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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2018

Simon Schwartz: "Ikon"Verehrung für die falsche Anastasia

Von Frank Meyer

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Buchcover Simon Schwartz: Ikon (Ikon / imago)
Simon Schwartz hat ein Faible für besondere Biografien. (Ikon / imago)

Simon Schwartz gehört zur ersten Liga der deutschen Comicautoren. Im seinem neuen Werk geht es um die wiederauferstandene Zarentochter Anastasia und einen Mann, der diese Frau wie eine Ikone anbetet. Die Erzählung ist eine faszinierende Geschichte bis zum fantastischen Finale.

Ein orthodoxes Kloster im Ural im Jahr 1918. Langsam zoomt Simon Schwartz näher heran an die hölzerne Klosterkirche, hinein in den Kirchenraum, in dem vier Mönche versunken beten, bis es an die Tür klopft. Vor der Tür liegt ein verletzter Mann am Boden, Gleb Botkin heißt er. Seiner Geschichte wird dieses Buch folgen.

Der Hamburger Comicautor Simon Schwartz hat ein Faible für sehr besondere Biografien. In seinem Buch "Packeis" hat er von dem Afroamerikaner Matthew Hanson erzählt, der 1908 möglicherweise als erster Mensch am Nordpol war. Schwartz‘ fantastischer Comicband "Vita Obscura" versammelt gleich 30 bizarre Lebensläufe, alle in einem eigenen Stil gestaltet, in Collagen, expressionistischen Siebdrucken, Keramikreliefs oder chinesischen Holzschnitten. Mit diesem Buch ist Simon Schwartz in die erste Liga der deutschen Comiczeichner aufgestiegen.

Die wiederauferstandene Zarentochter?

Sein neues Buch "Ikon" folgt wieder zwei ganz eigenen Lebensläufen. Gleb Botkin ist der Sohn des Leibarztes der letzten russischen Zarenfamilie, zur Zarentochter Anastasia Romanowa hat der junge Gleb ein besonders vertrautes Verhältnis. Im Juli 1918 wurden die Romanows und ihre Begleiter, darunter Glebs Vater, von den Bolschewiki ermordet. Gleb kann entkommen und emigriert in die USA, wo er eine heidnische Kirche der Liebesgöttin Aphrodite begründet und sich zum Erzbischof dieser Kirche ernennt. Die zweite Hauptfigur des Buches ist Anastasia, beziehungsweise die polnische Arbeiterin Franziska Czenstkowski. Sie wird in den 1920er-Jahren in Berlin für Anastasia Romanowa gehalten, die Zeitungen schreiben ausführlich über die wiederauferstandene Zarentochter, in Hollywood wird ein Film über ihre Geschichte gedreht. Mit der Zeit allerdings schwindet der Glaube an die gerettete Anastasia, sie wird in die Psychiatrie gesteckt und lebt dann in einer verkommenen Hütte bei einem deutschen Fan der Zarenfamilie, bis Gleb Botkin sie in die USA holt. Er widmet sich seiner Jugendfreundin bis zu seinem Tod mit der größten Hingabe.

Simon Schwartz mixt diese beiden extremen Biografien mit der Geschichte der Ikonenmalerei, mit dem Leben und Sterben der Zarenfamilie Romanow und der Geschichte mehrerer Anastasia-Enthusiasten. Schwatz stellt all das nebeneinander, springt in der Zeit vor und zurück, so dass statt einer stringenten Erzählung ein aus vielen Elementen montiertes Bild entsteht. So unwahrscheinlich die Biografien Gleb Botkins und der falschen Anastasia auch wirken, Simon Schwartz folgt weitgehend den historischen Tatsachen, die er im Anhang des Buches dokumentiert. Gegen die Härte und Bizarrerie dieser Lebensläufe setzt er klare, einfach gehaltene Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die ein Moment der Distanzierung schaffen.

Anspruchsvoll und faszinierend

"Ikon" ist ein anspruchsvolles Projekt. Es erzählt von einer weit entfernt wirkenden Epoche, im Kern aber von einem sehr heutigen Phänomen: dem Glauben an Ikonen, an Menschen und Bilder, die überlebensgroß mit Bedeutung aufgeladen sind. Auch wenn man im Strudel der Ebenen und Anspielungen in diesem Buch öfter den Überblick verliert, die faszinierenden Geschichten von Gleb und Anastasia lassen einen nicht los, bis zu einem fantastischen Finale.

Simon Schwartz: Ikon
Avant Verlag, Berlin 2018
216 Seiten, 25 Euro

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