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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.03.2015

"Siegfried" am Münchner VolkstheaterMal richtig die Sau rausgelassen

Von Christoph Leibold

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Feridun Zaimoglu (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Hat sich bei "Siegfried" ausgetobt: Feridum Zaimoglu (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Es ist eine derbe und zotige Aufführung von "Siegfried" am Münchner Volkstheater. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel machen aus ihrem Helden einen nicht ganz hellen Terminator. Und so gerät die Aufführung zu einem Fantasy-Comic auf der Bühne. Das macht kein hochgeistiges Theater, aber richtig viel Spaß.

Es war viel die Rede von fragwürdigen männlichen Helden und Frauen, die keine Lust hätten, in deren Schatten zu stehen; und von Zivilisation und Barbarei, wenn Feridun Zaimoglu zuletzt in Interviews Auskunft geben sollte über sein "Siegfried"-Drama, das er zusammen mit Günter Senkel geschrieben hat. Nun, da die Uraufführung durch Christian Stückl über die Bühne des Münchner Volkstheaters gegangen ist, muss man sagen: Von einer ambitionierten Auseinandersetzung mit der germanischen Sagenwelt kann keine Rede sein. Eher von einer Demontage des Heldenmythos mit den Mitteln der Satire.

Bei Zaimoglu/Senkel ist Siegfried so tapfer wie tumb, eine Mischung aus reinem Toren und Terminator, nicht sonderlich hell im Kopf. Finster ist seine Geschichte dennoch nicht. Dass das Autorenduo ein Faible für Derbheiten und Verbalzoten hegt, ist spätestens seit seiner fulminant-fäkalsprachlichen "Othello"-Adaption für Luk Perceval an den Münchner Kammerspielen (2003) bekannt. Auch diesmal wird ausgiebig geferkelt und geflucht – vor allem der notorisch ausfallende Giftzwerg Alberich (Jona Bergander) als ständiger Begleiter an Siegfrieds Seite bringt in jeder Szene mindestens drei Mal das Wort "Fotzenfresse!" unter. Doch statt brachiale Wüteriche (wie das Bühnenpersonal in Zaimoglus/Senkels "Othello"-Neudichtung) sind Zwerge wie Recken im "Siegfried" nur (teils herrlich) bescheuerte Witzfiguren.

Vom Kunstnebel über Bühnenblut bis zum Stoffgedärm

Christian Stückl nimmt diese Steilvorlage dankbar auf. Seine Uraufführung gleicht einem Fantasy-Comic aus dem Geiste der Monty Pythons, mit diebischer Freude am grellen Effekt und Gesangseinlagen zu Live-Musik (gleich zu Beginn röhrt Siegfried "TNT" von AC/DC als gesungene Selbstbeschreibung ins Mikroport: "I'm dynamite"; und nach seinem Tod am Ende steht er nochmal auf, um mit Edith Piaf trällernd zu bekennen: "Je ne regrette rien").

Vom Kunstnebel über Bühnenblut bis zum Stoffgedärm, das aus kopflosen Leichen gekramt wird, um damit Tauziehen zu veranstalten, lässt Stückl nichts aus. Sogar der Drache den Siegfried tötet (und der bei Zaimoglu/Senkel nur in zerhackstücktem Zustand nach vollbrachter Heldentat vorkommt) bekommt einen Auftritt in Gestalt eines als riesigen Pappmaché-Kopfes, der hinter der Felskuppe hervorlugt, die Stefan Hageneier auf die Bühne gebaut hat.

Die Kostüme (ebenfalls von Hageneier) unterstreichen die Comic-Ästhetik der Aufführung ebenso wie des karikierenden Spiels der Darsteller. Der grimme Hagen etwa (Paul Behren) sieht aus wie ein grotesker Witz-Wikinger, der mit den überdimensionierten Flügeln seines Helms ständig im Türrahmen hängen bleibt. Burgunderkönig Gunter (Frederic Linkemann) wirkt im violetten Anzug wie eine Mischung aus abgehalftertem Showmaster und Schalterbeamten aus der Raiffeisen-Bank. Und die Walküren-Königin Brunhild ist bei Robert Josef Bartl eine blondbezopfte Wuchtbrumme von beträchtlicher Leibesfülle, deren Zofe (Oliver Möller) zugleich ihre Personal Trainerin ist, die sie mit gymnastischen Übungen quält.

Nach der Pause geht der Inszenierung etwas die Luft aus

Die Männer sind hier nicht als penisneidzerfressene Schlappschwänze; Memmen, die die eigene Mickrigkeit mit Macho-Gehabe zu überspielen versuchen. Tatsächlich fehlt ihnen die Größe, um einen Schatten zu werfen, in den sich die Frauen stellen könnten. Nur: Die Frauen sind auch nicht besser. Brunhild versucht den besseren Mann zu geben, Kriemhild (der fleischgewordene Zickenalarm: Magdalena Wiedenhofer) ist so von Siegfrieds Sixpack begeistert, dass sie gar nicht zu merken scheint, wie wenig ihr blonder Held in der Birne hat.

Jakob Gessner als Siegfried ist tatsächlich ein sehr blondes Muskelpaket. Die meiste Zeit darf er schwertschwingend in Kettenstrumpfhose und mit blankem Oberkörper über die Bühne turnen, um seinen beneidenswerten Waschbrettbauch zu präsentieren, der nicht nur den schwuchteligen Giselher von Mehmet Sözer nervös macht. Immer wieder verzieht Gessner die Oberlippe zu einer konsternierten Schnute und sieht dabei aus wie einem Ralf-König-Comic entlaufen. Eine ganze Weile lang kann man sich über ihn, seine aberwitzigen Abenteuer und munteren Mitspieler sagenhaft amüsieren. Bis zur Pause schnurrt Christian Stücks groß angelegte Unterhaltungs-Offensive durchaus kurzweilig ab. Nach der Pause allerdings gehen der Inszenierung ein wenig Luft und Ideen aus.

Sei's drum: diese Uraufführung wirkt, als hätten sich mit Stückl und Zaimoglu zwei große Jungs zusammengefunden, die gemeinsam Mal so richtig die Sau raus lassen wollten. Sollte das tatsächlich das Anliegen gewesen sein: Das Ziel wurde weitgehend erreicht. "Siegfried" ist zwar kein großer Theaterabend. Aber ein kapitaler Spaß.

 

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