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Interview | Beitrag vom 03.11.2020

Siri Hustvedt zur US-Wahl"Ja, ich habe Angst"

Siri Hustvedt im Gespräch mit Dieter Kassel

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Siri Hustvedt lehnt an einer Mauer und blickt ernst in die Kamera. (imago/ZUMA Press/Miquel Llop)
"Die Trump-Administration hat die Politik radikal verändert, sich weltweit an Diktatoren rangeschmissen und sich gegen unsere Alliierten gestellt“, sagt die Schriftstellerin Siri Hustvedt. (imago/ZUMA Press/Miquel Llop)

Wenn die Trump-Regierung weitere vier Jahre im Amt bleibe, sei „nicht mehr viel zu retten“, sagt die in New York lebende Schriftstellerin Siri Hustvedt. Das politische Klima in den USA vergleicht sie mit der faschistischen Rhetorik der 30er-Jahre.

Dieter Kassel: Siri Hustvedt wurde 1955 in Minnesota geboren, lebt zusammen mit ihrem Mann Paul Auster in New York, und sie hat mit ihm zusammen die Initiative "Writers Against Trump" gegründet. Wir haben am Sonntagmorgen, zwei Tage vor dem Wahltag, gesprochen. Ich habe sie gefragt, mit welchem Gefühl sie auf die Präsidentenwahl schaut.

Siri Hustvedt: Ich habe ziemliche Angst und ich fühle mich verwundbar, was interessant ist, weil ich so aktiv bei "Writers Against Trump" mitgearbeitet habe. Ich hatte dadurch eine stark fokussierte Wut auf die Regierung, die sehr hilfreich war. Jetzt, wo die Wahl so kurz bevorsteht und ich bereits gewählt habe, kommt sozusagen die Trauer zum Vorschein.

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020 (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Kassel: Liegt das unter anderem vielleicht auch daran, dass, je näher die Wahl kommt, Ihnen auch Zweifel kommen, dass Joe Biden tatsächlich gewinnen wird?

Hustvedt: Genau. Ich glaube, bei dieser Wahl sind so viele Faktoren im Spiel. Einige davon haben wir so bisher noch nicht erlebt. Es gibt eine wesentlich größere Wahlbeteiligung als sonst. Es werden nicht so viele Millionen von Menschen zu Hause bleiben und nicht wählen. Einige der Wähler haben vorher noch nie gewählt, was bedeutet, dass sie für die Daten der Wahlprognosen noch nicht erfasst wurden.

Außerdem gibt es Gerichtsurteile, die vielleicht rein formell legal sind, aber dennoch Personen von der Wahl ausschließen. Menschen werden also nach wie vor am Wählen gehindert. Obwohl ich mir also sicher bin, dass Joe Biden und Kamala Harris prozentual von der Mehrheit der Amerikaner gewählt werden – und das mit deutlich größerem Abstand als Hillary Clinton 2016 gegenüber Trump – bin ich mir bei den Swing States und den Entscheidungen des Electoral College, also der Wahlmänner, nicht sicher.

Kassel: Nehmen wir mal an, Joe Biden gewinnt die Wahl. Was wäre dann? Viele Menschen sagen, dann könnte es Gewalt geben. Ich habe auch schon wirklich Menschen gehört, die ernsthaft gesagt haben, es könnte sogar zu einer Art Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten kommen.

Hustvedt: Ich glaube, sehr viele vollkommen rational denkende Menschen machen sich Sorgen über Gewaltausbrüche oder mehr. Viele reden auch von einer so tiefen Spaltung des Landes, die durch falsche Nachrichten und Verschwörungstheorien, die überall im Land an Gewicht gewonnen haben, verstärkt wurde.

Zudem hat der Präsident selbst ja nicht nur angedeutet, sondern explizit gesagt, dass - falls er nicht gewinnt -, das nur aufgrund von Wahlbetrug und Schummelei passieren würde. Und er hat sehr viele Unterstützer, ungefähr 40 Prozent der Wähler, wie es scheint. Und das kann definitiv zu verschiedenen Formen von Gewalt führen.

