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Buchkritik | Beitrag vom 21.01.2020

Sigrid Nunez: "Der Freund"Auf den Hund gekommen

Von Sonja Hartl

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Das Bild zeigt das Cover von Sigrid Nunez neuem Roman "Der Freund", in dem die Autorin pointierte Seitenhiebe gegen die literarische Szene verteilt. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
Pointierte Seitenhiebe gegen die literarische Szene: Sigrid Nunez' neuer Roman "Der Freund". (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Nach dem Suizid eines Schriftstellers übernimmt dessen ehemalige Schülerin und Vertraute seinen Hund. In "Der Freund" bietet Sigrid Nunez eine ausgefeilte Handlung und starke Charaktere - ein Roman über Trauer, Freundschaft, Liebe, Erinnerungen und Vergessen.

Ein Mann begeht Selbstmord. Er hinterlässt seine dritte Ehefrau, eine Harlekindogge und seine beste Freundin, die Erzählerin in Sigrid Nunez‘ "Der Freund" – namenlos wie fast alle Charaktere in diesem Roman. Sie ist Schriftstellerin wie er, lehrt Literatur wie er und sie kennen einander, seit er ihr College-Dozent war. Ihre Beziehung war so innig, so vertrauensvoll, dass ihr oft unterstellt wird, sie habe ihn geliebt. Als Ehefrau drei sie bittet, sich um den Hund zu kümmern, nimmt sie ihn zu sich, wohlwissend, dass ihre Wohnung zu klein ist und Hunde dort verboten sind.

Beziehung zwischen Erzählerin und Hund

Der riesige Hund und die Erzählerin helfen einander bei der Verarbeitung des Verlustes, der Hund wird ein neuer Freund, wenngleich er den alten nicht ersetzen kann. Diese Beziehung zwischen Erzählerin und Hund ist nur ein warmherziger, charmanter Aspekt des präzise überlegten und geschriebenen Romans, in dem klug zeitlose wie auch sehr gegenwärtige Fragen an die Literatur aufgegriffen werden.

Dazu gehören das Verhältnis von Literatur zur Erinnerung, die Frage, wer in der Literatur worüber spricht und wie sich dadurch die Rolle und Verantwortung von Schreibenden verändert. Zudem war der Verstorbene ein promiskuitiver, gutaussehender Mann mit BBC-Akzent, der den Klassenraum für einen erotischen Raum hielt und mit der #Metoo-Ära nicht zurechtkam.

Seitenhiebe gegen die literarische Szene

"Wenn Lesen die Fähigkeit zur Empathie tatsächlich fördert, wie uns ständig erzählt wird, dann scheint Schreiben sie zu vermindern", konstatiert die Erzählerin – und setzt pointierte Seitenhiebe gegen die literarische Szene und die veränderte Relevanz von Romanen. Sogar die Idee, dass zwölf Autorinnen nackt für einen Kalender posieren, erscheint gar nicht so abwegig in einer Wirklichkeit, in der der Effekt und die Selbstvermarktung immer wichtiger werden.

Dazu passt wunderbar, dass die nunmehr 68-jährige Nunez mit dem Erscheinen von "Der Freund" 2018 in den USA und der Auszeichnung mit dem National Book Award zu einer Autorin wurde, deren Erfolg angeblich völlig überraschend über Nacht kam – obwohl sie seit 1995 Bücher schreibt. Doch sie ist eine Art Autorin, die es laut ihrer Erzählerin kaum mehr gibt: Sie sieht das Schreiben als ihre Berufung an.

Balance zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit

Sigrid Nunez findet die Balance zwischen Leichtigkeit, Witz und Ernsthaftem. Sie spielt mit dem vertraulichen Ton eines Memoirs einer belesenen, brillanten Autorin, zugleich hat "Der Freund" eine ausgefeilte Handlung und starke Charaktere. Es ist ein Roman über Trauer, Freundschaft, Liebe, Erinnerungen und Vergessen; ein Roman, der eindrucksvoll beweist, wie eng das Leben und die Literatur verbunden sind und dass Verlust und Tod unweigerlich zu Freundschaft und Liebe dazugehören.

Sigrid Nunez: Der Freund
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Aufbau Verlag, Berlin 2020
235 Seiten, 20 Euro

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