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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.06.2009

"Sie ist nicht in der Lage, diesen Runden Tisch zu führen"

Verein ehemaliger Heimkinder kritisiert Antje Vollmer

Heinz-Jürgen Overfeld im Gespräch mit Andreas Müller

Viele Heimkinder der 50-er und 60er-Jahre trugen seelische Schäden davon.  (Stock.XCHNG / Marinka van Holten)
Viele Heimkinder der 50-er und 60er-Jahre trugen seelische Schäden davon. (Stock.XCHNG / Marinka van Holten)

Heinz-Jürgen Overfeld hat die Zusammensetzung des Runden Tisches Heimkinder kritisiert. Antje Vollmer, die Leiterin des Gremiums, sei "nicht unvoreingenommen", sagte der Vizevorsitzende des "Vereins ehemaliger Heimkinder".

Andreas Müller: Bei mir zu Gast ist jetzt der zweite Vorsitzende des Vereins der ehemaligen Heimkinder e.V., Heinz-Jürgen Overfeld. Schönen guten Morgen!

Heinz-Jürgen Overfeld: Schönen guten Morgen!

Müller: Herr Overfeld, bevor wir über die Möglichkeiten einer Entschädigung oder Wiedergutmachung reden, lassen Sie uns kurz über Ihre Erfahrungen sprechen. Sie selbst sind vor ein paar Jahren schwer psychisch erkrankt, offenbar als Folge Ihrer Heimunterbringung. Was haben Sie erlebt?

Overfeld: Ich bin nicht psychisch erkrankt, ich hatte eine Amnesie. Amnesie ist ein Schutzmechanismus des Körpers, weil ich gut verdrängen kann, vergessen kann und wieder verdrängen und wieder vergessen, und irgendwann sagt der Körper, so nicht mehr und dadurch kam dann die totale Amnesie. Dann habe ich auch eine Therapie gemacht, denn ich musste ja auch meine Biografie irgendwie wiederbekommen, und dann hat man festgestellt, dass über das Medium Musik die Erinnerungen wiederkommen.

Und so ist es auch passiert. Wenn ich mich ans Klavier gesetzt habe, kamen die Erinnerungen, und die wurden von Mal zu Mal immer schlimmer. Es waren nur Horrorgeschichten, die da passiert sind, und nach wie vor kann ich mich nur von meinem 4. Lebensjahr bis zu meinem 21. erinnern und dann bis zum 12.04.2005 – alles nur recherchiert, meine ganze Biografie, nur recherchiert.

Müller: Was haben Sie erlebt, was mussten Sie da verdrängen?

Overfeld: Was ich dort in den Heimen erlebt habe? Gut – diese Arbeit. Ich habe mich immer geweigert, diese primitiven Arbeiten zu machen, und das hatte zur Konsequenz, dass man dort in den, man nannte es Besinnungsräumen, das ist so wie eine Gefängniszelle, eingesperrt wurde, und das manchmal Tage oder, wie bei mir, auch wochenlang. Und dann hat man mich ausgehungert, ich habe tagelang nichts zu essen gekriegt, nur morgens einen Pott Kaffee, und nachts kamen dann die Priester mit Kuchen, Bier – da müssen Drogen oder irgendwas drin gewesen sein –, und die haben uns dann lahmgelegt und sind dann über uns hergefallen, sexuell missbraucht, aber in der schlimmsten Form, die man sich vorstellen kann.

Und das … Ich war sechs Jahre in dem Heim. Ich war mindestens, wenn man das hochrechnet – ich habe das mal versucht, hochzurechnen –, zwei Jahre in Einzelhaft, und immer diese sexuellen Missbräuche. Natürlich bin ich immer geflohen, und dann auch die Schläge, wenn irgendwas war. Und die letzte Erinnerung, die ich habe, das war ein in Berlin bekannter Pater, der hat uns zur Prostitution gezwungen. Ein guter Freund von mir, mit dem ich damals in dem Heim gelebt habe, der hat sich dann umgebracht, weil er das nicht mehr ertragen konnte, und wir sind dann in ein Nachbardorf gefahren, in eine Kneipe, und da wurden wir – auch mit Drogen wieder oder Medikamenten, was auch immer da drin war – betäubt und mussten dann billig sein, und die haben das Geld dafür kassiert.

