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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2010

Sinistres Porträt des Balkans

David Albahari: "Ludwig", Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2009, 152 Seiten

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Der Titel von Ludwigs "Buch der Bücher" verweist auf die Bibel und Jorge Luis Borges. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Der Titel von Ludwigs "Buch der Bücher" verweist auf die Bibel und Jorge Luis Borges. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Im Mittelpunkt des Romans "Ludwig" steht die Geschichte einer Künstlerfreundschaft und der Wunsch, das "Buch der Bücher" zu schreiben. Der serbische Schriftsteller David Albahari entwirft die Klage eines Mannes, der sich verraten fühlt.

Der Bestsellerautor Ludwig spendet einem Verfasser von avantgardistischen Romanen, dem Erzähler von David Albaharis Roman "Ludwig", in einer Zeitungsredaktion Lob, und am nächsten Morgen schon putzt der Gelobte Ludwigs verwahrloste Wohnung, kauft für ihn ein, übernachtet häufig bei ihm und schiebt ihm morgens am Frühstückstisch klein geschnittene Apfelstücke zu. Darüber vergisst der Erzähler beinahe die eigene Ehefrau.

Die Idylle endet, als Ludwig dem Erzähler seinen neuen Roman überreicht und dieser in dem "Buch der Bücher" zahllose eigene Sätze entdeckt – Sätze über einen Roman, den er immer schreiben wollte, Sätze, die auszusprechen ihn Ludwig mit dem Stift in der Hand immer wieder ermuntert hat.

"Ludwig" ist ein Zeugnis enttäuschter Liebe und die Klage eines Mannes, der sich verraten fühlt. "Viele Jahre sind vergangen", lautet der erste Satz der Suada, doch die Wunde ist frisch wie am ersten Tag. Ludwig ist ein Star und behauptet, er habe mit seiner Prosa Serbien zurück nach Europa geführt. Das und noch einiges andere will der Erzähler richtigstellen.

Obsessiv umkreist die an Thomas Bernhard erinnernde Suada immer wieder wenige Situationen: Innig seien die Künstlerfreunde gewesen, aber kein schwules Paar, was Anlass zur ausführlichen Geißelung der Belgrader Homophobie gibt, bevor erneut das Glück mit "Lu" beschworen wird. So scheint gegen den Willen des Erzählers ein ganz anderes Geschehen durch.

Dass Ludwig seinen Freund als "S" titulierte, obwohl doch, wie dieser staunt, der Buchstabe in seinem Namen nicht vorkomme, versteht der Leser mühelos: "S" bedeutet Es. In S/Es brodelt es, aber all seine Ideen zum "Buch der Bücher" zu formen, vermag er/s nicht. "S" hat eine Schreibblockade, die sich erst Jahre nach der Trennung löst. Nun entsteht "Ludwig".

Das psychologische Fundament des klug konstruierten Romans führt immer wieder zu Dreierkonstellationen. Diese Dritten – die Ehefrau des Erzählers, eine Fernsehmoderatorin, die Stadt Belgrad – werden kräftig abgewertet, um die Intimität mit Ludwig umso strahlender leuchten zu lassen. Wer allerdings ständig Häme über andere auskippt, dem glaubt man bald die hehre Zuneigung nicht mehr; und wer überall ein Komplott sieht, tüftelt sicher selbst eines aus.

Leider dauert es ein wenig, bis das Gegenteil des vom Erzähler Behaupteten in diesem wirren Gebräu aus Rachegefühlen, Minderwertigkeitskomplexen und Verschwörungstheorien aufscheint. Erst nach zehn, zwanzig Seiten entfaltet "Ludwig" seine niederträchtige Glorie. Dann aber fesselt das Buch und lässt sich als sinistres Porträt des Balkans lesen. Und als poetologisches Zeugnis: Der Titel von Ludwigs "Buch der Bücher" verweist auf die Bibel und Jorge Luis Borges, seine labyrinthische, sich selbst kommentierende Erzählweise leitet sich vom Talmud, von Vladimir Nabokov, Bruno Schulz, Julio Cortázar und einigen anderen her.

Albahari ruft seine Vorbilder auf und weist sie zugleich selbstbewusst mit der schmalen Erzählung "Ludwig" zurück: Aneignung und Abgrenzung gehören in seinem Werk so sehr zusammen, wie sie dem Erzähler von "Ludwig" misslingen.


Besprochen von Jörg Plath


David Albahari: Ludwig
Roman, Deutsch von Mirjana und Klaus Wittmann
Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2009
152 Seiten, 17,95 EUR

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