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Fazit | Beitrag vom 24.10.2020

Sibylle Bergs neues Stück am Gorki-TheaterZwischen Luxusurlaub und linkem Engagement

Von André Mumot

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Katja Rieman blickt gen Himmel und hält eine Fackel in der Hand. (Esra Rotthoff)
Katja Riemann ist eine Film- und Fernsehberühmtheit und zählt zum weißen Mainstream. Aus dieser Position heraus spricht auch die von ihr dargestellte Figur. (Esra Rotthoff)

In Sibylle Bergs „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" spielt Katja Riemann eine Sterbende, die frustriert und voller Selbstmitleid auf ihr Leben zurückschaut: eine überraschende Besetzung in einem abgründigen Stück.

Es ist ein ziemlich überraschender Coup. Ausgerechnet das Berliner Maxim-Gorki-Theater, das es sich zur Aufgabe macht, marginalisierten und diversen Positionen und Perspektiven eine Bühne zu bieten, engagiert für seine neue Produktion eine Starschauspielerin, die man, den Diskursen des Hauses folgend, doch eher dem privilegierten Spektrum zuordnen kann: Katja Riemann, Fernseh-, Film- und gelegentlich auch Theaterberühmtheit, reiht sich ein in den Chor der Darstellerinnen im neuen Stück von Sibylle Berg.

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Eine Besetzungsidee, die aber schon deshalb aufgeht, weil sie die Position aufgreift, um die es im Text geht: Hier spricht eben keine Frau, die vom Rand der Gesellschaft aus argumentiert, sondern eine Protagonistin, die zum weißen Mainstream gehört, die im kapitalistischen System Erfolge und Niederlagen erlitten hat, in deren Leben es um Statussymbole geht, aber auch ums richtige Bewusstsein. "Wir unterhalten uns altersmüde über unsere Ferienhäuser, die wir Zweitwohnsitz nennen. Die dauernd ausgeraubt werden. Auch von Elektroautos, Weinen, Putzleuten und Umluft-Öfen ist die Rede", heißt es da.

Depressiv gestimmte Suada

Es ist der vierte und offenkundig letzte Teil einer Reihe von Stücken, die Sibylle Berg für Frauenensembles (und Gäste) geschrieben und die Sebastian Nübling im Maxim-Gorki-Theater inszeniert hat – angefangen mit "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen", über "Und dann kam Mirna" bis zu "Nach uns das All". Nun also "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden", der Abschiedsmonolog einer Sterbenden, die frustriert und selbstmitleidig auf ihr Leben zurückschaut. Kein grantig-sarkastischer Komödientext diesmal, sondern eine depressiv gestimmte Suada über die Vergeblichkeit von allem – vorgetragen von Katja Riemann, Vidina Popov, Svenja Liesau und Anastasia Gubareva.

Foto von der Inszenierung: Vier Frauen in Bademänteln stehen im Kreis vor Mikrofonen und Instrumenten. (Ute Langkafel MAIFOTO)Manchmal schießt die Inszenierung übers Ziel hinaus und wirkt kraftmeierisch und krachledern. (Ute Langkafel MAIFOTO)
Natürlich sind es nicht zuletzt die Männer, die dem Glück der Ich-Figur im Wege gestanden haben: "Wir befolgen eure Gesetze, leben in euren Häusern, fahren in euren Autos. Und wenn wir zu anstrengend werden, erschlagt ihr uns einfach." Aber in diesem Berg-Text ergibt sich neben kolumnengewohnter Angriffsprosa doch ein differenziertes, komplexeres Bild.

Resümee eines Lebens

Die Frau, die am Ende nur noch mit einem Bombenanschlag auf Turbokapitalisten einen Sinn in ihr zu Ende gehendes Leben bringen mag, ist selbst alles andere als eine reine Identifikationsfigur. Linkes Engagement und Luxusurlaube, Liebesverbitterung und Unverständnis gegenüber der zornesbewegten Generation ihrer Tochter verbinden sich zum Resümee eines Lebens, das scheinbar vor allem eines gewesen ist: eine große narzisstische Kränkung.

Bei der Berliner Uraufführung schließt Sebastian Nübling inszenatorisch vielleicht doch allzu nahtlos an die Vorgängerabende an, versucht, auch diesem Text möglichst viel aufgekratzte, rhythmische Aggressivität zu verleihen und ein Höchstmaß an gesellschaftskritischer Komik aus der ungewohnt ambivalenten Introspektion herauszuholen. Die Darstellerinnen drehen dabei gehörig auf, nicht zuletzt Svenja Liesau in einer ausgedehnten Trunkenheitsimprovisation, die auf die Dauer doch etwas zu krachledern ausfällt.

Dokumente eines schmerzhaften Scheiterns

Fast, als hätte die Inszenierung Angst vor den wirklich frustrierenden Abgründen des Textes, verfällt sie vor ihrem düsteren, schmucklosen Bühnenhintergrund immer wieder auf allzu laute Kraftmeierei, auf dröhnende Musikeinlagen an vier Synthesizern und deklamierten Chorpassagen, die sich anhören wie allzu selbstgewisse Verlautbarungen. 

Trotzdem ist es dem virtuosen Schauspielerinnen-Quartett in Krankenhausbademänteln zu verdanken, dass sich immer wieder starke, eindringliche Momente ergeben, zärtliche, sehnsüchtige Rückblicke, Dokumente eines schmerzhaften Scheiterns an inneren und äußeren Umständen. "Und dann fällt mir nicht ein, was ich hätte anders machen können", heißt es einmal wie nebenbei. Und das ist dann vielleicht der schlichteste, stärkste, wahrste Satz des Abends.

"Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" von Sibylle Berg
Regie: Sebastian Nübling
Maxim-Gorki-Theater, Berlin

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