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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.07.2017

Skandal bei Regensburger Domspatzen"Missbrauch ist immer noch ein großes Tabu"

Johannes Wilhelm-Rörig im Gespräch mit Nicole Dittmer und Julius Stucke

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Der Chorleiter Monsignore Georg Ratzinger dirigiert die Domspatzen vor dem Dom in Regensburg am 09.04.1976. Der Regenburger Domchor, "Domspatzen" im Volksmund genannt, beging 1976 mit dem 700-jährigen Jubiläum des Regenburger Doms Sankt Peter sein 1000-jähriges Bestehen. Die Geschichte des Chores geht auf die Anfänge des Bistums Regensburg im achten Jahrhundert zurück. Seit 1964 singt er unter der Leitung von Domkapellmeister Monsignore Georg Ratzinger. (dpa/picture alliance/Hartmut Reeh )
Die Regensburger Domspatzen 1976 - dirigiert von Chorleiter Monsignore Georg Ratzinger. (dpa/picture alliance/Hartmut Reeh )

Von Gefängnis oder Hölle sprechen die Opfer, wenn sie die Zeit bei den Domspatzen schildern. Mehr als 500 Missbrauchsopfer sind bisher bekannt. Sehr hohe Kirchenvertreter stehen in der Verantwortung, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs.

Jahrzehntelang wurden Domschüler des Kinderchores Regensburger Domspatzen missbraucht, ihnen das Leben zur Hölle gemacht. Allein die bloße Zahl ist schon erschreckend: 500 Fälle körperlicher Gewalt und 67 Fälle sexuellen Missbrauchs hat Sonderermittler Ulrich Weber zusammengetragen, bis in die 90er-Jahre hinein. Von den 49 Beschuldigten übten 45 körperliche und 9 sexuelle Gewalt aus.

Vor allem in der Vorschule der Domspatzen muss es schlimm zugegangen sein: "Diese Institution beschrieben die Opfer als Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager", sagte Weber bei der Präsentation seines Abschlussberichtes. Viele hätten diese Zeit als schlimmste ihres Lebens geschildert, die von Gewalt, Angst und Hilflosigkeit geprägt war.

Aufarbeitung sei "eher verschleppt worden"

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängige Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, kritisiert, dass die Verantwortlichen in der katholischen Kirche nicht ausreichend in die Pflicht genommen wurden:  Es sei heute klar geworden, dass auch sehr hohe Kirchenvertreter in der Verantwortung stehen und letztendlich versagt hätten. Sie hätten wohl gewusst, "dass Gewalt gegen Kinder ausgeübt wird, dass auch sexuelle Gewalt gegen Kinder ausgeübt wird - und dass nicht eingeschritten wird".

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (CDU), aufgenommen am Freitag (27.01.2012) während einer Pressekonferenz in Berlin. Der Politiker beantwortet nach dem 1. Jour Fixe mit Vertretern der Betroffenen-Iinitiativen Journalistenfragen. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)Johannes-Wilhelm Rörig (CDU). (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Nachdem die ersten Missbrauchsfälle bekannt wurden, sei die Aufarbeitung bei den Regensburger Domspatzen auch "eher verschleppt worden", sagt Rörig. "Erst jetzt haben die Betroffenen mit Bischof Rudolf Voderholzer jemanden an ihrer Seite, der ernsthafte Aufarbeitung betreibt."

Oft würden sich Opfer von Missbrauch erst sehr spät durchringen, über ihr Leid zu sprechen. Dann sei die Tat oft schon strafrechtlich verjährt. Hier sei es jedoch möglich, "noch lebende Täter nach Kirchenrecht auch strafrechtlich zu verfolgen", meint Rörig. "Das sollte auf jeden Fall geprüft werden."

Tätern "stärker die Stirn bieten"

Richtig aufgearbeitet seien die Fälle von Missbrauch bei den Domspatzen nach Einschätzung von Rörig jedenfalls noch lange nicht. Denn zur Aufarbeitung würden auch die Aspekte gehören, welche Hilfe den Betroffenen sexueller Gewalt gewährt, wie das ihnen angetane Leid anerkannt wird. Die Verantwortlichen bei den Domspatzen seien also "noch lange nicht fertig mit der Aufarbeitung".

Auch die Politik sieht Rörig in der Pflicht. Sie müsse erkennen, dass die Bekämpfung von sexueller Gewalt und ihrer Folgen eine Daueraufgabe sei und man Kinder auch nicht zum Nulltarif schützen könne. "Wir müssen den Tätern und Täterinnen viel stärker die Stirn bieten." Auch die Hilfen für Opfer müsse verbessert werden. "Das ist auch keine Wohlfahrt oder Wohltat, wenn man Kinder vor sexueller Gewalt schützt, sondern das ist eine ganz wichtige politische Aufgabe." (lk)

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(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 29.03.2016)

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