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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 27.02.2019

Sicherer SchulwegKampf um einen Zebrastreifen

Von Axel Schröder

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Kinder überqueren einen Zebrastreifen. (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)
Die Hamburger Polizei sieht im Zebrastreifen sogar eher eine Gefährdung der Kinder, da sie sich sicher fühlen und in Wirklichkeit nicht sicher sind. (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)

Ein Zebrastreifen vor einer Hamburger Schule soll verschwinden. Die Eltern sind besorgt um die Sicherheit ihrer Kinder. Die Hamburger Polizei antwortet: Der Zebrastreifen gefährde die Kinder erst recht.

Morgens früh um viertel vor acht haben Sophie und Charlotte ihre Schulranzen geschultert. Die zwei Schwestern, sechs und sieben Jahre alt, machen sich auf den Weg zur ihrer Grundschule, zur Max-Traeger-Schule in Hamburg-Eidelstedt. Mit dabei ist heute auch ihre Mutter, Alexandra Hebart.

"Letzte Woche sind sie das erste Mal ganz alleine da hingegangen. Und dann habe ich ihnen gesagt, sie können am Zebrastreifen warten. Und wenn sie sehen, dass da ein Erwachsener mit rübergeht, dass sie dann mit rübergehen. Und das hat super geklappt! Und da sind sie so stolz. Sieht man an ihren Gesichtern!"

Die beiden Mädchen können sich nicht beschweren. 250 Meter sind es bis zur Schule. Und die einzige Gefahrenstelle ist der Zebrastreifen am Baumacker, an der Straße, an der die Schule liegt.

"Und jetzt geht mal zum Zebrastreifen. An die Hand! So wie immer! Guckt mal und wenn es sicher ist, dann geht ihr über die Straße."

Die beiden schauen nach links, nach rechts, wieder nach links. Vorbildlich. Die Mädchen winken kurz zum Abschied, biegen rechts auf den Schulhof. Zehn Meter vor dem Zebrastreifen parkt ein Vater kurz seinen Wagen, lässt sein Kind aussteigen, fährt wieder ab. Gleich danach hält das nächste Elterntaxi. Und Alexandra Hebart fragt sich, warum bei all dem Verkehr der Zebrastreifen im Sommer verschwinden soll:

"Alle fünf Minuten kommt ein Bus vorbei. Dann kommen immer mehr Leute, die ihre Kinder bringen. Die halten dann hier direkt vor dem Zebrastreifen und lassen ihre Kinder raus. Und andere wollen dann überholen. Bisschen unübersichtlich manchmal. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das wäre, wenn der Zebrastreifen nicht da wäre. Dann gäbe es keinen Ort, wo wir wüssten, dass die Kinder das Recht haben, über die Straße zu gehen."

Eltern befürchten, dass der Schulweg gefährlicher wird

Aber im Juni soll die Straße erneuert werden und dann entfalle der Bestandsschutz für den Überweg. Dann wird es vor der Schule keinen Zebrastreifen, im Amtsdeutsch: keinen "FGÜ", keinen Fußgängerüberweg mehr geben. Die Begründung: Der Baumacker sei eine Tempo 30-Zone und dort seien FGÜs "in der Regel entbehrlich". So schreiben es die "Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen", die "R-FGÜ 2001" vor.

Annekathrin Wurz vom Elternrat der Schule beeindruckt das nicht. Wenn der Zebrastreifen nicht mehr da sei, dann werde der Schulweg gefährlicher. Und das hätte Folgen:

"Wenn der Zebrastreifen verschwindet, dann werden noch mehr Eltern ihre Kinder zur Schule fahren. Dann wird es eigentlich noch schwieriger, die Kinder zu Fuß zur Schule zu schicken."

Die Behörden sagen, ein Zebrastreifen sei nicht nötig

Das zuständige Bezirksamt Hamburg-Eimsbüttel möchte zu dem Thema kein Interview geben. Der Behördensprecher teilt schriftlich mit, dass der Eingang zum Schulhof vor einigen Jahren rund 40 Meter verlegt wurde und deshalb kein Bestandschutz für den heutigen Zebrastreifen besteht.

Der Zebrastreifen, im Amtsdeutsch der Fußgängerüberweg (FGÜ), vor der Hamburger Max-Traeger-Schule. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Der Zebrastreifen, im Amtsdeutsch der Fußgängerüberweg (FGÜ), vor der Hamburger Max-Traeger-Schule. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Auch die Polizei war schon vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Ein Interview mit den zuständigen Beamten vom Polizeikommissariat 27 lehnt die Pressestelle zwar ab. Aber es gibt einen Brief aus dem Kommissariat an Annekathrin Wurz vom Elternrat der Schule. Darin heißt es:

Ein neuer FGÜ sei nur erforderlich, "wenn gebündelt an einer Stelle starker Verkehr und eine hohe Fußgängerdichte gegeben sind. Diese Voraussetzungen konnten wir durch persönliche Inaugenscheinnahme am 19.02.2019 am besagten FGÜ nicht feststellen."

Die Schulleitung hat sich in den Streit eingeschaltet

Der starke Verkehr durch Busse und Elterntaxis und die hohe Anzahl von Kindern, die die Straße am frühen Morgen überqueren, reichen für einen neuen FGÜ offenbar nicht. Auch die Schulleiterin Marlies Flügge hat sich in den Streit eingeschaltet, mit der Polizei vor Ort gesprochen und erstaunliche Antworten bekommen.

"Das Argument der Polizei ist unter anderem, dass der Zebrastreifen eher eine Gefährdung der Kinder darstellt, da sie sich sicher fühlen und in Wirklichkeit nicht sicher sind. Zumal die parkenden Autos den Kindern die Sicht versperren."

Aexandra Hebart will trotzdem noch nicht klein beigeben. Dazu sei es einfach zu wichtig, den Schulweg der Kinder so sicher wie möglich zu machen. Und dazu sind ihr die Begründungen der Polizei einfach zu absurd:

"Ich weiß nicht. Mir fehlen einfach die Worte. Dass es nicht möglich ist für Kinder, sicher auf ihrem Schulweg über die Straße zu kommen. Sorry. Da muss man dann vielleicht einfach sagen: Wir müssen vielleicht an der Straßenverkehrsordnung was ändern."

Das wäre im Fall der Straße Baumacker aber gar nicht nötig. Die Richtlinie "R-FGÜ 2001" sieht Ausnahmen durchaus vor. Aber auf die möchten weder das Bezirksamt noch die Hamburger Polizei näher eingehen. Eine Polizeisprecherin erklärt am Telefon: "Das ist jetzt eben so." Ende der Durchsage.

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