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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.01.2017

Sinnlose Therapien an Sterbenskranken"Leider traurige Realität"

Matthias Thöns im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Ärzte setzen einem Patienten eine künstliche Hüfte ein. (dpa-Bildfunk / Klaus Rose )
Für große Eingriffe bei schweren Diagnosen gibt es besonders viel Geld: Matthias Thöns findet das System der Gebührenordnung für Ärzte falsch. (dpa-Bildfunk / Klaus Rose )

Große Eingriffe, aggressive Therapien am Lebensende – und profitierende Ärzte: Der Palliativmediziner Matthias Thöns kritisiert scharf das Geschäft mit Sterbenden. Er fordert, Fehlanreize wie Bonuszahlungen abzuschaffen.

Der Mediziner Matthias Thöns spricht von "Übertherapie am Lebensende" und hat dem Thema ein Buch gewidmet ("Patient ohne Verfügung"). Studien hätten beispielsweise ergeben, dass in der Krebsmedizin besondere Probleme herrschten: So bekämen drei Viertel der jungen Patienten eine zu aggressive Chemotherapie in ihren letzten 30 Lebenstagen, von der sie keinen Nutzen mehr hätten.

Problematische Fehlanreize

Schuld seien Fehlanreize. Die Gebührenordnung sei so gestaffelt, dass es für große Eingriffe bei schweren Diagnosen besonders viel Geld gebe: "Das ist natürlich die Konstellation, die es bei Sterbenskranken immer gibt." Solche Patienten wehrten sich nicht richtig gegen vorgeschlagene Eingriffe, so Thöns: 

"Niemand fragt danach, ob das dem Patienten genutzt hat – oder noch schlimmer: ob man nicht vorher schon wusste, dass ihm das gar nichts mehr nutzen kann."

All das sei "leider traurige Realität": Derartige Eingriffe würden bezahlt, teilweise gehe Beatmung über 1800 Stunden und werde mit 200.000 Euro pro Patient vergütet. Über "unsägliche Bonusverträge" werde mancher Chefarzt mit 15 Prozent an solchen Summen beteiligt: "Das ist natürlich in hohem Maße zu kritisieren."

Zweitmeinung eines Experten

Thöns rät Patienten, eine unabhängige Zweitmeinung eines Experten einzuholen, der nicht am Behandlungsgewinn beteiligt sei. Auch sollte man sich bei Patientenverfügungen Hilfe holen, weil sie bestimmten Formvorgaben genügen müssten. Doch auch die Politik müsse gegensteuern und die Fehlanreize abbauen. Das sei allerdings ein "hehres Ziel". Es gehe daher auch um Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit – "dass ein Arzt erklären muss, wenn er für bestimmte Eingriffe besonders viel Geld bekommt oder wenn er für bestimmte nutzlose Studien Geld nimmt".


 Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Wir denken nicht so gerne darüber nach, was ist, wenn es zu Ende geht mit dem Leben. Und deshalb möchten sich viele Menschen auch nicht schon vorher Gedanken machen, wie sehr Ärzte eigentlich noch versuchen sollen, uns am Leben zu halten, mit wie viel Eingriffen, mit wie viel Maschinen. Wer das nicht geklärt hat über eine Patientenverfügung, der kann – das ist die Kritik unseres Gesprächsgastes – zum Geschäft werden für Kliniken und Kassen. Matthias Thöns, niedergelassener Narkose- und Palliativarzt, stellvertretender Landessprecher der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in Nordrhein-Westfalen – guten Morgen!

Matthias Thöns: Guten Morgen!

Frenzel: "Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende", unter diesem Titel haben Sie ein Buch herausgebracht. Ist das Ihre Sorge oder ist das Realität, gibt es ein solches Geschäft schon?

Thöns: Ja, das ist leider traurige Realität, so ein Geschäft gibt es schon. Es ist ja nicht meine persönliche Meinung, sondern auch die Bundesärztekammer, die Bertelsmann Stiftung oder der Deutsche Ethikrat warnen vor dieser geldbedingten Mengenausweitung, so nennen die das auf Fein, ich nenne es halt Übertherapie am Lebensende. Wir wissen aus guten Studien, internationalen Studien, dass gerade in der Krebsmedizin besondere Probleme herrschen, da bekommen zum Beispiel drei Viertel der jungen Krebspatienten eine zu aggressive Therapie am Lebensende, also sprich, in den letzten 30 Lebenstagen kommen die noch mal in die Klinik, kriegen Chemotherapie oder sonst welche großen Eingriffe, die ihnen einfach nichts mehr nutzen können, das wissen wir heute.

