Seit 01:05 Uhr Tonart

Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Signale / Archiv | Beitrag vom 12.06.2005

Sinnentleertes Wortgedröhn

Rolf Schneider über mögliches und unmögliches Deutsch

Von Rolf Schneider

Rolf Schneider (Therese Schneider)
Rolf Schneider (Therese Schneider)

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Sein Name lautet Analyst. Wie alle ordentlichen Gespenster stammt es aus dem Angelsächsischen, wo <em>analyst</em> das ist, was wir Analytiker nennen, zusätzlich ausgestattet mit der Sonderbedeutung forensischer Chemiker. Das moderne Deutsch, für jegliche Art Anglizismus offen bis zur Wehr- und Prinzipienlosigkeit, übernahm den Analysten, obschon es den Analytiker längst gab.

Hierbei handelt es sich um eine Wortbildung, die in unserer Sprache mehr als unüblich, nämlich falsch ist. Unser Verfahren, aus altgriechischen Nomina abzuleiten, gehorcht dem Modell, das auf Analyse Analytiker folgen lässt. Im Deutschen ist der Analyst linguistischer Schwachsinn. Wir sprechen vom Paralytiker und nicht vom Paralysten, wie wir auch den Syphilysten nicht kennen und einen Polysten rechtens als unmögliches Deutsch empfänden.

Den Analysten hingegen tun wir uns an. Selbst im Duden fand er Aufnahme. Dort wird seine Herkunft aus dem Englischen vermerkt und seine Bedeutung erläutert. Die hat mit Gerichtschemie nichts zu schaffen, vielmehr bezeichnet sie jemanden, der Bewegungen an der Börse beobachtet und kommentiert. Wir verdanken das linguistische Gespenst dem Kapitalismus und der zum Volkssport gediehenen Aktienspekulation.

Sprache ist nicht nur, wie man richtig gesagt hat, die Materie des menschlichen Denkens. Sie ist auch Transportmittel unseres Halb- und Unterbewusstseins, unserer heimlichen Wünsche und ungewollten Offenbarungen; nicht zufällig wird Sigmund Freuds Psychoanalyse über das gesprochene Wort praktiziert.

Ein Lieblingsbegriff der öffentlichen Diskurse und Mitteilungen derzeit ist die Herausforderung. Parteiredner zitieren sie unentwegt. Man stellt sich der Herausforderung. Man verspricht, lächelnden Munds, dieselbe bestehen zu wollen. Die Inflation der Herausforderung verdankt sich, wie schon der Analyst, dem Angelsächsischen, wo challenge eine viel gebrauchte Vokabel ist. Dort kommt die Bedeutung freilich anders, und außerdem ist der Anwendungsbereich breiter.

Wörter haben ihre Geschichte. Das englische challenge entstammt dem Französischen und kam mit den Normannen auf die Insel. Ursprung ist das lateinische calumniari, was den Vortrag einer falschen Anklage bezeichnet. Ein juristischer Begriff blieb das Wort im Englischen bis heute, to challenge heißt anklagen, unter anderem, und da Anklagen gelegentlich reizvoll sind, kann challenging auch faszinierend meinen.

Die deutsche Herausforderung hat dem gegenüber eine andere Wortgeschichte. Bezeichnet wird die Handlung eines Herausforderers, und der tut genau, was das Wort aussagt: Er fordert jemanden auf herauszutreten, nämlich aus der Front militärischer Gegner. Im Mittelalter war es üblich, dass einander gegenüber stehende feindliche Heere die Schlacht dadurch entschieden, dass zwei ihrer Protagonisten sich stellvertretend mit der Waffe traktierten, bis einer röchelnd am Boden lag. Der Sieger hatte für seine Seite die Schlacht gewonnen.

Diese Wort- und Bedeutungsgeschichte wird noch spürbar in jenem Milieu, das bis vor kurzem exklusiv einen Herausforderer kannte, also im Boxen, einer Sportart von besonderer Militanz. Inzwischen hat sich die Herausforderung davon weit entfernt. Die Tribünenredner, die, um die Macht ihrer Sache und die Omnipotenz ihrer Person zu behaupten, lauthals mitteilen, sie würden sich künftigen Herausforderungen stellen, kennen keinen Herausforderer mehr. Das Wort steht als Synonym für Begriffe wie Problem und Schwierigkeit.
Warum aber benutzt man diese zwei dann nicht? Weil sie nicht entfernt so pompös und martialisch klingen?

Dazu passt jedenfalls, dass im politischen Gerangel gerne das Attribut kämpferisch erscheint. Reden sind so, jene auf Parteitagen oder im Parlament. Bezeichnet werden damit Äußerungen voller verbaler Grobheiten, die bei Zuhörern auf johlenden Beifall hoffen.

Dazu passt außerdem, dass Parteien oder, neuerdings, Wirtschaftsmanager gerne behaupten, sie seien gut aufgestellt. Das erinnert zunächst an Fußballteams vor Spielbeginn, aber da auch der Mannschaftssport wie Leibesübungen überhaupt dem Ursprung nach eine Sache von Kriegsersatz und Wehrertüchtigung sind, assoziieren die gute Aufstellungen von Regierungspersonal, Schattenkabinetten und Konzernvorständen den Schützengraben und die schimmernde Wehr.

Wir sind, man weiß es, ein weithin pazifistisch gestimmtes Land. Unsere Soldaten sind Friedenssicherer, Krieg wird generell verabscheut, Wehrsportgruppen sind verfassungsfeindlich. Wieso greifen unsere politischen Repräsentanten gleichwohl und fortwährend nach Vokabeln mit soldateskem Beigeschmack? Wollen sie damit ihre eigene wie auch ihres Publikums genetisch angelegte Aggressivität empor kitzeln? Wollen sie insgesamt dem Pazifismus zuleibe? Das mag alles so sein. Es mag aber auch sein, dass sie bloß sinnentleertes Wortgedröhn erzeugen. Das eine ist so verstörend wie das andere.

Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur