Signifikanter Flop

Geronimo, Kriegshäuptling der Bedonkohe-Apachen, im Jahr 1887 © AP / National Archives
Von Arno Orzessek · 04.05.2011
Den modernen Massenmörder Osama bin Laden mit dem Häuptlingsnamen "Geronimo" zu titulieren ist entweder naiv oder zynisch. Denn obwohl entfernte Ähnlichkeiten bestehen, hatten beide nach Hintergrund und Motivation rein gar nichts gemeinsam.
Das Ganze hätte wirklich aufs Übelste zu dem frivolen US-Präsidenten gepasst, den die Anti-Amerikaner so innig hassen.

Der belegt den Staatsfeind Nr. 1 intern mit dem Häuptlingsnamen Geronimo, schickt die Navy Seals los, lässt diesen Geronimo alias bin Laden liquidieren und hört mit Glanz in den Augen von seinen Jungs per Funk: "Geronimo EKIA", für enemy killed in action, 'Feind erledigt'.

Hatte sich doch schon der Großvater, wie Quellen behaupten, 1918 am Raub der Knochen des echten Geronimo beteiligt und sie dem Kultmuseum der "Skull and Bones Society" zugeführt. Und 1986 hatte Jonathan, der Onkel des Präsidenten, die Herausgabe des Häuptlings-Schädels verweigert.

Doch es war halt nicht George W. Bush, dessen Familie mit dem posthumen Schicksal des Häuptlings tatsächlich unfein verbunden ist, der bin Laden nun als eine Art Widergänger Geronimos erschießen ließ. Es war Barack Obama, der erste schwarze US-Präsident, die Überwindung rassistischer Vorurteile und dümmlicher Klischees in Person, wie man hoffen und glauben will.

Was den Namensflop noch bedrückender und signifikanter macht.

Denn bräsige political correctness ist das eine und ödet alle an; etwas anderes ist es, den modernen Massenmörder Osama bin Laden als neuen Geronimo zu titulieren.

Vor allem, weil ein Vergleich tatsächlich entfernte Ähnlichkeiten aufdeckt ... zwei charismatische Typen, gewaltbereit, Guerilla-Techniken bevorzugend, beide dämonisiert von der US-Regierung ... entfernte Ähnlichkeiten, über denen man jedoch unmöglich vergessen kann, dass die beiden nach Hintergrund und Motivation rein gar nichts gemeinsam haben.

1858 ermordeten mexikanische Truppen Geronimos Mutter, seine Frau und seine drei Kinder. Erst danach, mit fast dreißig Jahren, zog er aus, um Rache zu üben. Er verstrickte sich in Kämpfe mit US-Truppen, nachdem sich das wasserlose Wüstenreservat San Carlos als Todeszone erwiesen hatte. Er kämpfte brutal, hart auch gegen seine Anvertrauten, und natürlich ohne Rücksicht auf Gesetze – und zwar ums Überleben, in einer historischen Situation, die heute als Völkermord klassifiziert wird.
Kaum nötig zu sagen, dass der Araber Osama bin Laden bevorzugter Sohn eines Multimilliardärs war, und als solcher auszog, die Menschen zu töten, die das Geld in die Kassen seines ölreichen Landes spülten.

In Deutschland wurden die Indianer seit Karl May gern zu edlen Wilden verkitscht. Gerade notorisch gutgesinnte Linke haben die Native Americans zu herzensreinen Naturmenschen im Sinne Rousseaus stilisiert.

Die Weisheit der Cree-Indianer – "Wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann ... " – galt hiesigen Kapitalismuskritikern aus dem Milieu der Friedens- und Umweltbewegten als weltliches Evangelium.

In den USA jedoch wirkt ein ganz anderes kulturelles Stereotyp nach. Es ist die Frontier-Zeit, die Grenzlandsituation, die von der Landung der Pilgerväter 1620 bis zur Auflösung letzter freier Indianer-Territorien 1890 reicht. Es ist die Zeit, in der die Rothäute den allermeisten Fremde und Feinde waren, die Zeit auch ihrer allmählichen Ausrottung. Die Bedonkohe-Apache jedenfalls sind nicht davongekommen.

Einfach mal so Osama bin Laden als neuen Geronimo diesem Grundtext der amerikanischen Geschichte einzuschreiben, ist entweder naiv oder zynisch, Geschichtsklitterung ist es sowieso, indem es die Indianer nachträglich dem Terrorismus gegen die eine Nation vor Gott zurechnet.

Von Barack Obama hätte man mehr Namens-Sensibilität erwartet, hat er doch im Wahlkampf selbst erfahren, zu welch hanebüchenen Verdächtigungen sein Zweitname Hussein Anlass gibt.

Ironie der Geschichte: Nun, wo Obama bin Laden zur Strecke gebracht hat, kommt es zumindest im deutschen Sprachraum andauernd zu sinnigen Versprechern.

Wie nämlich heißt der 9/11-Pate? Und wie der Präsident? Der eine heißt jedenfalls nicht Obama bin Laden und der andere nicht Barack Osama. Und nur weil beide gute Redner sind, wird man sie seriöserweise nicht gleich in einen Topf werfen.

Sollte Obama sich die Verwechslung mit bin Laden und dessen Taten verbitten wollen, könnte er es mit den Worten Geronimos tun: "Mein Unrecht ist dagegen wie ein kleiner ausgetrockneter Bachlauf."