Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Thema / Archiv | Beitrag vom 19.01.2007

Sie hat einen enormen "Flurschaden" hinterlassen

Désiréé Nick kritisiert das "Eva-Prinzip"

Moderation: Gabi Wuttke

Zurück an den Herd? (AP)
Zurück an den Herd? (AP)

Sie sind menschenverachtend, volksverhetzend und rassistisch - das ist das Urteil von Désiréé Nick über die Thesen der Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann. Das ganze "Eva-Prinzip" sei eine Kette von Falschmeldungen, sagte die Entertainerin. Und weil nicht einmal Alice Schwarzer die Kohlen aus dem Feuer geholt habe, habe sie eben das Buch "Eva go home" schreiben müssen.

Gabi Wuttke: Schweigen hieße Zustimmung -sagt Désiréé Nick. Und weil beim "Eva-Prinzip" nicht mal Alice Schwarzer die Kohlen aus dem Feuer geholt hat, meint die Entertainerin, musste sie eben selbst eine Gegenschrift zu Eva Hermanns Anklage an die berufstätige Frau verfassen. Das ist schon hübsch zu beobachten, wie die Mediengesellschaft sich selbst ständig neu gebiert: Auf die Thesen der inzwischen Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann über die wahre Bestimmung der Frau, folgte eine Riesenaufregung. Das war schön für Frau Hermann, denn ihr Buch verkauft sich prima. Nun schießt eine Blondine aus vollen Rohren zurück: Desiréé Nick, allein erziehende Mutter und Entertainerin, hat ein neues Buch geschrieben. Der Titel: "Eva go home".
Frau Nick, Eva Hermann sitzt ja bereits gemütlich zu Hause. Wohin soll sie noch?

Désiréé Nick: Das stimmt ja gar nicht. Wenn sie mal zu Hause säße, hätte sie ein Mindestmaß von Glaubwürdigkeit, aber es ist ja eher heuchlerisch, wenn sie ganz Deutschland verordnet, wie man als Frau zu leben habe, nämlich als Hausfrau und Mutter, und Eva Hermann hat ja Berufe, angefangen von der Nachrichtenaussteigerin, die sie ist. Dafür ist ja an diese Position der Beruf der Provokateurin getreten, und sie hat natürlich immer noch ihre laufende eigene Sendung "Hermann und Tietjen", also ich meine, vor Alice Schwarzer, da wäre so was wie Eva Hermann als Hexe verbrannt worden.

Wuttke: Sie gelten ja auch quasi als Hexe, die eigentlich hätte verbrannt gehört vor einigen Jahrhundert.

Nick: Warum, weil ich die Menschen lachen mache? Ist doch ausgesprochen harmlos, was ich tue. Wenn man mal die Nachrichtenlage Tag für Tag beobachtet, und da kommt eine Frau und macht alle einfach nur lachen, unterhält mit Satire, und die hat sich zu rechtfertigen? Ich glaube, da läuft doch in den Köpfen einiger Leute ziemlich falsch.

Wuttke: Sprechen Sie jetzt mit mir oder sprechen Sie mit Ihrem vorgestellten Leser?

Nick: Wir unterhalten uns, nee, generell. Ich spreche natürlich in erster Linie mit Ihnen, aber generell ist es doch so, dass eine Frau, die nichts weiter tut als die Menschen lachen machen durch ihre Bücher, durch ihre Shows, sich zu rechtfertigen hat. Das ist doch eigentlich schon eine Tragödie.

Wuttke: Aber wir wollen jetzt sprechen über Ihr Buch, wir wollen darüber sprechen, was Sie an Eva Hermann und dem Eva-Prinzip so provoziert hat, dass Sie jetzt ganz offensichtlich auch so sauer sind, sich immer rechtfertigen zu müssen.

Nick: Nee, es hängt nur alles mit allem zusammen, und auch dass das Eva-Prinzip überhaupt so ein Forum bekommen hat. Es hängt immer alles mit allem zusammen. Man hätte ja diesem Buch gar nicht erst so ein Forum geben müssen, und wenn es schon ein solches Forum bekommen hat, dann sollte doch auch der Gegenstimme eine Chance, vernommen zu werden, gegeben werden.

Wuttke: Sie haben eine Chance.

Nick: Ja, die habe ich ja selber genutzt aus mir heraus, indem ich vergeblich darauf gehofft habe, dass vielleicht eine Alice Schwarzer, dass vielleicht irgendeine Politikerin oder auch ein Mann die Kohlen aus dem Feuer holt und den enormen Flurschaden, den Frau Hermann hinterlassen hat, bereinigt, aber wieder mal musste eine Alleinerziehende, laut Hermanschem Prinzip suizidal veranlagte, depressive Karrierefrau im Nadelstreifenanzug auch noch, was ja für Frau Hermann laut ihres Buches die Achse des Bösen ist, diese Arbeit machen und das Buch, was sie gerne gelesen hätte, selber schreiben.

Wuttke: Désiréé Nick, Sie wissen, dass ich Sie jetzt dafür nicht bemitleiden kann, denn Sie haben hier das Forum, Sie haben das Buch geschrieben, und jetzt sagen Sie uns doch mal, Sie haben jetzt ziemlich akribisch auseinander genommen, was Eva Hermann geschrieben hat und was Sie so ganz und gar nicht abkönnen. Also was ist es denn nun, was Sie wirklich all allein erziehende Mutter und als Karrierefrau so furchtbar wurmt?

Nick: Es ist ja gar kein Buch, es ist eine Kette von Falschmeldungen, und es ist mir ziemlich schwer gefallen, dieses Buch zu Ende zu lesen, das musste ich ja tun, weil ja sauber recherchiere, denn ich musste feststellen, dass das, was als Schlagzeile in der Öffentlichkeit angekommen ist, also Frauen sollen den Mund halten, zurück an den Herd und so weiter, dass das der Öffentlichkeit doch in sehr weichgespülter Form verabreicht wurde, denn das, was man vorfindet, wenn man das Eva-Prinzip wirklich liest, das sind Parolen, die menschenverachtend, volksverhetzend sind und ausgesprochen rassistisch, und das kann nicht das letzte Wort gewesen sein, was zu diesem Thema gesagt wird, denn Schweigen würde in einem solchen Fall ja Zustimmung bedeuten.

Wuttke: In der schönen neutralen Schweiz hat man ziemliche Schwierigkeiten nachzuvollziehen, warum wir uns in Deutschland eigentlich so über Eva Hermanns Buch so aufregen. Man mutmaßt, dass Eva Hermann doch irgendwie eine Achillesferse, einen wunden Punkt bei deutschen Frauen gefunden hat. Selbstkritisch gesehen, Frau Nick, ist da ein Punkt?

Nick: Ich finde, es ist ein Punkt, wenn man die Hälfte aller Bundesbürger schon mal von Hause aus über den Kamm scherend diskriminiert, denn sie schreibt ja wortwörtlich, dass alle Ostzonalen Krippenopfer sind, dass das Seelenkrüppel sind, zutiefst gestörte Menschen wortwörtlich, ich zitiere, und, wie gesagt, alle Alleinerziehenden, die sind suizidal, depressiv gefährdet. Einerseits schreit sie nach mehr Kindern und Hilfe, wir sterben aus, andererseits denkt sie selbst nicht daran, irgendeins zu adoptieren, denn die Heime in Deutschland platzen aus allen Nähten. In unserem schönen Wohlstandsland gibt es Wartelisten für Kinderheime, und wenn dann Alleinerziehende oder gar Ostzonale Kinder kriegen, veranstaltet sie einen Feixtanz. Außerdem breitet sie über viele Seiten aus, dass jede berufstätige Frau suchtgefährdet ist, nämlich abhängig von der Droge Arbeit, dass dadurch der Hormonhaushalt sich total verschiebt. Pickel sind der Preis des Erfolges, das Business-Kostüm, der Hosenanzug und das flache Schuhwerk treiben Männer in die Zeugungsverweigerung. Also es ist ein solcher Müll, dass es eine Schande wäre, wenn man das so stehen ließe und keine Gegenthese vorlegt, denn sie gibt generell allen berufstätigen Frauen die Schuld für alles. Im Buch macht sie die Frauen verantwortlich für Brustschwund, für Kinderschwund, für Gefühlsschwund, für Männerschwund, für Rentenschwund, und ich muss sagen, wenn man darauf nicht antwortet, dann leidet man selbst an Hirnschwund.

Wuttke: Trotzdem noch mal auf meine Frage zurückzukommen, nämlich nach der Selbstkritik. Ich meinerseits zitiere jetzt einfach Frau Hermann und sage, der Kampf der Gleichberechtigung hat bei den Frauen, die für die Gleichberechtigung gekämpft haben, Spuren hinterlassen. Ist das falsch?