Ja, ich habe Angst. Ich denke auch, dass es wichtig ist, zu sagen, dass es – obwohl der Fokus auf Donald Trump gerichtet ist und die Medien nicht von ihm lassen können – eben nicht nur um ihn geht. Es sind alte Spaltungen: Der Populismus in den USA gegen Einwanderer ist nach wie vor stark ausgeprägt. Rassismus ist hierzulande strukturell institutionalisiert und seit der Staatsgründung präsent.

All das, wofür Donald Trump steht, ist also nicht neu. Es hat nie Lösungen dafür gegeben. Und was das Thema des Rassismus betrifft, haben sich die weißen US-Amerikaner nie mit dem Erbe der Sklaverei auseinandergesetzt. Auf dieser Tastatur spielt Donald Trump, aber es ist ein ganz altes Lied.

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Kassel: Gerade das finde ich interessant und macht mich ehrlich gesagt sehr nachdenklich bei Joe Biden. Er ist - das ist einfach eine Tatsache - ein alter, weißer, christlicher, heterosexueller Mann. Wenn er die Wahl gewinnt, was erwarten Sie wirklich von ihm?

"Biden wurde dank schwarzer Demokraten nominiert"

Hustvedt: Ich denke, darin liegt die Ironie des Ganzen. Da haben Sie vollkommen Recht: Er ist weiß, er ist alt, er ist heterosexuell. Und dennoch, wenn ich mir die Vorwahlen ins Gedächtnis zurückrufe, die ganze lange Geschichte dieser Kandidatur, wird mir jetzt ganz klar, dass Joe Biden wahrscheinlich der einzige der demokratischen Kandidaten ist, der gewinnen könnte. Ich habe Elizabeth Warren unterstützt. Natürlich gab es auch viele Bernie-Sanders-Anhänger. Aber interessant daran ist, dass Biden wahrscheinlich dank der Unterstützung vieler schwarzer Demokraten im Süden nominiert wurde. Und ich glaube, dass sie eine weise Entscheidung getroffen haben.

Aber was können wir von ihm erwarten? Genau das: Wir können erwarten, dass er den Autoritarismus in seine Schranken verweist, der seit Trumps Amtseinführung immer stärker geworden ist. Wir können uns ihn als eine Art verwaltenden Präsidenten vorstellen, und als jemanden, der meiner Ansicht nach auf progressive Impulse reagieren wird. Impulse, die jetzt stärker vorhanden sind, als sie es wären, wenn Trump nicht Präsident geworden wäre.

Klimawandel, Rassismus, Frauenfeindlichkeit – all das ist in den Fokus gekommen. Die grotesk offenen Formen von Rassismus und Frauenfeindlichkeit der Trump-Präsidentschaft haben die Leute regelrecht in den progressiven Flügel der demokratischen Partei gedrängt. Deshalb denke ich, dass Biden für diese Stimmen innerhalb der Partei eher empfänglich sein wird. Er hat das mit seinen Entscheidungen für politische Richtlinien bereits gezeigt, bevor er dann hoffentlich Präsident wird.

Kassel: Lassen Sie uns über "Writers Against Trump" sprechen. Ich glaube, es ist leicht zu verstehen, warum Sie mit Ihrem Mann diese Initiative gegründet haben. Aber ich frage mich: Ein Mann wie Donald Trump und seine Anhänger, kann der wirklich in irgendeiner Form von Schriftstellern, von Künstlern aller Art oder Wissenschaftlern beeinflusst werden? Er hat ja nie versucht, ihr Präsident zu sein.

"Ruf in die Wildnis der amerikanischen Politik"

Hustvedt: Nein. Und ich denke, dass die Initiative "Writers Against Trump" nie dem Irrglauben verfallen war, Trump-Wähler überzeugen zu können. Was die im August gegründete Gruppe "Writers Against Trump" möchte, ist die Wählerzahlen zu erhöhen, vor allem junge, progressive Wähler zu animieren, die von der Kandidatur von Biden und Harris enttäuscht sind.