Müller: Das sind furchtbare, das sind erschreckende Erlebnisse, die viele andere auch erlebt haben in den 50er-, 60er-Jahren, bis in die 70er-Jahre hinein. Nun endlich soll offen darüber geredet werden. Es soll daran gearbeitet werden. Es gibt einen Runden Tisch, der ist auf Initiative des Vereins ehemaliger Heimkinder zustande gekommen im Winter dieses Jahres noch, es gab mehrere Sitzungen, am kommenden Montag wird er wieder tagen. Sie kritisieren dieses Gremium, das Sie aber selbst doch eigentlich mit initiiert haben. Warum?

Overfeld: Dieses Gremium unter Leitung der Antje Vollmer, die ich als Politikerin immer sehr geschätzt habe – sie ist nicht in der Lage, diesen Runden Tisch zu führen. Erstens ist sie nicht unvoreingenommen, so wie der Deutsche Bundestag es beschlossen hat, es muss eine unvoreingenommene, neutrale Person diesen Tisch leiten. Frau Antje Vollmer ist Pastorin, Frau Antje Vollmer hat in Bethel erzieherische Aufgaben gehabt und sie ist nicht frei.

Müller: In Bethel bei Bielefeld, das ist eine ganz große Einrichtung insbesondere für geistig behinderte Kinder.

Overfeld: Ja, da hat sie gearbeitet, sie ist nicht frei. Und wir vom Verein ehemaliger Heimkinder haben beschlossen, dass wir, damit der Tisch erst mal tagen kann, vorläufig drei Leute benennen, die dort hingehen, bis wir unseren Verein im Griff hatten, das war ja alles noch in den Anfängen, und da haben wir neue Leute gestellt, die jetzt ständig, bis zum Ende, an dem Tisch sitzen sollen. Dazu zählen unsere Anwälte, ich und noch zwei oder drei andere Leute, die dort am Tisch sein sollten, und das wird uns verweigert, weil nämlich die Leute, die jetzt dort sitzen, einen Schmusekurs eingegangen sind mit Frau Vollmer und diesem ganzen Verein.

Müller: Sie sagen also, dass, beziehungsweise, es war ja so, dass Ihr ehemaliger Vorsitzender, das war Herr Wiegand, der übrigens nicht mehr Vorsitzender des Vereins ist, der abgewählt wurde, aber eben weiter in diesem Gremium sitzen soll, dass das nicht richtig ist, unter anderem, weil er eine zu große Nähe zu Antje Vollmer zum Beispiel habe?

Overfeld: Ja.

Müller: Aber den Runden Tisch als Gremium als solches lehnen Sie nicht ab?

Overfeld: Nein, nur so, wie er jetzt zurzeit da geführt wird. Und jetzt, nachdem wir dem Kind einen Namen gegeben haben, … Das war ja bislang auch immer so: Was wollen die eigentlich? Das war einmal die Entschuldigung, dass das Unrecht anerkannt wird, und natürlich auch eine finanzielle Entschädigung. Und dann haben wir uns ein bisschen an Irland, an Norwegen und an Kanada gehalten, haben den untersten Wert genommen, hochgerechnet, und das sind halt 25 Milliarden Euro. Und jetzt fangen die Leute, gerade die Träger von diesen Heimen, fangen an zu rotieren. Jetzt geht es da hinaus, man will jetzt eine Einzelfallprüfung einführen, und das ist unmöglich. Wer kann all diese Taten beweisen? Wer kann das schon?

Müller: In Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Heinz-Jürgen Overfeld, dem zweiten Vorsitzenden des Vereins der ehemaligen Heimkinder e.V., dieser Verein fordert 25 Milliarden Euro Entschädigung für Unrecht, das Kindern in deutschen Heimen wiederfuhr. Herr Overfeld, man muss das noch einmal nennen, diese Zahl, 25 Milliarden Euro, die ist jetzt auf dem Tisch. Sie haben mit Michael Witty einen sogenannten Staranwalt, eine sehr schillernde Figur engagiert. Kann man vor diesem Hintergrund denn tatsächlich dann noch sachlich miteinander reden?

