen trotzende Hippiekommune. Gab es die wirklich?

Leine: Die hat es wirklich gegeben, und die hatten diese schillernden Namen, nämlich Maria Magdalena und Habakuk, und sie lebten wirklich in Ewigkeitsfjord. Es war eben eine religiöse Bewegung, die sich von der dänischen Mission abgespalten hatte, und diese religiöse Bewegung existierte in etwa zehn Jahre lang. Das ist der dokumentarische Kern meiner Erzählung. Der Rest ist dann die Fiktion. Also Morten Falk, meine Hauptfigur, der ist natürlich fiktiv, und wenn Sie so wollen findet auch hier ein Kulturkampf statt, nämlich der zwischen dem dokumentarischen Kern und der Fiktion.

Timm: Schauen wir uns die Fiktion mal an, diesen jungen Mann, Morten Falk, ein junger Pastor steht im Mittelpunkt, ein ganz in sich zerrissener, gar nicht unbedingt sympathischer Mensch. Er hat seine Geliebte verlassen, statt dessen hat er eine Kuh im Schlepptau, wenn er auf die Schiffsreise nach Grönland geht. Darauf muss man auch erst mal kommen. Er macht sich dann auf in die Einöde, um zu predigen, und geht an die Aufgabe heran mit der ganzen Arroganz des Dänen – und scheitert komplett. Woran scheitert er vor allem?

"Je höher man fliegt, umso tiefer ist dann der Fall"

Leine: Er scheitert, weil sein Projekt unmöglich ist. Ich habe ganz bewusst einen Pastor genommen, einen Mann der Kirche, weil das die Einzigen waren, die über eine gewisse Bildung verfügten. Sonst waren da ja nur Händler, die in der Handelsstation arbeiteten. Und der Pastor kommt ja mit seinen ganzen Büchern über Philosophie, Literatur, Erzählungen, und er hat diese hohen moralischen, christlichen Vorstellungen, also er fliegt sozusagen sehr hoch, und je höher man fliegt, umso tiefer ist dann der Fall. Er kann einfach mit der Realität nicht umgehen. Seine hohen Moralvorstellungen zerschellen an der Realität. Also dieses Buch könnte wirklich auch heißen "Der Fall des Morten Falk“ oder einfach nur "Der Aufprall“, "Der Fall“, das hat ja Camus auch schon gemacht. So könnte man dieses Buch nennen.

Timm: Mit diesem Morten Falk ist Ihnen ein ganz schillernder Charakter gelungen, wirklich ganz weit weg von Papier, habe ich sehr bewundert, also ein Pastor mit Sendungsbewusstsein, ein Mann, der ständig an sich selber scheitert, der gewalttätige Züge hat, der mit seinem eigenen Leben eigentlich überhaupt nicht klarkommt, auch nicht unbedingt sympathisch ist durchgehend. Ich habe mich ganz schlicht gefragt: Mögen Sie den Mann?

Leine: Nun, ich weiß es nicht so genau. Hier und da tut er mir etwas leid, aber es amüsiert mich auch, ihn einfach zu ärgern. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn mag, aber ich würde jetzt auch nicht sagen, dass er mir unsympathisch ist. Ich benutze ein bisschen das Prinzip von Tolstoi, weil ich bin ein großer Bewunderer von Tolstoi, was er nämlich tut, ist: Er etabliert eine Figur, die zu Beginn sympathisch ist und gut, und dann zerstört er sie langsam, lässt diese Figur schreckliche Dinge tun, bis sie eben nicht mehr sympathisch ist. Und das ist ein bisschen das, was ich hier auch getan habe.

Timm: Sie erzählen gerne drastisch, Kim Leine. Bei der Überfahrt erlebt man alle Facetten der Seekrankheit. Also so habe ich noch nie Seekrankheit gelesen. Dreck, Läuse, Sex, Tod, Gewalt, Liebe zieht sich sehr drastisch durch dieses Buch. In einer durchweg positiven Kritik steht der Satz: "Man fängt unwillkürlich an, sich zu kratzen.“ Wie haben Sie zu so einer anschaulichen, man könnte auch schlicht sagen, drastischen Sprache gefunden?

"Man muss mit dramatischen Dingen umgehen"

Leine: Dazu muss ich sagen, dass ich ausgebildeter Krankenpfleger bin, in Dänemark nennt man es übrigens Krankenschwester, und das war ich bis vor zehn Jahren, und ich habe 15 Jahre als Krankenpfleger in Grönland gearbeitet und ich war meist völlig allein, da war niemand anders, der sich um die Menschen gekümmert hat. So war ich beispielsweise auch Geburtshelfer, wenn keine Ärzte da waren, ich habe allein 25 Kinder mitgeholfen, auf die Welt zu bringen.