Nick: Vollkommen. Man findet überall Extrembeispiele, aber sie ist ja eine unseriöse Hobbysoziologin.

Wuttke: Auch Sie sind eine Hobbywissenschaftlerin in diesem Punkt.

Nick: Überhaupt nicht. Ich bin immerhin studierte Theologin und würde mich nie wagen, zu Thematiken und Bereichen etwas beizusteuern, bei denen ich mich nicht auskenne. Aber alleine schon diese Terminologie des Sündenfalls und der Adam und Eva Parade, welche Frau Hermann in ihrem Machwerk fortwährend bedient, versteht sie völlig falsch. Sie hat nicht einmal begriffen, dass der Sündenfall und das Gleichnis von Adam und Eva die erste Parade der Gleichberechtigung ist, denn die Bibel hat uns kein Happy End versprochen. Die erste Begegnung in der Bibel, die Frau Hermann immer wieder herbeiführt, also sie spielt sich ja selber auf sozusagen als selbsternannte Heilsbringerin, als Mutter Genesungsanwärterin und als Weltretterin, und wenn man dann einmal in ihr Buch wirklich schaut, dann muss man sich wirklich fragen, ist die Frau noch bei Trost und kann sie allen Ernstes damit gerechnet haben, dass so etwas unbeantwortet bleibt. Ich meine, wenn ich so etwas vorlege, dann auch noch als Prinzip, als soziologisches, dann darf ich mich nicht wundern und muss es auch ertragen, wenn die Gegenthese vorgelegt wird.

Wuttke: Und mit Ihrem Buch sind Sie jetzt auch eine selbsternannte Heilsbringerin?

Nick: Überhaupt nicht. Ich habe einfach seriös recherchiert und festgestellt, dass das Eva-Prinzip eine Kette von Falschmeldungen ist, weil schon wie bei einem Puzzleteil die einzelnen Fragmente, die Statistiken, alles, was sie vorlegt, an den Haaren herbeigezogen ist, ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt, wie Pipi Langstrumpf. Ich gebe ein Beispiel: Da hat sie drei Freundinnen, den so genannten Selbstmörderinnenclub e.V., die allein erziehend sind, mit denen ist sie nach Sylt gefahren. Dort schreibt sie, ergießt sich über 20 Seiten, wie sich alle kollektiv umbringen wollten, also am Abgrund standen tief verzweifelte Frauen, weil sie arbeiten müssen und Kinder haben, und dann war es das auch schon in der wissenschaftlichen Recherche einer Frau Hermann. Sie geht dann tatsächlich nach Hause, wendet diese drei Frauen als Forschungstierchen und leitet davon ab, so geht es allen allein erziehenden Müttern. Fakt ist aber, dass wir in Deutschland 2,2 Millionen Alleinerziehende haben. Wenn davon auch nur ein Fünkchen Wahrheit wäre, müsste sich ja ein Drittel umbringen laut Frau Hermann, und so macht sie es mit allem fortwährend. Wissen Sie, das Eva-Prinzip ist wie eine falsch geknöpfte Weste. Schon die Grundvoraussetzungen, das heißt der oberste Knopf, da hat sie sich schon verknöpft, weil die ganzen Zutaten ihrer Apfelkuchenphilosophien verdorben sind, und wenn Sie nun also die Weste weiter zuknöpfen, dann wird es nach unten hin immer schräger.

Wuttke: Müssen Sie für die Präsentation dieses Buches eigentlich auch beim Lesen schon Baldrian nehmen?

Nick: Also sie sagt ja, alle berufstätigen Frauen sind drogensüchtig, wie gesagt, der Droge Arbeit verfallen, haben alle Hormonstörungen, was man an den Pickeln sieht, und sie bezichtigt dann auch alle diese Frauen als suchtgefährdet. Man sei süchtig nach Arbeit, man sei süchtig nach Erfolg, man könnte Ruhe und Häuslichkeit überhaupt nicht mehr ertragen, und als ich diesen Schwachsinn gelesen habe im Eva-Prinzip, da allerdings dachte ich, ja, da hast du Recht, damit ich dein Buch zu Ende lese, da muss ich auch anfangen Tabletten zu nehmen oder zu trinken.

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur