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Tonart | Beitrag vom 13.10.2020

Singen in Belarus als Form des WiderstandsDem Protest eine Stimme geben

Von Roman Schell

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Protestierende Menschen in der Minsker Innenstadt im August 2020: Manche Antwohner spielen laute Musik, um ihre Unterstützung kundzutun, andere singen und tanzen. (imago images / Starface / Thibault Savary)
Tanzen auf Balkonen und singen - Unterstützung für die Demonstrierenden in der Minsker Innenstadt. (imago images / Starface / Thibault Savary)

Die Protestierenden in Belarus entdecken alte, patriotische Volkslieder und singen sie bei spontanen Konzerten in Hinterhöfen oder Konzerthallen. "Wenn wir singen, haben wir weniger Angst", sagt eine Frau - vor Polizei und Geheimdienst.

"Hör auf zu warten. Das Warten ist nicht mehr zu ertragen", singt Sarshuk Douguschau in einer Konzerthalle in Minsk. Einige hundert Menschen singen mit. Volkslieder sind plötzlich wieder beliebt in Belarus. Sarshuk singt sie schon viele Jahre. Seit Beginn der Proteste im August erlebt der 37-jährige Sänger seine Sternstunde. Immer mehr Menschen von der Protestgemeinschaft wollen auf Belarussisch singen, sagt der Musiker:

"Diese Lieder helfen, unser Land zu einen. Plötzlich finden wir in diesen Songs uns selbst - unsere Kraft und unsere historischen Symbole."

"Wenn wir singen, haben wir weniger Angst"

Bei jedem Konzert bringt Sarshuk seinem Publikum neue belarussische Texte bei. Meistens sind das patriotische Lieder. In der Sowjetzeit sind viele belarussische Traditionen verloren gegangen - auch die Sprache. Nur eine Minderheit spricht zu Hause Belarussisch. Sarshuk trägt zum Wandel bei. Belarussisch als Identitätsmarke der Opposition - so verstehen das auch die Leute, die zu Sarshuks Konzerten kommen.

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"Unser Protest hat zwei Symbole: die Musik und die rotweiße Flagge", sagt ein Mann. "Die Flagge ist verboten. Die Musik können wir in geschlossenen Konzerthallen hören. Die Spezialeinheiten der Polizei können hier nicht rein. Wir können machen was wir wollen."

Eine Frau: "Wenn wir singen, haben wir weniger Angst. In den ersten Protesttagen hatte ich große Angst. Aber als der gesamte Platz angefangen hat zu singen, waren wir plötzlich eine Einheit. Das hilft uns."

Eine andere Frau sagt: "Wenn ich singe, bin ich frei. Ich fühle mich zu etwas Großem zugehörig. Das ist der Flow."

Spione im Konzert

In der Menschenmenge in der Konzerthalle ist ein Mann mit Maske zu sehen. Er klatscht nicht wie alle anderen, sondern hört nur zu und scheint das Geschehen zu beobachten. Vermutlich ein Informant des Geheimdienstes KGB. Solche Veranstaltungen gelten beim autoritären Regime als gefährlich, deshalb schickt man Spione. Die meisten hier wissen davon und brüllen trotzdem die Parolen der Opposition - zum Beispiel: "Es lebe Belarus!"

Am nächsten Tag hat Sarshuk ein Konzert in einem Innenhof. Jeden Abend versammeln sich hier Nachbarn in dutzenden Wohnblocks von Minsk, um zu singen. Den Künstler Sarshuk haben die Menschen extra eingeladen, damit er ihnen das Singen beibringt. Viele trauen sich nicht mehr in die Innenstadt wegen der Polizeigewalt. Täglich versammeln sich deshalb immer mehr Menschen zwischen den Plattenbauten, wo sie sich sicherer fühlen.

"Innerhalb von einer Woche haben sich die Leute organisiert - auf einmal", erklärt ein Mann. "Sie wollen etwas machen - zusammen etwas unternehmen, singen oder was lernen. Das Wichtigste für alle hier ist allerdings das Gefühl: Man ist nicht allein. Allein in dieser Lage kann man nichts machen."

Eine Frau sagt: "Die meisten Leute hier haben Angst, überhaupt auf die Straße zu gehen. Jederzeit und überall ist eine Festnahme möglich - auch hier direkt vor unserem Wohnhaus."

Musik als Teil des Protests

Immer mehr Minsker rücken so näher zusammen und überwinden gemeinsam die Angststarre. Es verändert sich etwas in der belarussischen Gesellschaft. Plötzlich taucht ein verdächtiges Fahrzeug auf, ein Bus. Vermutlich die Polizei. Der Musiker Sarshuk flieht in Begleitung eines Anwohners. Auch hier war in der Menschenmenge wahrscheinlich ein KGB-Informant.

Wenn die Lage sicher wäre, würden hier ganz viele Musikerinnen und Musiker auftreten", sagt Sarshuk. "Aber jetzt können wir festgenommen werden. Selbst wenn man sich in der Nähe einer Veranstaltung befindet - egal. Die Leute werden grundlos abgeführt. Deswegen sind alle Musiker, die in den Höfen auftreten, die Helden."

Musik ist zum Teil des Protests geworden. Bei den Sonntagsdemonstrationen gegen Wahlbetrug und Polizeigewalt in Minsk singen Zehntausende wie mit einer Stimme Volkslieder auf Belarussisch – in der Hoffnung auf einen friedlichen Machtwechsel in ihrem Land.

Spontane Live-Konzerte hört man täglich in dutzenden Innenhöfen von Minsk. Die Menschen geben ihren Wohnblocks inoffizielle Namen wie - "Platz des Wandels". Allerdings leben die Anwohner von "singenden Höfen" gefährlich. Es gibt immer wieder einzelne Festnahmen in Minsker Wohnblocks. Auch die Gesangsveranstaltung von Sarshuk können jederzeit aufgelöst werden.

Das autoritäre Regime hält ganz Belarus in Angst. Solange sie nicht überwunden ist, hat Diktator Lukaschenko das Land unter Kontrolle.

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