Unser Ruf in die Wildnis der amerikanischen Politik, wenn Sie so wollen, lautet also: "Wir müssen uns jetzt gegen Trump stellen, wenn wir in Zukunft irgendeine Art von demokratischer Republik erhalten wollen." Die Trump Administration hat unsere staatlichen Institutionen dermaßen ausgeweidet, die Politik radikal verändert, sich weltweit an Diktatoren rangeschmissen und sich gegen unsere Alliierten gestellt, - wenn das weitere vier Jahre so fortgesetzt wird, wird meines Erachtens nicht mehr viel zu retten sein. Ich denke, dann werden wir eine plutokratische, autoritäre Regierung haben, das Wahlrecht wird so zersetzt worden sein, dass die Gefahr bestehen wird, keine repräsentative Regierung mehr zu haben.
 
Das ist es, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht darum, zu versuchen, Trump-Wähler zu überzeugen. Ich habe viel über das rhetorische Klima nachgedacht, in dem wir zurzeit leben, und ich denke es weist Parallelen zur faschistischen Rhetorik der 30er Jahre auf. So etwas haben wir auch hier in den USA schon erlebt. Aber das ist die akute Gefahr, dass so viele Menschen sich an diesem rhetorischen Klima des Hasses und des Sündenbock-Prinzips beteiligen. Wo hier jetzt die Black-Live-Matter-Bewegung oder Liberale oder Städter als Feinde für alles verantwortlich gemacht werden, so waren es in Hitler-Deutschland die Juden und internationale Verschwörungen. Eine solche Art von Rhetorik erleben wir hier nun erneut.

"Die Leute sterben"

Kassel: Ich glaube, es gibt noch eine Frage, für die wir uns unbedingt Zeit nehmen müssen. Es geht um die Corona-Pandemie. Sie haben das in New York natürlich hautnah mitbekommen. Was würde sich Ihrer Meinung nach im Umgang und im Kampf gegen die Pandemie unter Joe Biden ändern?

Hustvedt: Ich glaube, dass das tatsächlich eines der stärksten Argumente dafür ist, Joe Biden so schnell wie möglich zum Präsidenten zu wählen. Diese Pandemie hat uns hier bis jetzt 230.000 Menschenleben gekostet, weil es keine stimmigen nationalen Maßnahmen dagegen gegeben hat.

Mein Mann hat gesagt, es sei jetzt so, als hätte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 der Präsident den Gouverneur von New York State angerufen und gesagt: 'Deine Türme sind getroffen worden, das ist nicht unser Problem. Das ist ein New Yorker Problem. Kümmer' du dich selber darum.'

Das ist im Grunde das, was die Trump-Regierung gemacht hat. Es gibt keine gemeinsame Politik, kein landesweites Tracking-System. Es gibt nichts. Und die Leute sterben. Stattdessen ist es zu einem politischen Thema geworden. Das ist so lächerlich, dass Masken zu tragen jetzt als Einschränkung der persönlichen Freiheit bezeichnet wird. Hier wird Ideologie zum Mordinstrument.

Ich denke also, dass wenn die Leute die Pandemie mit Vernunft betrachten, wie das einige ältere Wähler jetzt tun – ich bin ja selber eine ältere Wählerin, ich bin jetzt 65 – dann hilft dieses Gefühl der Verwundbarkeit Joe Biden beträchtlich. Wähler über 65, die ihre Enkel nicht sehen konnten, 90-jährige, die mehr oder weniger in Qarantäne leben müssen, spüren diesen Schmerz und fühlen sich sehr verwundbar. Und ich denke, dass ein erheblicher Anteil von ihnen Joe Biden zugeneigt ist. 

Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch übernahm Marei Ahmia.

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