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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 23.12.2011

Sie wohnten im vierten Stock

"Milk & Honey Tours" bietet Reisen auf den Spuren jüdischen Lebens in Berlin an

Von Christian Find

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Die Neue Synagoge mit dem Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße in Berlin (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)
Die Neue Synagoge mit dem Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße in Berlin (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)

Emigranten, deren Kinder und andere Weitgereiste werden von der Agentur "Milk and Honey" durch Berlin geführt, um das heutige und einstige jüdische Leben kennenzulernen. Die Gäste machen manchmal auch bewegende Hausbesuche.

Jacob Serfati und sein Bruder sind das erste Mal in Berlin. Was ihnen gleich angenehm in den Straßen auffiel, das waren die vielen Menschen hier aus unterschiedlichen Nationen. Die beiden Brüder haben schon in mehreren Ländern gelebt. Geboren in Marokko, fühlten sie sich in dem muslimischen Land bald nicht mehr sicher. Sie gingen nach Venezuela. Aber auch dort wurde es für sie immer prekärer. Dann trennten sich ihre Wege. Während der eine nach Mexiko ging, ließ sich der andere in Miami nieder. Nach Berlin wollten sie gemeinsam reisen.

"Wir wollen immer dazu lernen und versuchen, unseren Kindern zu zeigen, was damals passiert ist. Damit es niemals wieder passiert."

Für viele Menschen jüdischen Glaubens ist Deutschland auch heute noch eine No-Go-Aerea, ein Land, das sie eher meiden. Aber, so sagt es Carolyn Gammon, in den letzen Jahren kämen immer mehr Anfragen, vor allem von Menschen aus den USA. Carolyn ist Tour-Managerin von Milk & Honey und kommt aus Kanada. Wenn die Gäste ihren Slang hörten, dann fühlten sich gleich sicherer:

"Die kommen mit dieser ganzen Last fast, von ihrer eigenen Entscheidung, jetzt gehe ich nach Deutschland, oder die haben einen deutschen Namen. Manchmal lernen die auf der Tour, weil alles, was deutsch war, war verpönt. Die lernen auf ihrer Tour, was ihr Name heißt. Die kommen mit Namen wie Jäger und wissen nicht, dass das Hunter bedeutet, ja? Und die merken, oh mein Gott, diese Sprache, die ich in meiner Kindheit nicht hören sollte, jetzt höre ich das, und, oh mein Gott, ich kann ein paar Wörter, und dann plötzlich sprechen sie ein paar Wörter mit den Taxifahrern."

Carolyn arbeitet schon seit vielen Jahren als Reiseführerin. Zu Milk & Honey kam sie, als das Unternehmen gegründet wurde. Die Agentur entstand vor neun Jahren aus einem Webseiten-Projekt, das anfangs nur Informationen zu aktuellem jüdischen Leben bereitstellte. Als die Anfragen immer konkreter wurden, entschloss man sich, selbst Touren anzubieten, inzwischen in vielen Städten Europas. Eine der Agentur-Gründerinnen ist Noa Lerner. Sie hat Geschichte und Katholische Theologie studiert. Für sie ist Milk & Honey mehr als nur ein Unternehmen, das sie leitet:

"Ich bin selber zum Judentum übergetreten, also ich hab' viel Altes Testament gemacht bei Erich Zenger in Münster, der ja dann irgendwann sich sehr konsequent sozusagen der Marginalisierung des so genannten Alten Testaments quer gestellt hat und den Begriff 'Erstes Testament' eingeführt hat und der so einer der, finde ich, glaubwürdigsten Charaktere in der katholischen Theologie war im Hinblick auf sein Bekenntnis zum Judentum und sein Bekenntnis zum Judentum als gleichwertiger Partner des Christentums. Ja und ich hab viel bei ihm gelernt und eigentlich war's 'ne logische Konsequenz."

Ebenso logisch wie die Verbindung von Theologie mit Geschichte. Immer wieder reisen Noa und Carolyn durch Europa, um neue Orte für ihre Touren zu erkunden. Die liegen manchmal so tief begraben, dass sie erst wiederentdeckt werden müssen:

"Orte haben mich immer interessiert, und das ist natürlich genau die Verbindung auch zwischen der Theologie und der Geschichte. Der Ort, an dem sich irgendwas abgespielt hat und an dem man, glaube ich, eher als durch das Lesen eines Buches erfahren kann, wie Geschichte und wie aktuelles Leben sich kristallisiert. Also Orte im Sinne von real existierenden Orten, aber auch Orten, die mal existiert haben, die wieder zum Leben erweckt werden. Das ist glaube ich das, was mich treibt, diese Orte erfahrbar zu machen und zu einer Geschichte zu verbinden."

Manchmal geschieht es dabei sogar, dass ein Gast plötzlich den Wunsch äußert, seine ehemalige Wohnung aufzusuchen. Dabei kommt es, so erzählt Carolyn, immer wieder zu bewegenden Momenten:

"Einmal haben wir geklingelt in West-Berlin, und das war ein schöner Altbau. Man konnte sehen, das war das Originalhaus, und da waren nur vier Wohnungen. Die Leute konnten die Namen nicht mehr erinnern, aber der Vater hatte einen Zirkus in Berlin geleitet damals, und die hatten diese schöne Wohnung. Auf jeden Fall, wir steigen in diesen Altbau und dann, da war ein Aufzug, und was ist die Chance, dass man in einen Aufzug kommt, es war ein hundert Jahre alter Aufzug, und da kam eine Frau rein, und sie stieg mit uns in den Aufzug, sie hatte ihn mit dem Schlüssel geöffnet, und dann sagte sie: 'Sind die Juden?' Das sagte die Frau, die da wohnte, und ich sagte: 'Ja, die suchen ihr Haus, wo sie damals gewohnt haben, und die wohnten im vierten Stock', und sie sagte: 'Na ich wohne im vierten Stock, wollen sie reinkommen, bei mir und die Wohnung anschauen?' Und sie hat uns dann Tee gemacht und Kuchen serviert, und sie war wunderbar nett. Und das hat den Leuten unheimlich viel bedeutet."

Die beiden Brüder Serfati haben den ersten Tag ihrer Berlin-Tour hinter sich. Sie wollten vor allem das gegenwärtige Berlin kennen lernen. Besonders beeindruckt habe sie deshalb, wie diese Stadt auch ihre dunkle Vergangenheit sichtbar mache:

"Ich habe von den Deutschen jetzt ein besseres Bild als früher. Weil ich weiß, dass ihr jetzt auf dem richtigen Weg seid. Das ist einer der besten Eindrücke, die ich bisher bekommen habe. Die Geschichte lehrt uns ja, dass die jüdischen Menschen immer verfolgt wurden, und wenn du riechst, dass da was falsch läuft, dann musst du gehen. Das ist der Unterschied zu früher, dass wir nicht gegangen sind. Aber alle Leute, die in diesem Jahrhundert leben, wissen jetzt, was in der Geschichte passiert ist. Wenn du jetzt merkst, dass was falsch läuft, gehst du schneller weg, weil die Geschichte lehrt, dass vielleicht etwas passieren könnte, was du nicht willst."

Informationen von Milk & Honey

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