Und dann lernt man einfach sehr viel über die Realität in der Welt, und man merkt plötzlich: Man muss mit dramatischen Dingen umgehen, die unangenehm sind, wie Krankheiten, wie Drama, wie Blut, wie Unfälle, und man muss lernen, nicht in Panik zu verfallen, sondern ganz ruhig zu bleiben, kein Mitleid zu empfinden und den Menschen einfach nur zu helfen. Und da entsteht eine Form der Nüchternheit, die auch perfekt ist für die Literatur, weil je dramatischer etwas ist in dem, was man beschreibt, aber im Gegensatz dazu, je nüchterner es dann aufgeschrieben wird, umso größer ist dann die Wirkung auf den Leser.

Timm: Sie haben 15 Jahre in Grönland gelebt, kehren offenbar auch immer wieder dorthin zurück. Lieben Sie die Insel?

Leine: Oh ja, ich liebe das sehr, und ich möchte eigentlich über etwas ganz anderes schreiben als über Grönland, aber es ist so, als ob sich meine Charaktere zum Flughafen begeben würden und einfach ein Flugzeug nach Grönland nähmen. Als ich zurückkehrte aus Grönland, war das wirklich sehr, sehr schmerzvoll. Heute ist es schon durchaus etwas harmonischer. Da ist immer noch so ein leichter Schmerz, weil diese Scheidung von Grönland mir wirklich nicht leicht fiel, aber heute kann ich damit so ein bisschen kuscheln. Das ist wie ein angenehmer Schmerz, den ich auch dafür benutze, meine Literatur zu schreiben. Aus dem Paradies vertrieben zu werden, ist immer ein sehr guter Motor, und Grönland ist sozusagen mein verlorenes Paradies.

Timm: Ein ziemlich eisiges und ein ziemlich einsames Paradies. Ihre Geschichte liegt nun fast 250 Jahre zurück, dort, wo Sie sie angesiedelt haben historisch, 1790, aber auch heute soll das Verhältnis von den Dänen und den Grönländern oftmals spannungsgeladen sein. Oder ist das ganz anders, ist es heute ganz harmonisch?

"Die Beziehung ist zurzeit sehr spannungsgeladen"

Leine: Gerade zurzeit gibt es wirklich große Spannungen zwischen Dänemark und Grönland, weil Grönland auf dem Weg zur vollständigen Autonomie ist. Mittlerweile hat man dort Öl gefunden. Grönland wird ein großer Ölproduzent werden. Es gibt auch Uran dort, Gold, andere Metalle wie Eisen oder Aluminium. Es wird eins der reichsten Länder der Welt werden. Und die Dänen als ehemalige Kolonialmacht möchten ein bisschen etwas abhaben von dem Geld, von dem Kuchen. Und deswegen ist die Beziehung zurzeit sehr spannungsgeladen und alte Konflikte brechen wieder auf. Anstatt eine moderne Geschichte zu erzählen, fand ich es eben sehr viel spannender, 200 Jahre zurückzugehen, um eben auch die Muster, die Verhaltensmuster offenzulegen, die da mit hineinspielen.

Timm: Gibt es denn heute noch Morten Falks, sie müssen ja nicht Pastor sein, aber Dänen, die den Grönländern zeigen wollen, wo es langgeht?

Leine: Grönland ist voller Morten Falks und in gewisser Weise war ich auch einer. Auch ich wollte helfen, auch ich kam da mit meiner dänischen Kultur, meinen Moralvorstellungen, meinen Wünschen, zu helfen, und dann entsteht zwangsläufig diese Form des Kulturkampfes, die dazu führt, dass man eben auch seine Unschuld verliert. Und dann ist die Frage: Wer braucht hier mehr Hilfe – die Grönländer oder die Dänen? Weil es ist der Fall von tausenden von Dänen, die im Laufe der Jahrhunderte nach Grönland gekommen sind, die ich da beschreibe.

Timm: Der Schriftsteller Kim Leine, er hat seinen historischen Roman "Ewigkeitsfjord“ in Grönland angelegt, ein schillerndes, ein dramastisches und dabei ein sehr poetisches Buch, bei Hanser erschienen. Kim Leine, ich danke Ihnen für den Besuch im Studio!

Leine: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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06.02.2014 | KRITIK
Grönlandroman - Kampf gegen eigene Begierden
Kim Leine: „Ewigkeitsfjord“

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