Overfeld: Ja, natürlich. Ich weiß nicht, ob es irgendjemanden gibt am Runden Tisch oder auch hier, der eine Biografie mit D-Mark oder Euro aufrechnen kann. 50.000 ist nur eine Erfahrung.

Müller: Also, 50.000 Euro, das ist ungefähr das, was Sie pro Person ausgerechnet haben.

Overfeld: Ja. 500.000, man geht mittlerweile von 600.000 bis 800.000 aus. Wir haben aber 500.000 gesagt, um die Summe niedrig zu halten.

Müller: Sie meinen damit Kinder, die Opfer dieses Systems von damals …

Overfeld: Opfer dieses Systems waren, und vornehmlich in katholischen und evangelischen Häusern.

Müller: Woher sollen denn die 25 Milliarden dann kommen? Sollen das die Kirchen bezahlen oder der Staat?

Overfeld: Weder noch, da kommt noch eine dritte Größe dazu, und zwar die Firmen, die sich dort bereichert haben. Es waren große Firmen, Matratzenfirmen, Autozuliefererfirmen, in der Landwirtschaft haben die Leute teilweise gearbeitet, und die haben richtig Geld verdient. Aber wir Kinder, wir waren damals noch Kinder, wir haben nie etwas gekriegt.

Müller: Sie haben es eben schon angedeutet: Kann man mit dem Geld die erlittenen Traumata eigentlich lindern?

Overfeld: Nein. Nein, das kann man nicht. Man kann mit diesem Geld vielen Leuten einen etwas ruhigeren Lebensabend gestalten. Mehr ist das nicht. Und diese Summe soll ja auch nur ein Zeichen des guten Willens sein von der Gegenseite, dass sie das akzeptieren. Ein paar nette Worte, es tut uns leid, wie der Papst – Entschuldigung – in Amerika gesagt hat, tut uns leid, und dann nie wieder was gehört.

Müller: Also, es wäre eine Geste zum einen, die Entschuldigung ist auch fällig, aber was muss noch passieren? Ist es damit getan oder wie sollte noch diese Geschichte hier noch aufgearbeitet werden?

Overfeld: Die Schwersttraumatisierten, die Schwersttraumatisierten, die müssen sofort in Therapie, und das muss bezahlt werden. Die Krankenkassen zahlen das nicht oder nur, wenn körperliche Schäden zu erwarten sind.

Müller: Die Arbeit des Runden Tisches ist auf etwa zwei Jahre angesetzt. Sie selbst stehen, im Moment jedenfalls, außen vor, erfahren bestenfalls aus der Presse, was dort verhandelt wird. Mir scheint, dass Sie sich mit dieser Situation nicht zufriedengeben wollen beziehungsweise können. Was planen Sie jetzt?

Overfeld: Es darf und kann nicht angehen, dass ein Gremium errichtet wird im Auftrage des Deutschen Bundestages und auch vom Deutschen Bundestag finanziert wird, … Die Teilnehmer an dem Runden Tisch, die hat der Deutsche Bundestag festgelegt und da steht an allererster Stelle: Vertreter ehemaliger Heimkinder e.V. Das sind wir, und wir schicken die Leute dorthin und lassen uns nicht von der Frau Vollmer bestimmen, wer dort hinkommt. Dieser Runde Tisch muss neu besetzt werden, und zwar von unserer Seite her, und das heißt: Anwälte. Die Gegenseite hat sechs oder sieben Volljuristen dort sitzen, in der Position von Vorstandsvorsitzenden, Diakonie oder wie sie alle heißen, und wir dürfen keine Anwälte dort haben. Und wir werden auch in den nächsten Wochen, wenn wir jetzt die Anwälte am Montag nicht hinkommen, den Deutschen Bundestag informieren und Konsequenzen fordern.

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