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Profil / Archiv | Beitrag vom 23.09.2011

Singen, was die Chefin schreibt

Chor der Woche: Der Dresdner Frauenchor femmes vocales

Von Grit Krause

Im Chor darf keine Frau älter sein als die Chorleiterin, derzeit 52. (femmes vocales)
Im Chor darf keine Frau älter sein als die Chorleiterin, derzeit 52. (femmes vocales)

Für jeden Musiker ist es etwas Besonderes, das Werk eines noch lebenden Komponisten aufzuführen. Für die Sängerinnen des Dresdner Frauenchores femmes vocales gehören Premieren zeitgenössischer Stücke fast schon zum Choralltag, denn geleitet wird er von der Dresdner Komponistin Sylke Zimpel. Die probt mit dem Chor auch ihre Kompositionen.

Wer im Frauenchor femmes vocales mitsingen möchte, muss nicht nur gut bei Stimme sein, sondern auch viel Fantasie mitbringen. Denn um aus ihren Sängerinnen vom satten tiefen Alt bis zum klaren ersten Sopran das gesamte Klangspektrum herauszuholen, ist der Chorleiterin Sylke Zimpel kein Vergleich zu abwegig.

"Ich finde auch, dass sie ein sehr große Wortakrobatin ist und wer kann sich in einem Frauenchor schon mal als Kalkfass fühlen oder einen Pelikanschnabel an sein Gesicht heran denken, und ich finde das klasse, dass sie mit diesen Bildern arbeitet und uns zu einem sehr wunderbaren klaren Klang führen kann."

Silvia Engel singt seit 2005 im zweiten Sopran. Damals hatte sie femmes vocales bei einem Konzert in der Nähe ihres Heimatortes, einem Dorf bei Chemnitz, erlebt und wollte danach nur noch eines: Mitsingen.

"Der erste visuelle Eindruck war wirklich atemberaubend, weil ich habe den Chor gesehen und gedacht: Oh Mann! Eigentlich sollte ich sagen: Oh Frau! Man kann ohne einheitliche Chorkleidung einen einheitlichen Chorauftritt hinkriegen und das fand ich so beeindruckend. Also es war jede als Individuum zu erkennen und trotzdem gab es diese Gemeinschaft in den Feuerfarben und das fand ich einfach wunderschön."

Die meisten der 20 Sängerinnen, die jeden Dienstag im Frauenzentrum "Sowieso" in Dresden proben, haben sich bewusst für einen Frauenchor entschieden, wie etwa Susanne Wetzel aus dem zweiten Alt.

"Ich wollte eben nicht in einem gemischten Chor singen, weil ich vorher auch keine Gesangserfahrung hatte und ich habe mir eingebildet, und das hat sich auch bewahrheitet, dass ein Frauenchor ein Stück weit auch ein Schutzraum ist für mich als Gesangsanfängerin und ich bin hier unglaublich gewachsen und habe auch viele Schritte machen können, eben weil es gerade ein Frauenchor ist."

Das bedeutet aber nicht Kuschelkurs, sondern geprobt wird, bis der letzte Ton so sitzt, wie ihn sich Chorleiterin Sylke Zimpel vorgestellt hat. Als sie 1995 femmes vocales gründete, wollte sie nicht nur anspruchsvolle Frauenchorliteratur auf die Bühne bringen, sondern sich selbst auch eine Spielwiese für ihre eigenen Kompositionen schaffen.

"Ich bin gerade dabei, Liebeslieder zu machen, und habe jetzt etwas eingesetzt, was ich letzte Woche mal so spaßeshalber probiert habe. Da gibt es einen burschikosen Text und da heißt das letzte Wort 'Fluch'. Und da habe ich mich entsonnen, dass ich die Frauen habe fauchen lassen, so dass ich bald weggeflogen bin vor der Energie und dann habe ich drunter geschrieben, dass das 'ch' von 'Fluch' auch in ein Fauchen überführt werden kann."

Sylke Zimpel ist eigentlich Spezialistin für Miniaturen. Ihre Liederzyklen haben meist Gedichte als Vorlage, von Johannes Bobrowski, Rose Ausländer, aber auch indianische Texte hat sie vertont. Daher war die "Messa Olevanese", die sie in diesem Jahr mit femmes vocales erstmals aufgeführt hat, eine große Herausforderung für die Komponistin. Geschrieben hat sie sie 2007. Sylke Zimpel war gerade Stipendiatin in der Casa Baldi in Olevano bei Rom, als das Domkapitel zu Speyer anfragte, ob sie eine Messe komponieren könnte. Zehn Tage hat sie überlegt, dann sagte sie zu.

"Es hängt alles am 'Credo'. Also ich habe festgestellt, ein 'Kyrie' kann ich in jeder Lebenslage machen. 'Gloria' war auch nicht so mein gewohntes, aber ging besser als ich dachte und dann bin ich gleich ins 'Credo' rein und merkte, doch es geht, ich kann diesen Text weicher machen, als ich ihn selbst gewöhnt bin von Messen, die ich selber gesungen habe."

Da die "Messa Olevanese” doppelchörig angelegt ist, hat sich femmes vocales für die Aufführung Verstärkung gesucht. Die strenge Altersgrenze für Sängerinnen, die da lautet: niemand ist älter als die Chorleiterin, derzeit also 52, wurde extra aufgehoben.

Die Musik lässt die meisten Sängerinnen jeden Dienstagabend ihre Müdigkeit vergessen. Traditionelle Volksweisen in den unterschiedlichsten Sprachen gehören ebenso zum Repertoire des Chores wie geistliche Kompositionen und Lieder der Romantik. Am meisten aber haben es allen die Werke angetan, die aus der Feder von Sylke Zimpel stammen. Uta Hauthal aus dem zweiten Alt jedenfalls gerät ins Schwärmen.

"Also für mich sind es ganz oft die Klänge, die in den Kompositionen stecken, und was jetzt noch klar geworden ist, ist dieses Verflechten der Stimmen, was da an Reichtum und Abwechslungsreichtum drin ist, das finde ich wunderbar und es hat diese schöne Verbindung von Intellektualität, aber auch ganz viel Gefühl und es ist nie schmalzig und es ist nicht sentimental und es ist auch nicht krachig und auf Teufel komm raus neu, sondern es stimmt in sich und ist ganz authentisch."

Webseite des Chors femmes vocales

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