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Tonart | Beitrag vom 25.03.2017

Sir Elton John wird 70"Musik ist meine Liebe, Shoppen meine Sucht"

Von Marcel Anders

Elton John in Brasilien  (picture alliance / dpa / Foto: EPA/Antonio Lacerda)
Sir Elton John bei einem Auftritt in Rio den Janeiro im September 2015 (picture alliance / dpa / Foto: EPA/Antonio Lacerda)

Seit mehr als fünf Jahrzehnten steht Elton John auf der Bühne. Er zählt zu den erfolgreichsten Popstars aller Zeiten. Rund 300 Millionen Alben hat der exzentrische Brite verkauft. Doch ans Aufhören denkt Sir Elton John noch lange nicht: Die Show wird weitergehen.

"Als man mir vorschlug, im Caesars Palace aufzutreten, dachte ich: Vegas ist der Ort, an dem man normalerweise am Ende seiner Karriere spielt, um die Rente aufzubessern. Aber ich bin hier, um mich selbst herauszufordern - mit einer wunderbaren künstlerischen Show, die wirklich frisch ist. Wir verwenden zwar aufblasbare Figuren, die die Stones schon vor Jahren benutzt haben, aber halt in einer intimen 4000er Halle. Von daher werden die Zuschauer von den visuellen Elementen regelrecht angegriffen. Was toll ist."

Ein Ansatz, der seit 13 Jahren funktioniert. So lange gastiert Sir Elton schon im Glücksspiel-Mekka. Nicht jeden Abend, aber alle paar Monate, aktuell mit seinem Programm "The Million Dollar Piano" und großem Erfolg. Dabei residiert er im obersten Stockwerk des Hotels. Eine Mega-Suite mit Panorama-Blick, Plüschmöbeln und unzähligen Blumen, Büchern und CDs. Dazu ein Hofstaat aus Bodyguards, Assistenten und zwei Cocker Spaniel, die ihn mächtig auf Trab halten.

"Ich bin Rapunzel im Turm: Ich höre viel Musik, ich lese, ich trainiere und spiele Tennis. Gestern habe ich einen Song für Mary J. Blige geschrieben. Und weil Los Angeles nicht fern ist, kommt oft Besuch. Von daher ist es hier wirklich nett und erholsam. Die Show endet um 21.15 Uhr, dann esse ich zu Abend und bin um 23.00 Uhr oder 23.30 Uhr im Bett."

Die wilden Zeiten sind vorbei

Ein geregelter Tagesablauf und viel Schlaf: Indizien dafür, dass die wilden Zeiten vorbei sind - die Drogen-Eskapaden, die Fressattacken, die Modeverbrechen. Sir Elton gibt sich geläutert und selbstbewusst. Ein kleiner, runder Mann mit Nickelbrille, seltsamer Frisur, aber auch einer sympathischen, offenen Art. Eben ein echter Gentleman und ein Überlebender seiner eigenen Schwächen.

"Ich bin gerade noch rechtzeitig clean geworden und habe erkannt, was für ein Arschloch ich war. In den 1980er-Jahren, als Aids ausgebrochen ist, habe ich als schwuler Mann nichts dagegen getan. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt - und habe mich nicht so engagiert, wie ich sollte. Das habe ich in den 1990er-Jahren korrigiert. Jetzt gebe ich 25 Benefizkonzerte pro Jahr. Für Dinge, die meine Freunde betreffen – und Leute, die ich kenne."

Von seinen alten Schwächen, so sagt er, seien nur zwei übrig. Allen voran der Hang, sich mit schönen, edlen Dingen zu umgeben, und dafür rund 1,5 Millionen Pfund pro Monat auszugeben – für Privatjets, Designerklamotten und eine Kunstsammlung, die ganze Museen füllt. Was für regelmäßige Schlagzeilen in der britischen Boulevardpresse sorgt – genau wie seine Begeisterung für Tennis und Fußball. So war er vierzehn Jahre Präsident und Mäzen von Watford FC. Ein Club, den er in die erste englische Liga führte, und zum echten Experten geworden ist.

"Von internationalem Fußball habe ich die Nase voll. Wahrscheinlich werde ich umgebracht, weil ich das sage, aber ich finde ihn totlangweilig. Club-Fußball ist viel spannender als das Gekicke der Nationalmannschaften. Außerdem sind die Spieler bei den Turnieren viel zu müde, weil sie während der Saison zig Partien für ihre Vereine bestritten haben, und dann bei brüllend heißen Temperaturen auflaufen sollen. Alles, um der FIFA noch mehr Geld zu bescheren."

Wobei er einen ähnlichen Geschäftssinn wie die FIFA besitzt. Mit 300 Millionen verkaufter Alben zählt er zu erfolgreichsten Popstars der Welt und blickt zurück auf eine sechs Dekaden umfassende Karriere mit 32 Studio-Alben. Nebenbei macht er in Musicals und Soundtracks, leitet eine Filmproduktionsfirma, ist Manager von Ed Sheeran und verfügt über ein Privatvermögen von 200 Millionen Euro. Da fällt es kaum auf, dass er immer weniger neue Songs veröffentlicht. Und auch in seiner Suite in Las Vegas fehlt das Klavier zum täglichen Komponieren. Aus gutem Grund:

"Ich spiele nie Klavier. Das tue ich nur, wenn ich im Studio oder auf der Bühne bin. Ansonsten habe ich kein Interesse daran. Erst vor ein paar Tagen meinte ich zu einem Freund: Zum Glück muss ich keine Gitarre mit mir rumtragen und jedem erzählen: Mann, ich habe gerade einen netten Song geschrieben – hör dir den an! Nein, ich habe auch noch ein Leben außerhalb der Musik."

Ungebrochene Liebe

Sein Privatleben verbringt er auf Anwesen in London, Nizza und Atlanta. Wobei er den Süden der USA zu seinem Lieblingswohnsitz erklärt. Wegen der Flora und Fauna, dem Wetter und dem entspannten Lifestyle – wenn da nicht die amerikanische Regierung, religiöse Fanatiker und unerträgliche Medien wären.

"Man muss sich nur die Nachrichten anschauen. Da geht es ausschließlich um Terror. Die Menschen leben hier mit einer wahnsinnigen Angst. Und das hat Michael Moore schon 2002 in ´Bowling for Columbine` auf den Punkt gebracht. Die Medien und die Regierung impfen den Leuten Angst ein, damit sie leichter zu manipulieren sind. Insofern ist es nicht mehr das Land, das es mal war. Aber ich liebe es immer noch, weil es mir so viel ermöglicht und gegeben hat."

Wenn sich Sir Elton erst einmal warm geredet hat, plaudert er lang und viel - auch aus dem Nähkästchen. Etwa, dass er in Hotels gerne unter dem Pseudonym Humphrey Handbag absteigt, dass er monatelang ohne Sex auskommt und ein eigenwilliges Dusch-Ritual hat.

"Ich tanze immer unter der Dusche. Und morgens höre ich dabei Dance-Musik oder so etwas wie die Hives. Einfach, um wach zu werden."

Und weil er mit seinem Leben und seiner Karriere rundum zufrieden ist, denkt er auch nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Er hält es mit den Altmeistern des Gospel, Blues und Soul.

"Ich habe die allerletzte Session mit Ray Charles bestritten – und er hat bis zu seinem Tod gespielt. Wahrscheinlich werde ich es genauso halten, denn ich habe Musik im Blut."

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