200.000 Euro für die Beatmung

Frenzel: Aber das sind ja alles Dinge, die Ärzte eigentlich verordnen müssen, für die sich Ärzte entscheiden müssen. Wie kann das sein, ist das der Druck der Kliniken, der Kassen im Hintergrund?

Thöns: Ich bin davon überzeugt, dass Fehlanreize zu diesem grundsätzlichen Problem führen, und zwar ist unsere Gebührenordnung so gestaffelt, dass es besonders viel Geld gibt für große Eingriffe bei schweren Diagnosen. Und das ist natürlich die Konstellation, die es beim Sterbenskranken nun mal immer gibt, die haben ja immer schwere Diagnosen.

Und die wehren sich nicht so richtig gegen große vorgeschlagene Eingriffe und niemand fragt hinterher, ob dem Patienten das genutzt hat oder, noch schlimmer, ob man nicht vorher schon wusste, dass ihm das gar nicht mehr nutzen kann. Das heißt, diese Eingriffe werden bezahlt, teilweise wird Beatmung über 1800 mit 200.000 Euro pro Patient bezahlt, und über unsittliche Bonusverträge wird mancher Chefarzt mit 15 Prozent an solchen Summen beteiligt. Das ist natürlich in hohem Maße zu kritisieren.

Frenzel: Was kann man denn ändern? Ich verstehe sofort, die Gebührenordnung und diese Struktur, das wäre eine Möglichkeit, eine andere ist ja natürlich, dass sich Patienten klar erklären, Patientenverfügungen abgeben. Aber wissen wir als Laien überhaupt gut genug, wie man das klar formuliert?

Thöns: Da sollte man sich mittlerweile Hilfe holen, weil der Bundesgerichtshof durch ein schlechtes Urteil in 2016 eben die meisten Patientenverfügungen für unwirksam erklärt hat, wenn die nicht sehr speziellen Formvorgaben gehorchen. Also, da sollte man sich informieren. Und das zweite Wichtige für Patienten ist, dass man sich eine unabhängige Zweitmeinung einholt von einem anderen Experten, der nicht am Behandlungsgewinn beteiligt ist. Also, insofern gibt es schon was, was man als Patient tun kann, um diesem System zu entkommen.

Vorwürfe als Netzbeschmutzer und Lügner

Frenzel: Und auf der großen Bühne, was müsste von der Politik her oder von der Organisation unseres Gesundheitswesens passieren?

Thöns: Ja, also, das Ziel, dass man Fehlanreize abbaut, ist natürlich ein sehr hehres Ziel. Ich glaube, dass, wenn man Transparenz in dieses System bringt, dass man dort zeigt, wo Ärzte falsche Fehlanreize bekommen und die das auch kassieren, dass man das einfach öffentlich macht, dass ein Arzt es erklären muss, wenn er für bestimmte Eingriffe besonders viel Geld bekommt oder wenn er für bestimmte nutzlose Studien eben Geld nimmt. Das sollte man erklären müssen.

Frenzel: Herr Thöns, Sie haben es anfangs gesagt, Sie stehen nicht alleine, aber Sie stehen doch mit Ihrem Namen prominent, mit dieser Kritik. Wie reagiert man denn in Ärztekreisen darauf? Gelten Sie da als Nestbeschmutzer?

Thöns: Also, ich bekomme sehr, sehr viele Zuschriften von Krankenschwestern und Ärzten und die sind, ich sage es Ihnen ehrlich, zu 99 Prozent positiv in dem Tenor: Endlich sagt das mal jemand! Aber insbesondere in der leitenden Riege bin ich natürlich ein … werde ich als Nestbeschmutzer gesehen, da unterstellt man mir, dass ich lüge, dass ich Geschichten erfinde, dass ich pauschaliere und dass das alles nicht am Geld liegt.

Aber sehen Sie, es gibt nur ein Problem bei hochpreisigen Leistungen, bei Physiotherapie, bei Ergotherapie oder bei Psychotherapie gibt es kein Problem, das wird schlecht bezahlt. Das ist auch alles sehr hilfreiche Medizin, aber bei den hochpreisigen Behandlungen haben wir ein Problem. Das schreit für mich danach, dass wir ein geldanreizbedingtes Problem haben, und ich bin nicht der Einzige, der das denkt.

Frenzel: Matthias Thöns, niedergelassener Narkose- und Palliativarzt, stellvertretender Landessprecher in Nordrhein-Westfalen, der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Thöns: Ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Matthias Thöns: "Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende", Piper Verlag, 320 Seiten, 22 Euro

 

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