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Studio 9 | Beitrag vom 29.09.2016

Silvio BerlusconiEin Mann ohne jeden Selbstzweifel

Von Jan-Christoph Kitzler

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Silvio Berlusconi im Juli 2016 in Mailand (dpa / picture alliance / Daniel Dal Zennaro)
Silvio Berlusconi im Juli 2016 in Mailand (dpa / picture alliance / Daniel Dal Zennaro)

Heute wird Silvio Berlusconi 80 Jahre alt. Er hält sich für den besten Ministerpräsidenten, den Italien je hatte − und er glaubt, sehr früh heilig gesprochen zu werden. Doch seine Geburtstagsfeier fällt bescheiden aus: Ohne Feuerwerk und Damenbesuch.

Ganz klar – auch zu seinem 80. Geburtstag werden Silvio Berlusconi keine Selbstzweifel überkommen. Immerhin ist er immer noch der Ministerpräsident, der Italien nach dem Zweiten Weltkrieg am längsten regiert hat. Zwei Jahrzehnte hat er Italiens Politik geprägt. Und für Berlusconi selbst ist das Urteil, das die Geschichte einmal über ihn fällen wird, schon lange klar:

"Ich sage ihnen: Ich glaube ehrlich, dass ich mit Abstand der beste Ministerpräsident war und bin, den Italien in seinen 150 Jahren Geschichte gehabt hat."

Er inszeniert sich als Opfer

Vor acht Jahren hat er das gesagt. Doch inzwischen ist es abwärts mit ihm gegangen. Seine Partei, Forza Italia, spielt politisch nur noch eine Nebenrolle, hat keinen großen Einfluss mehr. Und der ewige Leader steht nur noch auf dem Papier an der Spitze. Rechtskräftig verurteilt wurde Berlusconi wegen Steuerhinterziehung vor drei Jahren, seinen Sitz im Parlament hat er damals verloren. Weitere Prozesse, in denen es unter anderem um den Kauf von Abgeordnetenstimmen geht, laufen. Und Berlusconi inszeniert sich, wie schon immer, als Opfer:

"Ich bin in der Geschichte der meistangeklagte Mann des Universums. Nur in Italien kann ein Ministerpräsident, der sich um die Angelegenheiten des Landes kümmern muss, angeklagt werden. Ich habe mehrmals, und heute wiederhole ich das, beim Leben meiner Kinder, meiner fünf Kinder und meiner sechs Enkel, geschworen, dass kein einziger der Tatbestände, auf denen die Staatsanwaltschaft ihre Anklage gründet, wahr ist."

Die, die ihm das glauben, sind immer weniger geworden. Auch wenn insgeheim vielleicht manch einer den Berlusconi-Zeiten nachtrauert, in denen Steuerhinterziehung allerhöchstens ein Kavaliersdelikt war:

"Wenn ich arbeite, viele Opfer bringe und der Staat dann 33 Prozent von dem verlangt, was ich verdient habe, dann habe ich das Gefühl, dass das in Ordnung ist im Tausch für das, was ich vom Staat bekomme. Wenn der Staat aber 50 und mehr Prozent verlangt, dann ist das eine unanständige Forderung, und ich fühle mich moralisch berechtigt, Steuern zu hinterziehen, so viel ich kann."

Auch gesundheitlich steht es nicht zum Besten für Silvio Berlusconi. Im Juni schwebte er in Lebensgefahr, da musste er sich einer Operation an der Aorta unterziehen. Große Teile des Sommers hat er in Sardinien verbracht, um sich von dem Eingriff zu erholen.

Heute Abend wird es zwar eine Feier geben, aber nur im kleinen Kreis. Ausgerechnet in seiner Villa in Arcore bei Mailand, die für die so genannten Bunga-Bunga-Feste berühmt geworden ist.

Große Tafel mit der Familie

Diesmal aber keine Party mit leichten Mädchen. Die Gästeliste ist Ausdruck davon, wie still es um Berlusconi geworden ist. Seine Kinder kommen, seine 31-jährige Verlobte, sein Vertrauensarzt, sein wichtigster Anwalt und nur wenige Politiker, die quasi zur Familie gehören. Immerhin soll groß getafelt werden mit Aperitif, Vorspeise, zwei Pasta-Gängen, einem Hauptgang, Torte und Nachtisch. Das sonst obligatorische Feuerwerk soll aber offenbar ausfallen.

Auch wenn Berlusconi schwere Zeiten hinter sich und vielleicht auch keine rosigen vor sich hat, seine Meinung über sich selbst ist und bleibt unerschütterlich:

"Ich werde sehr früh heilig gesprochen werden. Denn die Zukunft wird allen Italienern zeigen, wie geduldig ich war und wie viel Unrecht ich in einem politischen Kampf erlitten habe, den es in gewissen Systemen nicht geben sollte."

Was politisch von Berlusconi bleibt, ist schwer zu sagen. Das hängt auch davon ab, ob die Forza Italia eine neue Führungsfigur findet. Bislang hing die Partei dafür zu sehr vom Geld Berlusconis ab – davon immerhin, so hört man, hat er immer noch genug.

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