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Signale / Archiv | Beitrag vom 27.05.2007

Sind wir gut drauf!

Vom Ende der Nachfrage nach Pessimismus

Von Eberhard Straub

Kein Grund zum Pessimismus? (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)
Kein Grund zum Pessimismus? (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)

"Wo wir uns der Sonne freuen, / Sind wir jede Sorge los", singen in Wilhelm Meisters Wanderjahren Handwerker, die sich durch nichts niederdrücken lassen wollen und in eine schönere Zukunft aufbrechen. Von der Sonne verwöhnt machen es ihnen die Deutschen seit Monaten nach, die sonst sorgenvollen, schwerbedenklichen am öden Strand des Lebens.

Sie werfen viel Ballast ab, nicht nur stofflichen, um in halber und halbgöttlicher Nacktheit zu bekunden, wie Werdelust aus ihnen dringt und andere ansteckt, die Leichtigkeit des Seins im Dasein zu entdecken. Alle sollen möglichst wohlauf sein, denn die Luft der Konjunktur geht frisch und rein und ermuntert jeden. Wer lange sitzt, muss rosten, so sagte schon der vorkapitalistische Volksmund. Versicherte einer noch unlängst gegen sämtliche Prognosen dem melancholischen Exportweltmeister Deutschland mit Zarah Leander: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen", wurde er sofort als verantwortungsloser Dilettant energisch in seine Grenzen verwiesen. In der Wirtschaft ginge es schließlich wissenschaftlich, ernst und berechenbar zu, aber nicht wunderbar. Es müsste schon ein reformpolitisch systematisierter Ruck durch das Land gehen, um aus der allgemeinen Misere herauszufinden.

Zu einem solchen Ruck kam es allerdings nie, weil Deutsche ihre Sorgen so verinnerlicht hatten, dass sie nur noch den als wahren Menschen anerkannten, der sich gleich ihnen fürchtete mitten im gefährlichen Leben. Weil Angst angeblich humanisierte, wollten sie möglichst viel Lebensangst haben, so dass sie schon zum Frühstück etwas Midgardschlange speisten und nachts statt am Gefrorenen am Geworfensein in eine traurige Welt knabberten, um anschließend besser einzuschlafen. Der Lohn der Angst war ein Wunder. Wie an Pfingsten wurden die Zaghaften, Verschüchterten oder Unsicheren überwältigt. Von allerdings ganz geistlosen doch nicht minder befeuernden Kräften, die Produktion und Konsum Flügel verliehen, damit beide sich – ganz unwissenschaftlich und spontan – über peinliche Erdenreste der Vorsicht und Bänglichkeit erheben konnten. Eine feiertägliche Stimmung machte sich seit der Fußball-Weltmeisterschaft vor einem Jahr breit und hellte seither die griesgrämigen Mienen auf. Frohsinn ist mittlerweile Pflicht, nicht einmal Gondeln aller Art dürfen noch Trauer tragen, weil ständig überfüllt und wettbewerbstauglich. Nörgler, Schwarzseher und Miesmacher sind unerwünscht, wie unter Wilhelm II., dem stets frohgemuten.

Unser heutiger Bruder Lustig, der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, ununterbrochen blühend ohne zu reifen, gleich dem immer jugendlichen Kaiser, fasste unlängst in einem "Manifest der guten Laune" die neo - wilhelminische Lebenslust schlicht und einprägsam zusammen: "Uns geht es gut". Klaus Wowereit will keine von "der Litanei des Leidens" gezeichneten Gesichter mit heruntergezogenen Mundwinkel mehr sehen. Wer sich täglich an seinen Wahlspruch hält: Ich red’ mir ein, ich bin gesund, dem geht’s gleich besser. Wie weiland die Majestät, der Kaiser, brauche der Deutsche Sonne, also Zuversicht und eine frohe Botschaft, die jeden, wenn er sich ihr nicht verschließt, zum Botschafter der guten Laune macht. Freude schenkt Kraft und Kraft bewirkt wiederum Freude, denn sich Regen bringt Segen. So einfach ist das. "Bei dem allgemeinen Mangel / Idealer Seelenglut/ Trefft ihr nur im Tingel – Tangel , / Was das Herz erheben tut". So sang man zu Kaisers Zeiten. Immerhin: "Das Herz es ist munter, es regt sich, es wacht", zumindest seit den fröhlichen Spielen, die mit ihrer Freude Götterfunken die Deutschen begeisterten, wie jung, tolerant, kreativ und unkompliziert sie sind. Ganz Deutschland verwandelte sich in eine Fanmeile, auf der Freunden aus aller Welt – "Seid umschlungen Ihr Millionen" – zugerufen wurde: der Mensch ist das Wesen, das lacht. Mit faustischer Entschlossenheit versammeln sich die Deutschen seither unter der Devise: "Doch deine Macht, o Sorge, schleichend groß, / Ich werde sie nicht anerkennen". Die Furcht als Zustand träger Schwäche überlassen sie "Krankreich", von dem zu lernen soviel heißt, wie verlieren zu lernen. Die fidelen Deutschen haben es daher auch aufgegeben, sich das savoir vivre weiterhin bei den sauertöpfischen Invaliden jenseits des Rheins oder gar der Alpen mühsam anzueignen.

Der Lebenskünstler ist mittlerweile ein Meister aus Deutschland. Doch des Lebens ungemischte Freude wird keinem Sterblichen zu Teil. Die Sorge darf aber keinesfalls in ein Glaserl Wein geschüttet werden. Denn vor alkoholischen Sorgenbrecher muss schwer gewarnt werden aus leicht einsehbarem Grund, den Friedrich Rückert, ein Freund der Freiheit, schon in vordemokratischen Zeiten kannte: "Die Wahrheit ist im Wein. / Das heißt: in unsern Tagen / Muss einer betrunken sein, / Um Lust zu haben, / die Wahrheit zu sagen". Die hielt man schon damals nicht aus, weil sie die gute Laune verdirbt.

Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin.
Buchveröffentlichungen u. a. "Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", "Albert Ballin" und "Eine kleine Geschichte Preußens" sowie zuletzt "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit".

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