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Profil / Archiv | Beitrag vom 07.09.2012

Singen als Medizin

Der "Sing-to-be-happy"-Chor aus Göppingen

Von Beate Becker

Notenblatt (Stock.XCHNG / John Jarvis)
Notenblatt (Stock.XCHNG / John Jarvis)

Regelmäßig treffen sich in der Kapelle der Göppinger Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie Christophsbad Patienten, Mitarbeiter und Bürger der Stadt, um gemeinsam zu singen. Der Chor ist ein Kooperationsprojekt der Klinik und des Vereins "Singende Krankenhäuser e. V."

Singen ist gesund. Dass Singen Medizin sein kann und wie glücklich es macht, habe ich in Göppingen erlebt. Eigentlich hatte ich einen Chor erwartet, der sich nach Stimmlage geordnet, aufstellt. Aber die 49-jährige Chorleiterin Katharina Neubronner, ausgebildete Opernsängerin und Musikpädagogin, steht in der Mitte des Chores.

Sänger und Sängerinnen bewegen sich singend und tanzend um sie herum. Ihre gute Laune und ihre Lebensfreude motiviert auch mich. Ich mische mich mit meinem Mikrofon unter die Tanzenden.
Es ist warm geworden in der Kapelle, die etwas abseits auf dem Klinikgelände liegt.

Bossinger: "Wir stellen uns einfach vor, Atlantik, dann kommt die Seebrise hier herein, kühlt uns schön ab. The ocean is the beginning of the earth."

Wolfgang Bossinger, 51, Musiktherapeut der Klinik und Singexperte leitet den Chor gemeinsam mit Katharina Neubronner. Er schnappt sich seine Gitarre und stimmt ein Lied zur Abkühlung an.
Kanons, einfache Lieder mit englischen und deutschen Texten werden gesungen. Die Chorleiter komponieren sie selbst. Es gibt keine Einteilung in Sopran, Alt, Tenor und Bass. Ohne Noten und ohne Leistungsdruck, darf jeder singen wie er will.

Vom Klinikalltag spüre ich hier nichts, aber die Musik ist auf dem ganzen Klinikgelände zu hören. Türen und Fenster stehen weit offen. Jeder ist eingeladen mitzusingen. Ab und zu spazieren Patienten vorbei, bleiben einen Moment in der Tür stehen, andere sitzen draußen auf eine Parkbank und hören zu.

Drexler: "Isch ne grandiose Idee, und i glaub auch wirklich, dass das Singen wieder mehr als Heilsinstrument entdeckt wird."

Daniela Drexler, 49, ist aus dem Saal gekommen, um frische Luft zu schnappen. Die studierte Diplomverwaltungswirtin ist seit drei Jahren dabei.

Drexler: "I selber i habe in Kammerchöre gesungen, i komm von nem ganz hohen Niveau und habe immer weiter runtergeschraubt und komm immer mehr zu diesem Mantra-Singen. Das kann man überhaupt nicht vergleichen mit so einem Kirchenchor oder so einem professionellen Chor, da mögen vielleicht, die Töne reiner sein, aber ... Seele fehlt da, so dieses ... dass da was rüberkommt und das passiert hier beim Heilsamen Singen ganz arg, ich glaube, das spürt man auch."

Die 40 Sänger sind im Alter zwischen 11 und 80. Zlatka Vargas, eine junge Frau mit kurzen roten Haaren, vergleicht den Chor mit dem Hauptgericht eines Fünf-Gänge-Menüs, danach sei sie noch lange satt.

Vargas: "Wenn ich hier bin, dann vergess’ ich ganz, dass ich krank bin. Ich bin herz- und lungenkrank und schwerhörig und habe nie gedacht, dass ich mal in ’nem Chor singe."

Wer gesund ist oder krank, das lässt sich von außen nicht feststellen.

Bossinger: "Die Teilnehmer sprechen ja oft davon, sich auf Augenhöhe begegnen, dass es keine Rolle spielt bin ich Schuldirektor, bin ich Geschäftsführer, bin ich Hausmeister, Krankenschwester und wir haben alles vertreten."

Aus der Gruppe "Heilsames Singen", die Wolfgang Bossinger 2006 an der Klinik ins Leben gerufen hat, entstand 2010 der Chor. Die Chorgründung ging von den Sängern selbst aus.

Bossinger: "Wir singen einfach zusammen. Es spielt überhaupt keine Rolle, habe ich ’ne Depression oder eine Psychose, das ist das Beeindruckende, dass das Singen und die Musik Menschen so verbindet, dass diese ganzen Dinge in den Hintergrund treten, und das weiß man ja auch aus der Neurobiologie, dass solche Erfahrungen von sozialer Resonanz und Verbundenheit sehr wichtig sind für die Gesundheit."

Die beiden Chorleiter sind Vorsitzende des Vereins "Singende Krankenhäuser e.V.". Die Klinik Christophsbad ist als Erstes "Singendes Krankenhaus" in Baden-Württemberg zertifiziert worden, 32 solcher singender Krankenhäuser gibt es davon mittlerweile bundesweit.

Bossinger: "Früher war es ja so, kein Mensch wollte freiwillig in eine psychiatrische Klinik. Auch hier in der Stadt, bloß nicht da hingehen. Und hier kommen ja ganz viele Menschen aus der Stadt zum Singen hierher, in Anführungszeichen auch die ’Gesunden’ und dadurch entsteht eine ganz andere Vernetzung auch. Die Ängste werden abgebaut. Das ist glaube ich etwas ganz Wichtiges."

Erschöpft, aber glücklich wirkt Katharina Neubronner nach der Singstunde.

Neubronner: "Der Abend war so, dass ich einfach dankbar bin, dass ich mit dem was mir selber Freunde macht, Andere so begeistern kann, dass sie glücklich nach Hause gehen können. Es ist eigentlich immer wie ein Fest. Trotz der Hitze eigentlich ein sehr bewegender Abend wieder, ja."


Immer mehr Menschen in Deutschland singen im Chor. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft deutscher Chorverbände (ADC) stellt Deutschlandradio Kultur jeden Freitag um 10:50 Uhr im Profil Laienchöre aus der ganzen Republik vor: Im "Chor der Woche" sollen nicht die großen, bekannten Chöre im Vordergrund stehen, sondern die Vielfalt der "normalen" Chöre in allen Teilen unseres Landes: mit Sängern und Sängerinnen jeden Alters, mit allen Variationen des Repertoires, ob geistlich oder weltlich, ob klassisch oder Pop, Gospel oder Jazz und in jeder Formation und Größe.

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