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Länderreport | Beitrag vom 25.04.2019

Sinkendes Grundwasser bei BremenWer ist schuld am trockenen Moor?

Von Felicitas Boeselager

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Die Pfütze, die vom Kleinen Schlatt übrig ist (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)
Das ist die Pfütze, die vom kleinen Schlatt in Weyhe übrig ist: Die Gründe für das Austrocknen sind umstritten. (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)

Schon lange sinkt das Grundwasser im Böttcher Moor bei Bremen. Umweltschützer machen dafür die Trinkwasserförderung verantwortlich. Der Landkreis Diepholz weist die Vorwürfe von sich - und verweist auf den heißen Sommer und fehlenden Niederschlag.

"Der eine Zweig, der da so ganz weit ins Wasser reicht, der letzte dahinter, da bewegt sich was, da wird ein Krötenpärchen sein."

Thomas Brugger vom Naturschutzbund beugt sich über das Geländer des Holzstegs am großen Moor in Weyhe. Die Kröten, die sich hier verstecken, hat er mit vielen Helfern in den vergangenen Wochen zum Laichen über die Straße zum Moor getragen.

"Man hat hier manchmal an Explosionstagen bis zu 800 Amphibien, die man über die Straße tragen muss."

Im Randbereich fehlt das Wasser

Seit über 40 Jahren helfen Freiwillige den Tieren zu ihren Laichplätzen am großen und kleinen Moor in Weyhe. Weil das kleine Moor, auch kleines Schlatt genannt, dieses Jahr aber trocken gefallen ist, haben sie alle Kröten zum großen Moor gebracht. Aber auch hier seien die Bedingungen nicht mehr optimal, sagt Brugger.

"Hier fehlt uns hier im Randbereich Wasser, sodass keine Vegetation mehr im Wasser steht und Amphibien brauchen insbesondere im Uferbereich im Flachwasserbereich Vegetation wo sie ihren Laich dran ablegen und das ist hier jetzt nicht gegeben, also wenn hier jetzt Amphibien rumlaufen sind sie auch ganz leichte Beute für Fischreiher, weil sie sich nicht verstecken können. Da fliegt einer."

Weil der Wasserstand hier um mindestens 70 Zentimeter höher sein müsste, sind die Flächen am Ufer brach und wenig bewachsen.

Nur wenige Schritte vom großen Schlatt entfernt, liegt das kleine Schlatt. Von dem Tümpel ist dieses Jahr nur noch eine Pfütze übrig, der Pfahl, der den Wasserstand messen soll, ragt weit und trocken aus ihr heraus. 

Thomas Brugger vor dem Großen Schlatt (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)Sorgt sich um die Artenvielfalt: Thomas Brugger vor dem Großen Schlatt. (Deutschlandradio / Felicitas Boeselager)

"Das große Moor ist in der Sohle relativ geschlossen, das heißt, wenn es einen bestimmten Pegel erreicht hat, sackt es nicht weiter durch, während das kleine Moor das Wasser komplett verliert, wenn der Grundwasserspiegel absinkt. Das heißt es ist unten irgendwo defekt."

Brugger macht für den geringen Wasserstand den heißen Sommer und die fehlenden Niederschläge des vergangenen Jahres verantwortlich. Aber nicht nur – denn das Moor speise sich auch aus dem Grundwasser.

"Normalerweise haben wir hier einen Grundwasserstand, der null bis einenMeter unter Geländeoberfläche liegt und durch die Trinkwassergewinnung, die wir hier seit 1961 haben, hat sich dieser Grundwasserstand um einen bis 1,50 Meter zusätzlich vertieft. Das heißt der Grundwasserstand liegt teilweise jetzt unter den Mooren und wenn das kleine Moor nicht dicht ist, läuft uns natürlich dann das Wasser weg."

Wenn das kleine Schlatt tatsächlich undicht ist, könne man es mit Tonkügelchen nach unten hin abdichten und so vorm endgültigen Austrocken bewahren. Noch weiß aber niemand, ob es wirklich ein Leck hat.

Mit 19 Brunnen fördern die Harzwasserwerke in dieser Gegend Grundwasser. Der Brunnen Nummer elf liegt circa 1000 Meter vom großen Moor entfernt. Das Unternehmen sieht sich nicht in der Verantwortung, schriftlich erklärt es:

"Weder das Kleine noch das große Schlatt in Weyhe sind durch die Trinkwasserförderung gefährdet. Ein Schlatt ist durch eine dichte Teichsohle vom Grundwasserstand unabhängig. Das heißt, dass es egal ist, wie hoch und niedrig der Grundwasserspiegel um das Schlatt herum ist. Wichtig sind die Faktoren Jahreszeit, Niederschlag, Temperaturen und der Bewuchs mit Pflanzen. Diese Faktoren entscheiden über den Wasserspiegel eines Schlatts."

"Es gibt viele Faktoren, die hier zusammenspielen"

Außerdem haben die Wasserwerke nach ihren Angaben in den Jahren 1978, 1981 und 1982 mehr Wasser gefördert als im Jahr 2018. In diesen Jahren aber habe die Förderung keine Auswirkungen auf die beiden Moore gehabt. Für sie ist der wahrscheinlichste Grund für die trockenen Moore der ausbleibende Niederschlag - also der Klimawandel. Brugger kann sich dieser Erklärung nicht anschließen.

"Es gibt einfach viele Faktoren, die hier zusammenspielen und Trinkwassergewinnung ist genauso ursächlich das Problem wie mangelnder Niederschlag. Ich sage nur einfach, auf die Trinkwassergewinnung könnte man hier kurzfristig eingreifen, man könnte die Trinkwassergewinnung hier zurückfahren und anderweitig das Trinkwasser in Bremen aus der Weser wieder gewinnen, wie man es früher schon mal gemacht hat, das ist technisch alles möglich heute, nur etwas kostenintensiver."

Seit 2010 führen die Wasserwerke ein sogenanntes Beweissicherungsverfahren durch. Das heißt, sie messen regelmäßig den Grundwasserstand und die Auswirkung der Grundwasserförderung auf die Natur. Bisher, so sagen sie, ohne Auffälligkeiten. Brugger unterstützt so ein Verfahren an sich, kritisiert aber, dass es die Wasserwerke selbst sind, die diese Messungen durchführen.

Vor der Grundwasserförderung in den Sechzigerjahren, war das Gebiet rund um die beiden Moore ein Überflutungsgebiet. Die Grundwasserförderung habe, führen die Wasserwerke an, eine Bebauung und die Landwirtschaft in dieser Gegend erst möglich gemacht. Für den Naturschützer Brugger kein stichhaltiges Argument. 

"Ja, wenn man das positiv sehen will, dass man da ein Baugebiet entwickelt hat, dann ist das eine Ansichtssache."

Ob nun Klimawandel, oder Trinkwasserförderung, oder beides, für Flora und Fauna sind die trockenen Moore eine Gefahr. Brugger fürchtet um die Artenvielfalt in der Gegend. Aber auch für die Menschen lohne es sich genauer auf die Ursachen des trockenen Moores zu blicken.

"Ich bin hier manchmal morgens um sieben, oder um sechs. Und dann Windstille, spiegelglattes Wasser, keine Geräusche, Sonntagsmorgens am besten und dann nur Vögel, also traumhaft."

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