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Konzert / Archiv | Beitrag vom 06.02.2021

Simone Young dirigiert Henze-Oper in WienEin Seemann, Verrat und das Meer

Moderation: Volker Michael

Seitlicher Blick auf ein lange Welle aus blau-grünem Meereswasser mit rötlichen Reflexionen auf der Oberfläche, die sich gerade überschlägt und weiße Gischt bildet. (IMAGO / Dieter Mendzigall)
Wird ein Seemann einfach so vom Meer "entlassen"? (IMAGO / Dieter Mendzigall)

Die Wiener Staatsoper brachte Hans Werner Henzes "Das verratene Meer" heraus. Für das Radiopublikum durften ein großes Orchester und acht Gesangspartner zusammentreffen. Simone Young dirigierte die Adaption des analytisch-brutalen Romans von Yukio Mishima.

Selten liegen das Handeln eines Schriftstellers und die Inhalte seiner Dichtung so nah beieinander wie im Falle von Yukio Mishima. Dieser japanische Autor endete grausam – und ziemlich erbarmungslos ist auch der Inhalt der Oper "Das verratene Meer" von Hans Werner Henze, die auf Yukio Mishimas Roman "gogo no eiko" – "der Seemann, der die See verriet" basiert.

Das angestrahlte Opernhaus in Wien inmitten leerer Straßen. (IMAGO / Westend61)Viel Licht, kaum Passanten in Wien um die Staatsoper herum. (IMAGO / Westend61)

Trotz aller Pandemieeinschränkungen hatte diese Oper kurz vor Weihnachten 2020 an der Wiener Staatsoper Premiere, die wir heute übertragen. Entsprechend still ist es im Saal, eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herrschte am 13. Dezember 2020 im weiten Rund der Staatsoper.

Wiederaufführung eines Berliner Auftragswerkes

Ursprünglich war "Das verratene Meer" ein Auftragswerk der Deutschen Oper Berlin. Die Uraufführung fand am 5. Mai 1990 dort statt – unser Vorgängerprogramm RIAS Berlin hat damals live übertragen.

Der Komponist Hans Werner Henze ca. 1991 (Imago Lemage)Der Komponist Hans Werner Henze ca. 1991 (Imago Lemage)

Der Erfolg war wohl nur begrenzt, zumindest hat es der Komponist so empfunden. Deshalb hat Hans Werner Henze das Werk mehrmals überarbeitet. Im Vergleich zur Urfassung ist diese Musik ausführlicher, opulenter und akzentuierter. An der Wiener Staatsoper wurde sie nun erstmals gegeben.

Eine Liebestragödie im modernen Japan

Die japanische Romanvorlage hat Hans Ulrich Treichel für Henze zu einem Opernlibretto umfunktioniert. In dem Werk gibt es acht Solorollen, keinen Chor, dafür ein klangfarbenstarkes Orchester inklusive japanischem Schlagzeug, zwei Harfen und naturalistischer Klangzuspiele. Das Orchester treibt die Handlung in kraftvollen Zwischenspielen voran. Es sei eine im modernen Japan angesiedelte Liebestragödie, hat Hans Werner Henze selbst die Oper beschrieben.

Der Tradition verbunden

Die Dirigentin in Wien war Simone Young. Sie sieht Henze voll und ganz in der Tradition des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts, bei Alban Berg und insgesamt beim Expressionismus. Entsprechend klar und traditionell seien auch die Charaktere der Handlung in herkömmliche Stimmfächer eingeordnet. Das sei eine "richtige Oper" mit einer ganz klaren Führung der Stimmen und einer klaren Funktion des Orchesters, sagte die Dirigentin im Sender Ö1.

Die Dirigentin Simone Young bei der Arbeit 2005 in Wien. (IMAGO / SKATA)Genaues Zuhören fordert Dirigentin Simone Young von sich und ihren Musikern. (IMAGO / SKATA)

"Das verratene Meer" hat zwei Teile und insgesamt vierzehn Szenen. Die einzige Frau in der Oper ist "Fusako Kuroda", eine junge Witwe und Boutiquenbesitzerin. Ihren Sohn Noboru schließt sie abends in seinem Zimmer ein, damit er sich nicht mehr nachts mit seinen Freunden trifft. Der beobachtet seine Mutter beim Zubettgehen und hat Träume, die ein 13-Jähriger typischerweise träumt.

Vaterhass und ödipale Komplexe

Am nächsten Tag besichtigen Mutter und Sohn ein großes Frachtschiff. Dort treffen sie den Seemann Ryuji. Der gefällt Mutter und Sohn gleichermaßen. Nach einem Restaurantbesuch gehen Fusako und Ryuji spazieren. Der Seemann erzählt, dass er in seiner Arbeit auf See keinen Sinn sieht.

Die Witwe Fusako und der Seemann Ryuji schlafen miteinander. Noboru beobachtet die beiden heimlich und entwickelt zunächst weniger Eifersucht denn Besitzansprüche auf den Seemann, der ihm ein Ersatzvater sein könnte. Am nächsten Tag erzählt Noboru seiner Gang von seinen Beobachtungen. Das Begehren des Seemanns interpretiert er als Zeichen dafür, dass dieser Seemann zu Höherem berufen sein könnte. Nummer Eins, der Anführer der Gang, hält Noboru entgegen, dass dieser Seemann das Wort "unmöglich" verwendet hat, als es um sein Verhältnis zum Meer ging. Die Bande müsse aber dafür sorgen, dass das Wort Unmöglich nicht mehr vorkomme.

Der Seemann gehört dem Meer

Der Seemann Ryuji und Noboru treffen zufällig aufeinander, als der Junge von seiner Gang nach Hause kommt. Der Seemann verspricht Noboru, sein heimliches Treffen der Mutter nicht zu verraten. Die nächste Szene zeigt den Abschied vom Seemann Ryuji am Hafen. Fusako ist traurig und hofft auf Riyujis baldige Rückkehr. Noboru wiederum wünscht, dass Ryuji nicht wiederkommt. Er meint, ein Seemann gehöre dem Meer, nicht einer Frau an Land. Der erste Teil endet mit einem grausamen Ritual. Nummer Eins der Gang bringt Noboru dazu, eine Katze zu töten. 

Katzen- und Männermord

Der zweite Teil: Der Seemann Ryuji ist wieder an Land – er möchte Fusako heiraten. Die Witwe erklärt diesen Moment zu ihrem glücklichsten Tag. In der Jugendgang wird derweil sehr heftig über die Väter gesprochen. Fusakos Sohn Noboru ist eigentlich stolz auf seinen neuen Ziehvater Ryuji, den Seemann. Doch die anderen Gangmitglieder nehmen ihm das nicht ab. Was für ein Mann? Riyuji hat nichts Bewundernswertes getan, schlimmer noch, er hat die See verraten, denn er wird fortan im Laden von Noborus Mutter arbeiten.

Fusako und Ryuji lassen Noboru wissen, dass sie heiraten werden. Ryuji nimmt Noboru als seinen Sohn an. Fusako wiederum gibt Noboru seine Freiheit wieder. Er darf nachts wieder das Haus verlassen. Noboru will die beiden wieder beim Liebesakt beobachten. Er verschläft das aber – seine Mutter ist außer sich, Ryuji dagegen vergibt dem Jungen.

Die Jugendgang bewertet Ryujis Verhalten wie in einem Gerichtsverfahren. Die Mitglieder verurteilen ihn zum Tode, weil er die See verraten hat. Noborus Mutter Fusako verzweifelt, weil sie merkt, dass sie ein Leben mit ihrem Sohn und ihrem neuen Gatten nicht austarieren kann. Die letzte Szene zeigt uns Ryuji als Gast der Jugendgang. Eigentlich soll er von seinen Abenteuern auf dem Meer erzählen. Was er berichtet, zeigt ihn allerdings als zerrissenen und unglücklichen Menschen.

Erlösendes Gift

Seine Wahl, an Land zu bleiben, zu heiraten und im Laden Fusakos zu arbeiten, ist keine Lösung. Noboru reicht ihm eine Tasse Tee. Mit diesem Trank vollzieht die Gang ihr Todesurteil, denn er ist vergiftet. Riyuji nimmt ihn gern an.

Wiener Staatsoper
Aufzeichnung vom 13. Dezember 2020

Hans Werner Henze
"Das verratene Meer" - Oper in zwei Teilen und 14 Szenen
nach Yukio Mishimas Roman "Gogo no eikou" (Der Seemann, der die See verriet) auf ein Libretto von Hans-Ulrich Treichel

Fusako Kuroda, eine 33-jährige Witwe - Vera-Lotte Boecker, Sopran
Noboru, Fusakos Sohn, 13 Jahre alt, auch Nummer 3 der Bande genannt - Josh Lovell, Tenor
Ryuji Tsukazaki, der 2. Offizier des Frachtschiffes "Rakuyo-Maru" - Bo Skovhus, Bariton
Stimme des Steuermanns - Jörg Schneider, Bassbariton
Nummer 1 der Bande - Erik van Heyningen, Bariton
Nummer 2 der Bande - Kangmin Justin Kim, Countertenor
Nummer 4 der Bande - Stefan Astakhov, Bariton
Nummer 5 der Bande - Martin Hässler, Bassbariton

Orchester der Wiener Staatsoper
Leitung: Simone Young

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